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Christl Greller: Der Schmetterlingsfüßler.

Erzählungen.
Wien: Passagen, 1998.
168 S., brosch.; öS 266.-.
ISBN 3-85165-316-5.

Link zur Leseprobe

Eine Frau, die sich vorm blinden Fenster in der Nachbarwohnung mehr und mehr zu ängstigen beginnt. Der Gedanke, jemand könnte sie beobachten, verfolgt sie Tag und Nacht. Am Ende gibt sie ihre neue Wohnung auf, ohne jemals zu erfahren, wer sich wirklich hinter dem Fenster verbirgt.
Ein Mann, der nach dem Tod seiner Eltern mit ungeahnter Intensität das Ticken der Uhren im Haus wahrnimmt. Besessen vom Klang der Zeitmesser, beginnt er schließlich eine Uhrmacherlehre.
Ein neues Einkaufszentrum an der Peripherie, das praktisch ohne Personal auskommt. Als ein Mitarbeiter die Lagerräume inspiziert, ergreifen ihn Computerarme und verfrachten ihn wie ein lebloses Ding ins Regal.

Christl Grellers Erzählungen sind im Alltag angesiedelt. Sie beginnen dort, wo es eigentlich nichts Aufregendes zu entdecken gibt, um dann um so konsequenter einen Bruch zu vollziehen. Greller inszeniert Störfälle. Kleine, minimale Irritationen lösen im Leben ihrer Figuren ungeahnte Erdbeben aus. Ein einfacher Blumenstrauß aus Plastik am Familiengrab entwickelt sich zur existentiellen Frage um Stil und steigert sich bis zum handgreiflichen Gemenge. Ein abendlicher Jagdausflug eines Geschäftsmannes endet damit, daß er - durch den Abstieg vom Hochstand verletzt - die Nacht im Wald verbringen muß. Im Halbschlaf gesellt sich ein fremdes Wesen zu ihm.

Einige von Grellers Geschichten sind einer romantischen Tradition, die bei ihr in neuem, zeitgemäßen Gewand auftritt, verpflichtet: hinter dem Alltäglichen, der vertrauten Welt, lauert eine beunruhigende, eine ganz und gar unheimliche. Grellers fast sachlich-berichtende Sprache schafft Distanz zu ihrem Gegenstand. Und diese Distanz steigert wiederum das Gefühl des Unheimlichen. Sie zeichnet ganz normale Menschen, mit einem Hang zum Einsiedler allerdings, in denen von heute auf morgen eigenartige Ticks oder Spleens oder fixe Ideen ausbrechen. Manchmal erscheint auch nur die Umgebung, unsere Welt in seltsames Licht getaucht.

Der Schritt kann jedoch auch in eine andere Richtung gehen: Nicht das Grauen tritt zutage, sondern das Vertraute erscheint plötzlich in neuem, interessantem Licht, wie in jener Geschichte, die dem Buch seinen Titel gibt. Ein Traum von einem leichtfüßigen Huftier, das in die Wohnung eingedrungen ist, versetzt Helene in so angeregte Stimmung, daß sie gegen ihre sonstigen Gewohnheiten ein Gedicht verfaßt.

Grellers Geschichten sind genau beobachtet, unprätentiös geschrieben, ohne Hang zum Anekdotischen. Nur an wenigen Stellen wirken sie überfrachtet. Etwa, wenn ein Sparkassenbeamter, von plötzlicher Sehnsucht nach Natur gepackt, in den Wald rennt, am Boden kriecht, um Beeren zu pflücken, dort aber - für einen Bären gehalten - erschossen wird. Sein Name war, so stellt sich später heraus: Oskar Bär. Oder wenn ein stets geschäftiger Herr im Kaffeehaus auf einmal den Reiz des Wartens entdeckt, die Möglichkeit den Blick streifen zu lassen, nicht selbst im Strudel des Agierens stecken zu müssen, sondern still zuschauen zu dürfen. Bei Dienstschluß finden ihn die Kellner tot. Und einer sagt: "... vielleicht ist der, auf den er gewartet hat, doch gekommen ..." (S. 51). Darauf wären wir auch selbst gekommen.

Karin Cerny
23. November 1998

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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