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Lisa Mundt: Als meine Therapeutin schwieg.

Leseprobe:

"Adil, dein Papa sagt, du sagst noch immer nichts."
Adil hält einen Bernsteinknopf ins Licht, das vom Fenster auf den Teppich fällt. Er legt ihn auf dem Boden ab und beugt sich hinunter, bis seine Nasenspitze den Knopf berührt.
"Immer. Du sagst immer nichts."
Adil stützt sich auf und sieht mich an.
"Ich habe auch Tage, da sage ich nichts. Aber ich sage nicht immer nichts. Verstehst du?"
Adil sieht mich an. Ich denke nach.
"Was machst du denn in der Schule? Wenn du nichts sagst?"
Adil zuckt mit den Schultern und wendet sich wieder den Knöpfen zu. Sein Bauch ist in den letzten Wochen kleiner geworden, seine Wangen sind eingefallen. Er hat Ringe unter den Augen.
"Adil."
Adil sieht mich an.
"Kannst du gut schlafen in der Nacht?"
Adil sieht mich lange an.
"Du siehst traurig aus."
Er blickt aus dem Fenster. Dann greift er nach dem letzten Knopf und steckt ihn in die Hosentasche.
"Warte. Wir haben einen Deal." Ich strecke die Hand aus.
Adil holt den Knopf wieder hervor und robbt ein bisschen näher an mich heran. Er legt ihn in meine Hand. Ich greife nach meinem Handy. Er greift auch danach.
"Nein. Ich mache das. Das ist unser Deal."
Adil sieht mich ausdruckslos an. Ich halte den Knopf in meiner Handfläche und mache ein Foto. Dann zeige ich es ihm. Adil wischt über den Bildschirm. Er sieht sich die Knöpfe der vergangenen Woche an, dann nickt er. Ich nicke auch und gebe ihm den Knopf. Er steckt ihn ein.
"Heute ist es ein blauer Knopf. Mit einem schwarzen Rand."
Adil senkt den Blick und zupft an der Decke.
"Ich glaube, dein Papa und du, ihr schlaft beide nicht gut, oder?"
Adil zupft weiter an der Decke.
"Früher, wenn ich als Kind nicht schlafen konnte, bin ich immer zu meiner Mama und meinem Papa ins Bett gegangen."
Adil hört auf zu zupfen. Er sitzt ganz still.
"Gehst du zum Papa ins Bett?"
Adil nickt kaum merklich."Kommt der Wolf auch mit?" Ich streichle das Kuscheltier.
Adil schüttelt den Kopf. Er sieht mich immer noch nicht an."Glaubst du nicht, dass der Wolf gerne jemanden hätte, bei dem er in der Nacht schlafen kann?"
Adil sieht mich an.
"Wenn er Angst hat?"
Adil sieht mich an und blinzelt.
"Wie heißt er denn?"
Er öffnet den Mund und schließt ihn wieder. Dann beginnt er sich langsam wieder Richtung Höhle zu robben.
"Adil, bleib noch da."
Er klettert vorsichtig hinein. Der Karton bewegt sich ein bisschen, dann nicht mehr. Ich streichle den Wolf und denke nach.
"Du kannst natürlich in der Höhle bleiben, Adil. Das macht nichts.
"Es bleibt still. Ich stelle den Wolf neben mir ab, lege mich auf den Rücken und massiere meine Schläfen. Wir warten.
"Ich glaube, du willst noch nicht mit mir reden. Aber das macht nichts. Dann erzähle ich dir etwas."
Ich lege meine Hände auf meinen Bauch und fixiere die Decke. Der alte Lampenschirm ist staubig.
"Wenn ich dein Wolf wäre, dann würde ich mir wünschen, dass du mich bei dir schlafen lässt. Ich weiß, dass du mich nicht magst. Ich glaube, ich weiß auch, warum. Ich verstehe sogar, warum. Aber eigentlich kann ich nichts dafür. Ich möchte nur dein Freund sein. Ich möchte nur für dich da sein. Und ich wünsche mir so sehr, dass du mich lieb hast." Ich denke nach. Der Karton bewegt sich. Dann nicht mehr. "Aber ich weiß, dass ich dich nicht zwingen kann. Also, machen wir einen Deal. Noch einen Deal, okay? Okay, Adil?" Ich setze mich auf. Adil schiebt seinen Kopf etwas näher an den Ausgang. Schatten fallen über sein Gesicht. "Ich, dein Wolf", ich nehme das Kuscheltier und ziehe es wieder auf meinen Schoß, "werde ab jetzt immer an deinem Bettende sitzen und dich bewachen. Du musst mich nicht streicheln. Du musst mich nicht trösten. Ich will dich nur beschützen. Und wenn du mich nicht am Bettende haben willst, dann tust du mich unter das Bett, okay?" Adil sieht den Wolf an. Ich hebe eine seiner Pfoten und strecke sie in seine Richtung.
"Okay?"
Adil nimmt die Pfote zwischen Daumen und Zeigefinger und drückt kurz zu. Dann lässt er los und zieht sich zurück in den Karton. Ich lege mich wieder auf den Rücken und verschränke die Arme hinter meinem Kopf. Der Wolf starrt mich von meinem Bauch aus an. Seine Augen sind schwarz und ausdruckslos. Das Fell glänzt in Weiß, Silber und Schwarz. Ich denke an Adils blauen Knopf. Irgendwann höre ich leises Schnarchen aus dem Karton und schließe meine Augen.

Der Schnee schlägt mir ins Gesicht. Ich ziehe an den Gummischnüren meiner Kapuze. Dann lasse ich sie wieder los und schlage die Kapuze zurück. Ich blicke über meine Schulter. Ein Taxi hält zwei Meter hinter mir. Ein Mann steigt aus. Eine Frau lässt das Fenster herunter und winkt ihn noch einmal heran. Sie küssen sich. Ich gehe weiter.
Die Flocken sind dicht und schwer. Der Abendhimmel löchert den weißen Sturm. Ich stecke die Hände tief in die Taschen und werfe noch einen Blick über die Schulter. Das Taxi ist weitergefahren. Der Mann muss um die nächste Ecke gebogen sein, denn ich sehe ihn nicht mehr. Ich beschleunige meinen Schritt, bis ich das Leuchtschild des Hotels sehe. Ich verschwinde in einem Hauseingang, zünde mir mit kalten und zittrigen Fingern eine Zigarette an und ziehe den Rauch tief in meine Lungenspitzen. Ich spüre einen kalten Tropfen an meinem Ohr. Meine Haare fühlen sich feucht und klamm an.
Ich setze meinen Weg fort, rauche hastig die Zigarette, werfe sie auf die Straße. Vor dem Hotel steht ein Mann und trinkt Kaffee aus einer weißen Tasse. Der Dampf steigt in die kalte Luft und wird zerstoben.

(S. 45-48)

© 2019 Milena Verlag, Wien

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