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Lukas Meschik: Vaterbuch.

Leseprobe:

Jedes Leben bleibt Fragment

Eins – mein Vater ist ein Baum

Mein Vater war ein Kärntner. Er war es mit jener bissigen Selbstironie, die es mittlerweile braucht, um diese Last in Würde zu tragen. Ich bin Halbkärntner, also nur halb so selbstironisch wie mein Vater es war, höchstens.
Meine Mutter ist Vorarlbergerin. Ihr Herkunftsort gilt offiziell als die einwohnerreichste Marktgemeinde Österreichs, ein Detail, auf das die Bewohner größten Wert legen. Der örtliche alemannische Dialekt ist besoners obskur. Damit beherrst meine Mutter eine Geheimsprache, die den Rest des Landes vor ein Rätsel stellt. Ich spreche sie zwar nicht, verstehe sie aber immerhin.
Ich bin Wiener und eine Melange. Meine Mutter lebt. Mein Vater ist tot.

Wir finden ihn in seiner Wohung auf dem Küchenboden. Er trägt Unterhose und Unterleibchen, darüber ein offenes Hemd. Es ist seine Daheimbleib-Uniform. Auf der Arbeitsfläche eine Scheibe Schwarzbrot und eine Packung Teebutter, der weichgewordene Butterklotz halb aus dem Goldpapier geschält, auf der Oberfläche leise Rillen. Das Brot ist schütter bestrichen. Das Messer liegt neben meinem Vater am Boden. Mitten im Butterbrotschmieren muss es ihm aus der Hand gefallen sein.

Unser Väter sind alle gleich.
Sie kommen aus kleinen Ortschaften mit verengtem Horizont, werden gezwungen, zu beten und in die Kirche zu gehen. Sie stammen aus bedrückend pragmatischen Handwerkerfamilien. Sie reiben sich an ihrer Herkunft und sind nicht besonders sportlich, ihr schmächtiger Körperbau ist immerhin iedeal fürs Laufen. Sie sondern sich ab in die Welt der Bücher, die an unbekannte Orte fürhen und einen neue Lebensmöglichkeit offenbaren. Sie sitzen im Obstgarten und träumen vom Wilden Westen, beim Umblättern streifen sie mit dem Zeigefinger den Abzug der Silberbüchse. Oft werden sie dabei in Ruhe gelassen. Im Fasching gehen Sie als Cowboy mit aufgemaltem Schnurrbart. In der Schule tun sie sich leicht. Die Bücher infizieren sie mit Wissensdurst und Fernweh.
Sie kehren der Enge des kleinen Ortes des Rücken und retten sich in die Stadt, die vorerst ihren Hunger auf die Welt stillt. Sie wollen studieren und Gleichgesinnte treffen und etwas aus sich machen, das mit Lesen zu tun hat. Im Winter fahren unsere Väter auf Heimatbesuch mit dem ersten eigenen Auto, das ins Schleudern gerät auf der vereisten Straße. Als sie aussteigen, werden sie von ihren Eltern nicht begrüßt, sondern schroff ermahnt, sich gefälligst die Haare zu schneiden. Es ist die Zeit der wilden Frisuren. Unsere Väter steigen wortlos wieder ein und fahren den ganzen Weg ohne Pause zurück. Die Stadt ist jetzt ihr Zuhause.

(Textanfang)

© 2019 Limbus Verlag, Innsbruck

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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