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Florian Neuner: Ramsch.

Leseprobe: Marsch!

Alle Hoffnung auf Sinn ist vergeblich. Einen 15-jährigen Schiffsjungen langweilt das Leben in der kleinen Stadt. Ein spießiges Paar vertreibt sich seine Langeweile mit Geisterbeschwörungen. Eine New Yorker Galeristin leidet zunehmend am Zwang zur Selbstoptimierung. Ein Trommler überlebt als einziger Musiker einer Militärkapelle ein Busunglück & spielt für die Insassen einer Nervenklinik, während ihm noch Blut aus den Ohren sickert. Ein Schriftsteller trennt sich von seiner Frau & hängt fixen Ideen nach. Eine Frau verliert bei einem Massaker alle ihre Kollegen & Freunde, steht danach unter Polizeischutz & muß mit dem Zufall des Überlebens klarkommen. Ein in Berlin gescheitertes Paar will in einem ostdeutschen Dorf ohne Internet & Perspektiven, aber mit den alten Vorurteilen & neuen Ängsten vor Migranten den Neuanfang wagen. Ein Gymnasiast begehrt gegen die geradezu modellhafte Dumpfheit seiner Familie auf. Ein Paar, kurz vor der Trennung, halluziniert sich einen Sohn, den es nie hatte. Ein Mann, der auf die 50 zugeht, verliert alles. Der Schiffsjunge träumt von einer Flucht ähnlich der von Huckleberry Finn auf dem Mississippi & so geht das in Etappen immer weiter. Von einem leerlaufenden Automatismus gesteuert, fordert das Kriegsgeschehen an der südlichen Ostfront sinnlose Menschenopfer. Giftgrüne Nebel breiten sich aus. Bezeichnenderweise steht am Beginn des Berichts die Erinnerung an ein politisches Ereignis. Die mörderischen Kämpfe, der Stellungskrieg, die Materialschlachten, die Gasangriffe, die nächtlichen Patrouillen durch zerschossene Wälder, das hundertfache Sterben ringsumher kehren mit fast stereotypischer Gleichförmigkeit wieder. Hoffnung auf Besserung gibt es nicht. Die Revolution ist an einem toten Punkt. Gerüche & Geräusche überlagern den Alltag, & immer wieder ereignet sich Ungeheures. In Niedersachsen wird es für die zunächst in einem Asylbewerberheim wohnenden jüdischen Aussiedler richtig hart. Korinthische Säulen stützen mit tief gelappten Akanthusblättern einen weiß getünchten Renaissance- Portikus. In den Kaschemmen läuft indische Filmmusik, ein buntes Völkergemisch sitzt friedlich zusammen. Es wird gelacht & gestritten, der Abstand zwischen den geschiedenen Eltern & den Geschwistern erweist sich zwar als groß, kann mitunter aber bei üppigen Mahlzeiten überbrückt werden. Dunkle Gerüchte, schließlich Wirrnis, Panik, Zwist & Händel führen endlich zu einem offenen Kampf. Alle Hoffnung auf Sinn ist vergeblich. Bourgeoises Pflichtdenken verdrängt den romantischen Lebenstraum in den Bereich melancholischer Erinnerung. Jemand zerbricht an den sexistischen Rollenvorstellungen im Nigeria der achtziger Jahre. Jemand geht in seine Heimatstadt in der Provinz zurück & führt dort bei seinen Eltern ein Leben voll verzweifelter Langeweile. Jemand reist von Hongkong aus ins Herz der fundamentalistischen Finsternis. Jemand lauscht den Diskussionen akademischen hochgebildeter Taxifahrer. Jemand fährt im Morgengrauen zur Budapester Elisabethbrücke, um Waschmittel in die Donau zu schütten. Jemand jettet ohne Partner, Kinder & feste Bindungen um die Welt. Jemand scheitert als Bildhauer & versagt als Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg. Jemand bricht zusammen & kommt in die Irrenanstalt.

(S. 37-38)

© 2019 Distillery, Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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