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Florian Neuner: Ramsch.

Berlin: Distillery Press, 2019.
56 S.; brosch.; EUR 8,-.
ISBN 978-3-941330-49-8

Autor

Leseprobe

"Alle Hoffnung auf Sinn ist vergeblich. Aber die Geschichte geht noch weiter." (S.50) Dieses Statement am Ende von Florians Neuners Buch "Ramsch" könnte auch gut am Beginn seines Textes stehen. Ist es doch eine auf das Wesentliche reduzierte Beschreibung, wie der Autor Romane betrachtet.
Neuner setzt sich mit einer Unzahl von zusammenhanglos aneinandergereihten Sätzen mit der Frage nach dem Sinn von erzählten Fiktionen auseinander. Dass der an lineare Geschichten gewöhnte Leser seine Probleme mit Neuners Buch haben wird, mag nicht überraschen. Dabei steht jeder Satz für sich, für eine eigene Geschichte, die den Plot eines ganzen Romans ergeben könnte. Durch das Nebeneinander dieser autarken Sätze entsteht so etwas wie eine erzählerische Dynamik, die dennoch in die Sinnlosigkeit führt. Der Leser sucht die lineare Handlung und scheitert an Neuners montierten Texten. Dabei hat er die Personen in seinen Texten zum "Jemand" verallgemeinert, so dass der Leser in die kurzen Sätze seine eigenen Bilder und Geschichten hineinprojizieren kann. Aber Neuner lässt dem Leser keine Ruhe, jeder neue Satz ist ein Bruch mit dem vorhergehenden und ein kleines Drama für sich. Die Sätze erfüllen Klischees und ergeben im Zusammenhang so etwas wie die Inhaltsangabe der gängigen Romanliteratur mit viel Splatterpotential.

"Ramsch" ist ein eindrucksvolles Statement gegen die Flut der erzählten Geschichten, die der Autor für überholt hält. Und auch wenn der Leser irritiert sein mag ob der Textcollage, findet er eine ganze Welt von Ideen wieder, die nicht weiter ausformuliert werden müssen. Neuner gelingt dies durch die leicht abgeänderten Wiederholungen von Handlungen, die all die Klischees der Romane entlarven.
Das Paradoxe an den drei kurzen Texten ist, dass es dem Autor zugleich gelingt, die Überflüssigkeit von Romanen und ihren Anachronismus aufzuzeigen, um doch zugleich für all die verzweifelten Autoren, die sich nach Inspiration sehnen, genügend Stoff für tausend weitere Bücher zu liefern. So könnte es sein, dass Neuner gerade das Gegenteil von dem, was er beabsichtigt, erreicht und sein Buch als Ideengeber zahlreicher neuer Romane dienen wird.

In seinem sehr klug geschriebenen, nicht einmal eineinhalb Seiten langen Nachwort weist er zu Recht daraufhin, dass das Erzählen in der Literatur zum Anachronismus geworden ist. "Ein Realitätsausschnitt soll in einem bestimmten Licht erscheinen, Deutung und Bewertung inclusive. (…) Dabei ist die heute marktbeherrschende Art des Erzählens ein literaturhistorisch recht junges Phänomen." (S. 52) Neuner zitiert unter anderem Alexander Kluge, um aufzuzeigen, dass die lineare Erzählung in der Literaturgeschichte eine Ausnahme darstellt und eine Erfindung des 19. Jahrhunderts ist. Neuner behauptet, dass die linear erzählte, also komlexitätsreduzierte Erzählweise leichter zu verkaufen ist. So wird aus dem kleinen Büchlein "Ramsch" eine große Abrechnung mit den Konsumgewohnheiten der Leser und der Unterhaltungsindustrie, ob Buchverlage oder Filmstudios.

Florian Neuner ist immerhin so vermessen, darin erinnert er an die alten Avantgardisten, uns eine Lösung anzubieten und sozusagen das "endgültig letzte Buch" zu schreiben. Sein Buch erspare uns die Lektüre und das Anschauen mehrerer hundert Romane und Filme. Wir gewännen somit an Lebenszeit, die wir sinnvoller verwenden könnten, als in den immer gleichen Klischees der Romanproduktion seit dem 19. Jahrhundert zu verharren. Es fragt sich nur, wollen wir das und wenn ja, was machen wir mit der gewonnenen Zeit? Denn: "Alle Hoffnung auf Sinn ist vergeblich. Aber die Geschichte geht noch weiter."

Ergänzt wird der kurze Text durch Fotografien von Jörg Gruneberg. Es sind Schwarzweißbilder von Bücherstapeln und -kisten, die den Fokus auf die abgenutzten Seiten legen. Titel sind fast nicht erkennbar, es geht nicht um das einzelne Werk, sondern vielmehr um die schiere Menge von Seiten und damit implizit der gedruckten Worte, die nun als Ramsch angeboten werden. So sind diese Fotos von benutzten Büchern die ideale Ergänzung zum Text von Florian Neuner, da auch sie die Frage aufwerfen, ob all diese gedruckten Geschichten überhaupt gebraucht werden.
Schade ist, dass der Verlag es nicht für nötig befunden hat, neben dem Autor auch den Fotografen mit biografischen Angaben kurz vorzustellen. Es entsteht so der Eindruck einer ungleichen Wertung der beiden Künstler.

Spunk Seipel
28.01.2020

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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