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Popliteratur der 1990er und 2000er Jahre, Schriftstellerinnen II


Christian Dawidowski (Hg.):
Popliteratur der 1990er und 2000er Jahre.
München: edition text+kritik 2019.
191 Seiten, Taschenbuch ,EUR 22.
ISBN 978-3869165868

Carola Hilmes (Hg.):
Schriftstellerinnen II.
192 Seiten, Taschenbuch, EUR 22.
München: edition text+kritik 2019.
ISBN 978-3869166315

Bei der Besprechung des Bandes Schriftstellerinnen I in der Reihe KLG extrakt wurde an dieser Stelle moniert, dass eine Zusammenstellung von KLG-Beiträgen bei einem spezifischen Thema wie der Popliteratur Sinne mache, nicht jedoch auf Basis des Geschlechts der Autorinnen, weil das ihre Marginalisierung fest- und fortschreibt, statt sie aufzubrechen. Denn egal wie man dieses Auswahlkriterium interpretiert, es kommt nichts Schönes dabei raus: Entweder impliziert es, Frauen würden aufgrund ihres Geschlechts ähnlich schreiben, daher mache es Sinn sie zu bündeln, das wird hoffentlich niemand mehr ernsthaft behaupten wollen, oder es heißt, man kann Autorinnen aufgrund eines Beispiels typisieren nach dem Motto, Jelinek, die Feministin, Hoppe, die Sprachkünstlerin usw. Auch das spricht nicht unbedingt für den Glauben an die Vielfalt weiblichen Schreibens. Nun kann das getroffene Urteil gleich doppelt überprüft werden, kürzlich erschienen in der Reihe sind nämlich die Bände Schriftstellerinnen II, abermals herausgegeben von Carola Hilmes, und Popliteratur der 1990er und 2000er Jahre, herausgegeben von Christian Dawidowski.

Die einzige Verbesserung im Vergleich zu Schriftstellerinnen I ist, dass mehr Autorinnen berücksichtigt wurden. Elf an der Zahl sind es, namentlich Emine Sevgi Özdamar, Marlene Streeruwitz, Esther Dischereit, Herta Müller, Kerstin Hensel, Dea Loher, Judith Hermann, Eva Menasse, Terézia Mora, Nora Gomringer und Judith Schalansky. Natürlich lernt man etwas über das Schreiben von Frauen, wenn man sich intensiv mit ihrem Werk und ihrer Poetik auseinandersetzt, doch insgesamt kann leider nur die Kritik an Band I wiederholt und unterstrichen werden. Zudem ist die Auswahl auch diesmal wieder sehr holzschnittartig und versucht, verschiedene Themen und Traditionslinien abzudecken, wie z. B. 'Gastarbeiterliteratur' und 'Fräuleinwunder', das ist gut gemeint, soviel kann man zugestehen, es hilft aber alles nichts gegen das Bauchweh, ich korrigiere, das Kopfweh, das die Konzeption hervorruft. Drei Bändchen (einer soll noch folgen) mit Werkporträts von Schriftstellerinnen – als könnte man so das 'weibliche Schreiben' abbilden, man hatte gehofft, wir seien schon weiter. Es stellt sich auch die Frage nach der Rezeption und der Verwendung: Für welches Publikum ist eine solche Zusammenstellung interessant? Ist das Konzept auch bedenklich, so macht es dennoch großen Spaß sich hinzusetzen und in dem Band zu schmökern, sind die einzelnen Beiträge doch wie immer sehr hochwertig und die Autorinnen großartige Schriftstellerinnen, das steht außer Frage.

Bleibt die 2. These zu überprüfen, nämlich dass ein Thema wie die Popliteratur in der Reihe KLG extrakt mehr Sinn macht. Um die Spannung nicht ins Unermessliche zu treiben, die wenig überraschende Antwort gleich vorne weg: Ja, das macht mehr Sinn. Man kann die einzelnen AutorInnen aufgrund der Porträts ver- und mit dem Postulat der Popliteratur abgleichen: Was verbindet sie, was unterscheidet sie und was sagt das über das Konzept Popliteratur aus? Zum Vergleich, wie soll man das bei den Schriftstellerinnen machen? Was verbindet sie, was unterscheidet sie und was sagt das über… ihr Geschlecht aus? Wohl eher nicht.

