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Markus Mittmansgruber: Austreibungen.

Roman.
Wien: Luftschacht, 2019.

450 Seiten; geb.; EUR 26,70.
ISBN 978-3-903081-26-0.

Autor

Leseprobe

Verstörend, aufwühlend, fordernd – Markus Mittmansgrubers neuester Roman "Austreibungen" ist, das gleich vorneweg, defintiv keine einfache Lektüre. Die Eckdaten der Handlung sind dabei im Grunde schnell erzählt: Im Mittelpunkt stehen Thomas und Paul Nebig, zwei einander über die Jahre fremdgewordene Brüder, die lediglich aufgrund "familiär bedingter Verpflichtungen" noch Kontakt zueinander pflegen. Paul ist Kunstjournalist, der nach einem Zwischenfall in einem Kino seinen Beitrag zur "Islamisierung des westlichen Kunstmarktes" aufgibt und stattdessen von seinem Arbeitgeber nach Italien geschickt wird, um dort für einen Artikel über aufgelassene Vergnügungsparks zu recherchieren ("Hauptsache meta"). Thomas wiederum, der ältere der beiden, ein in einer lieblosen Ehe lebender Pharmavertreter, versucht heimlich, auf verschiedenen Wegen, seine ganz speziellen Neigungen auszuleben, ohne dass jemand etwas davon mitbekommt – bis er zufällig Bekanntschaft mit Andreas Geierhos, einem Museumsaufseher, macht, der ebenfalls besondere Vorlieben hat. Die beiden vertrauen sich dem jeweils anderen an und vereinbaren schließlich, einander beim Ausleben ihrer geheimen Wünsche zu helfen.

Genau diese Obsessionen, Besessenheiten, Neurosen, Schrullen, Macken oder Fetische, welche Bezeichnung man nun auch immer dafür verwenden möchte, sind einer der wichtigsten Aspekte des Romans, die treibende Feder der Figuren, das, was sie alle verbindet. Viele dieser Vorlieben sind ausgefallen, der Großteil davon recht harmlos, manche hingegen, wie jene von Andreas, der für seine Obsession buchstäblich mit dem Feuer spielen muss, (selbst)zerstörerisch. Und nicht wenige haben mit körperlichem oder seelischem Schmerz zu tun, wobei nicht zwangsläufig ein psychologisches Schlüsselerlebnis dahinter stehen muss, wie etwa Thomas, ein sogenannter Caster, der sich von Gipsverbänden angezogen fühlt, an einer Stelle erklärt: "Es gibt mir einfach ein angenehmes Gefühl. In Ordnung? Ich traue mich fast sagen: Geil. Ja. Ein geiles Gefühl. Nicht nur kurzfristig beim Anlegen, also nicht nur das Eingipsen, nein, ja, das auch, aber dann dauerhaft. So eine Art Etui-Gefühl. Ein geborgenes Brillenetui-Gefühl. Und nicht nur in meinem Bein, sondern mir als Ganzes. Einen festen Umriss. Ist einfach so. Das ist alles. Okay? Andreas? Da braucht man nicht familiär herumsuchen oder herumanalysieren, wieso und weshalb. Kann man nicht einfach mal das körperliche Genießen genießen?" Kann man, solange es nicht auf Kosten anderer geht. Denn wenn das Verlangen nach einem bestimmten Gefühl überhandnimmt und Auswirkungen auf das Leben anderer zeigt, endet das Ganze unter Umständen nämlich in einer Katastrophe. Dies wird vor allem gegen Ende des Romans deutlich.

Abseits der beiden Haupt- gibt es in "Austreibungen" noch einige, sich mal mehr, mal weniger überschneidende Nebenstränge, wiederholt auftretende Fäden und Motive, und vor allem dort findet man mitunter die eindrücklichsten Episoden und Schilderungen: etwa eine Reihe von Lesungen von Andreas’ Mitbewohner, die lediglich deshalb zu einem gefragten Ereignis werden, weil er zu Beginn jedes Vortrags eine Kugel auf den Tisch legt und eine nur halbherzig getarnte Drohung vorausschickt; oder den Ausflug eines Mannes, der glaubt, er bestünde aus Glas und würde zunehmend zerbrechen, nicht zu einem, sondern in einen Springbrunnen; oder den furchterregenden Kampf zwischen Thomas und einer Armada an Silberfischchen, die sich gewissermaßen wie eine Mischung aus Hydra und Matroschka gebären und sich trotz zahlreicher Angriffe nur zu vermehren scheinen.

