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Lydia Steinbacher: Schalenmenschen.

Leseprobe aus: "Die letzte Partie"

[...] Und in dem Augenblick verstehe ich es. Sie muss von den Gängen des Bunkers sprechen, die hier vor Jahrzehnten in die Erde geführt haben. Man hat nach dem Krieg versucht, alle Spuren auszulöschen, damit niemand je wieder unter die weiche Erde gehen muss, dorthin, wo es von den Wänden tropft. Vom alten Jahrhundert sind nur noch die Betonblöcke und Schutthaufen unter dem Laub zu erkennen. Sie haben etwas Unantastbares.
"Die Eingänge sind gesprengt", sage ich langsam, "der Bunker ist unzugänglich. Er ist ein Relikt. Worauf warten Sie?"

[...] Wie die Frau hierhergekommen ist, ist mir ein Rätsel.
"Warum sind Sie allein?" Meine Stimme klingt klirrend, aber plötzlich habe ich das Gefühl, sprechen zu müssen.
"Ich weiß nicht, wo Elsa und die anderen stecken, aber sie müssen gleich da sein", antwortet die Alte jetzt beinahe in einem vertraulichen Ton. Nach einer Pause fügt sie hinzu: "Wir können uns nicht einmal mehr die Zeit vertreiben, ein bisschen spielen. Ich habe das Kästchen verloren." Sie blickt in ihren Schoß, wo ihre linke Hand von dem hellblauen Stoff der zu langen Bluse aufgefangen wird. Es sieht sehr sanft aus. Der Rücken ist stark gekrümmt.
Als sie den Satz gesprochen hat, fällt mir die hölzerne Schatulle ein, die ich eben noch in der Hand gehalten und geöffnet habe. Sie muss noch immer in dem Rundtempel auf dem weißen Boden neben einer der Säulen liegen. Der dringliche Blick der Frau haftet in meinem Gesicht, hin und wieder durchsichtig, dann kann man sehen, was unter den Oberflächen liegt. Da ist Erwartung zu erkennen. In einer Iris von hellem Grau, einfach wie Beton. Die Eingänge gesprengt. Sie lässt meine Hand los. Ich werde ihr das Kästchen bringen, für mich besteht kein Zweifel, dass es ihr gehört, sie sind doch beide in einer anderen Zeit geschnitzt und fühlen sich sehr ähnlich an in den Händen.

[...] Als ich den Ort mit den zerbrochenen und im Waldboden verwachsenen Betonplatten erreiche, ist niemand dort. Ich halte die alte Schatulle noch immer fest in den Händen. Da ist einmal ein Eingang gewesen, einer von vielen. Ein paar erste Regentropfen streifen mein Gesicht und von irgendwoher sind Flugzeugmotoren zu hören. In großer Entfernung über mir. Viel zu nah. Dabei fliegen sie hier nie tief.

(S. 43 -47)

© 2019 Septime Verlag, Wien

 

 

 

 

 

 


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