Der Band Popliteratur der 1990er und 2000er beinhaltet leicht überarbeitete KLG-Beiträge zu den so unterschiedlichen AutorInnen Sibylle Berg, Maxim Biller, Thomas Brussig, Rainald Goetz, Christian Kracht, Alexa Henning von Lange, Thomas Meinecke, René Pollesch, Kathrin Röggla, Rocko Schamoni und Feridun Zaimo?lu. Schon an den ausgewählten RepräsentantInnen merkt man, dass die Popliteratur so einheitlich nicht sein kann und genau das legt Dawidowski auch in seinem einleitenden Beitrag dar. Er legt sich auf keine Definition fest, sondern zeigt vielmehr, "seit den späten 1960er Jahren existiert kaum ein Konsens über den Gegenstand der Reflexion" (S. 7). In einem kurzen historischen Abriss skizziert er drei Programmatiken, die alle ihre Tücken haben: So definiert Thomas Ernst Popliteratur als Literatur, "die sich der Massen- und Alltagskultur öffnet und damit die Idee einer wahren bürgerlichen Hochkultur in Frage stellt" (ebd.). Das mag stimmen, trifft aber auch auf eine Vielzahl von Texten zu, die mit Popliteratur nichts zu tun haben. Heinrich Kaulen hingegen legt fest, dass mindestens vier der folgenden fünf Kriterien erfüllt sein müssen, um von Popliteratur zu sprechen: "Thematisierung von Lebenswelt, Grenzüberschreitung zwischen E- und U-Kultur, Übernahme formaler Strukturen populärer Musik, Zielgruppenorientierung (jüngere Leser), ein im Gegensatz zur Moderne gewandeltes Autorkonzept" (ebd.). Zu diesem doch recht starren Konzept gesellt sich noch Jörgen Schäfers semiotischer Ansatz, der die Populärkultur als "Ausgangsmaterial" sieht, das vom Autor neu gerahmt wird. Der Herausgeber gibt dann einen pointierten Überblick über Forschungsansätze und Programmatiken, beginnend mit der ersten Phase der Popliteratur in Deutschland. Dabei wirft er aber auch einen Blick auf Vorläufer und verweist auf Rolf Dieter Brinkmann, Jörg Fauser, auf Peter Handke und Elfriede Jelinek, die er der frühen Popliteratur zurechnet. Der Band selbst konzentriert sich dann aber auf die Gegenwartsliteratur und setzt in den 1990ern ein, der Hochphase der Popliteratur, zumindest wenn man nach dem Kriterium der konkreten Zuordnung zum Begriff Pop geht. Die einzelnen Beiträge illustrieren Dawidowskis Annäherung und Problematisierung: Obwohl es viele Gemeinsamkeiten gibt, gibt es auch so große Unterschiede, dass die Zuordnung dann wieder recht willkürlich erscheint. Auch ist das Oeuvre einiger AutorInnen so breit, dass man zwar in einem oder auch in mehreren Werken popliterarische Ansätze erkennt, keinesfalls aber das gesamte Werk hier einordnen kann, auch das wird in den Beiträgen deutlich. Die Zusammenstellung der Beiträge erweist sich als sehr durchdacht und gelungen. Da sind nicht nur die üblichen Verdächtigen dabei, sondern es wird der Vielfalt Rechnung getragen. Abgedeckt werden auch die Randgebiete der Popliteratur, wo Dawidowski zum Beispiel Maxim Biller verortet. Aus der Beschreibung des Werks und der Themen, Methoden und Ästhetiken der einzelnen Autoren und Autorinnen ergibt sich ein breiter Überblick über die Ausprägungen und Verfahrensweisen der Popliteratur(en). Der Fokus auf die Darstellung des Werks und die jeweiligen Schreibstrategien der AutorInnen macht den Band zu einem hervorragenden Hilfsmittel für jeden, der sich sowohl konzeptuell als auch auf Textebene mit Popliteratur beschäftigen möchte.

Veronika Schuchter
04. 11. 2019

 


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