Darüber hinaus bietet der Roman auch eine Vielzahl von Details und vermeintlichen Nebensächlichkeiten, die oft im Kleinen, quasi en passant, zeigen, wie es um die jeweiligen Figuren und ihre Beziehungen zueinander bestellt ist. Ein Beispiel dafür ist der Umstand, dass eine Dame ihren hochgepriesenen Vierbeiner ohne jegliche Verabschiedung in die Obhut einer temporären Hundesitterin gibt, ein anderes Pauls Umgang mit Stress ob der nahenden Deadline für einen Artikel: Unrund und unruhig beschließt er, seine Freundin bei der Vorbereitung eines Handouts zu stören, um sich schnell sexuelle Erleichterung zu verschaffen. Nachdem seine Partnerin ihre Aufgabe zufriedenstellend erfüllt hat, geht er aus dem Arbeitszimmer, um sich eine weitere Ablenkung zu suchen, und findet sie in der aufgeschlagenen und noch nicht bis zum Ende überflogenen Zeitung.

Die größte Stärke des Romans, das, was ihn erst so aufregend macht, ist allerdings der spielerische Umgang mit Sprache bzw. das Zusammenspiel zwischen Form und Inhalt. Mittmansgruber befindet sich sprachlich auf allerhöchstem Niveau, pflegt einen ebenso dichten wie präzisen Stil, wobei sich dies nicht zuletzt zahlreichen Neologismen und Neuschöpfungen verdankt – wo es keinen passenden Ausdruck gibt, muss eben ein neuer erfunden werden. Die Sprache passt sich dabei stets der jeweiligen Figur, der Fokalisationsinstanz und gerade im Fokus stehenden Materie an, was gemeinsam mit den oft fließenden Wechseln zwischen Perspektiven und Textsorten für großen Genuss bei der Lektüre sorgt – das Spektrum reicht von Mono- und Dialogen über Gedankenströme bis hin zu einer abgedruckten Bewertung eines Autoverleihs samt anschließendem Chat zwischen der Verfasserin und einer Nutzerin. Welche Ergebnisse diese Herangehensweise tätigen kann, zeigt beispielsweise die folgende, sich über mehrere Zeilen erstreckende Kapitelüberschrift: "Über den Ritt des betrunkenen Kondors auf einem Stier, über die gefährliche Verwirklichung eines Anliegens, darüber, wie Barbara Nebig vor Jahren das Happy-Picture-Fotolabor erlebt hat, und was es mit dem niedlichen Wombat auf sich hat".

Trotz dieser sprachlichen Leichtigkeit ist "Austreibungen" keinesfalls ein leichter oder gar leichtgewichtiger Roman, was insbesondere mit der zynischen und illusionslosen Weltsicht der Figuren, die sich ebenfalls in der Erzählweise widerspiegelt, zusammenhängt. Mittmansgruber erzählt detailverliebt, schonungslos und ohne Rücksicht von den mitunter grausamen Taten und Wünschen seiner Charaktere, aber vor allem von ihren Qualen. Diese "Poetik des Kaputten", wie es an einer Stelle heißt, entfaltet zwar einen regelrechten Sog, trotzdem fühlt man sich beim Lesen oft geradezu ertappt – als sei man Zeuge eines Autounfalls, von dem man seine Augen einfach nicht abwenden kann, obwohl man merkt, fühlt, weiß, dass es eigentlich falsch ist. Aber natürlich ist genau das einer der größten Vorteile der Kunst, dass man auch aus der Schilderung von Leiden Genuss ziehen kann. Und wie sagt Thomas Nebig doch selbst? "Am besten und wahrhaftigsten genießt man doch immer auf Kosten eines anderen. Oder? Man braucht sich das nur mal zu erlauben."

Simon Leitner
09.01.2020

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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