logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

FÖRDERGEBER

Bundeskanzleramt

Wien Kultur

PARTNER/INNEN

Netzwerk Literaturhaeuser

mitSprache

arte Kulturpartner

Incentives

Bindewerk

kopfgrafik mitte

Gunther Neumann: Über allem und nichts.

Roman.
Residenz Verlag, 2020.
240 S.; geb.; 22 Euro.
ISBN 978-3-7017-1726-2.

Autor

Leseprobe

"Der Himmel war der Raum für die hellsten ihrer Träume, und Fliegen die konsequente Verwirklichung." Die da träumt, das ist Clara Fink, 37, Copilotin bei einer spanischen Billigfluglinie, auf dem Weg zur Flugkapitänin und die Protagonistin in Gunther Neumanns Erstlingsroman "Über allem und nichts". Ihr Weg war anstrengend. Nach einem abgebrochenen Studium und damit einhergehend dem Abbruch einer langjährigen Beziehung mit einem phlegmatischen Veterinärstudenten jobbte sie sechs Jahre lang als Stewardess, sparte Geld für das Ablegen teurer Privatpilotenscheine in den USA. Dann die Fliegerberufslizenz, anschließend die Zertifizierung der amerikanischen Flugscheine in Europa. Zwei Tage vor ihrem 31. Geburtstag schließlich die Zulassung für die Boeing 737. Fünf Jahre lang flog sie auf Kurzstrecken als Copilotin, seit einem Jahr ist sie auf Langstrecken mit einer Boeing 777 unterwegs.

Doch auf dem Boden hat sie zusehends den Halt verloren. Sie steckt zwischen zwei Männern und zwei recht unterschiedlichen Liebesbeziehungen. Zwischen Matthias, geschieden, Anwalt in München, einfühlsam, jedoch latent mehr einfordernd, als sie zu geben bereit ist, mit einer geschmackvoll ausgestatteten Wohnung, einem grünen Daumen für Pflanzen und seiner Zuwendung, die Clara oft zu viel wird. Ist sie in seinem Leben und in seiner Wohnung nur ein weiteres, geduldig ausgewähltes Artefakt? Sein amouröser Konterpart ist Gabrio, Flugkapitän, ihr Kollege bei der spanischen Airline und einst Claras Ausbilder beim Flugkurs in den USA, ein grober, streitsüchtiger Macho, selbstbewusst bis zur Arroganz, auch sexuell gebieterisch, ja herrisch, ein Mann, der sie "beruflich vernichten würde, wenn sie ginge", so Clara. Dazu kommt die Hängepartie, zum Kapitänskurs zugelassen zu werden, die vom Management gemachte Zusicherung ist bereits um drei Monate überschritten. "Gabrios Prügel hatte sie über sich ergehen lassen. Matthias dagegen hatte sich im letzten Jahr mehr und mehr in ihre Gedanken eingeknüpft. Zuletzt war es wie ein Weckerpiepsen, das sie selbst im Cockpit nicht abstellen konnte."

Professionell ist Clara von großer Sicherheit, emotional und psychisch dagegen ist sie labil. Und so flieht sie für einen Urlaub nach Sri Lanka. Nach elf Jahren ist sie zum ersten Mal wieder dort. Damals lernte sie einen väterlichen Guide kennen, mit dem sie gemeinsam die Insel erkundete und für sich entdeckte. Dann, auf der Rückfahrt im nightmail-Zug nach Colombo, wurde sie das Opfer einer Gruppenvergewaltigung durch betrunkene Soldaten. Dann einige Zeit später, in Mombasa, neuerlich eine Vergewaltigung durch mehrere Männer. Und seit einem Vierteljahrhundert hat sie tief in ihrer Psyche einen massiven, verstörenden sexuellen Missbrauch durch einen Freund ihrer Großmutter vergraben, an den zu rühren so schmerzhaft ist, dass sie dafür keine Worte hat. "Sie konnte mit niemandem über die emotionalen Restbestände reden, als die Selbstüberschätzung, die sie dem 777-Typerating verdankte, bröckelte. Jeder Stromkreis im Flieger hatte ein Back-up, dachte sie, nur meine blöden Nervenbahnen haben keines. Stimmen kamen ohne Warnung, zerflatterten, Selbstvorwürfe zerrannen an ihrem Körper."

Sri Lanka bereist sie mit einem Motorrad. Sie sucht nach Balance, denn endlich konnte sie die physisch wie psychisch brutale Beziehung mit Gabrio beenden. Doch auch Matthias hat ihr einen Brief geschrieben, in dem er das Ende ihrer Liebe in Worte zu fassen versucht. Diesen Brief hat sie tief in ihr Gepäck geknüllt, erst kurz vor der Abreise findet und liest sie ihn und bricht endgültig zusammen.

"Fluchtwege sind nie ausgetretene Pfade. Verdammter Blödsinn. Sie war Pilotin. Die den Boden unter den Füßen verliert. Wie sollte sie jemandem da unten denn auf Augenhöhe begegnen, wenn sie so lange von oben runtergeschaut hatte." Gefühlsmäßig ist sie kaum gewachsen, sie fühlt sich durch und durch unsicher. Nur das Fliegen, eine Zuflucht, mit der sie sich buchstäblich über alles erheben kann, verleiht ihr Sicherheit und Leichtigkeit und so etwas wie Halt. "Im Flug musste sie sich nicht festlegen, sich nur im Gleichgewicht zwischen Zeitlücken halten, die Zukunft war ohnehin interessanter als das Jetzt. Doch die Zukunft war nicht von Dauer, reichte höchstens bis zur nächsten Landung an einem austauschbaren Ziel. Ihr Energiekonto war weit überzogen. Der Ton einer unsichtbaren Stimmgabel hatte sich durch das ganze Flughafenlabyrinth ausgebreitet, raubte ihr das Gehör. Nicht sie zitterte, sondern der Boden, die Wände bebten."

Dann wird Clara Kapitänin. Doch nur kurze Zeit später verkündet ihre Fluglinie die Insolvenz. Nach Wochen existenziellen Bangens, der Beklemmung und der Verzweiflung bewirbt sie sich bei einer Safari-Airline in Tansania. Und wird zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Kann sie, darf sie, wird sie weiterfliegen, einziges sie erfüllendes Ziel in ihrem Leben?

Gunther Neumann, in Linz geboren, heute in Wien ansässig, hat lange für Nichtregierungsorganisationen, die OSZE, die Europäische Union und die UNO wie auch als Auslandskorrespondent in Asien, in Afrika und in Lateinamerika gearbeitet. Dass "Über allem und nichts" sein literarisches Debüt sein soll, mag man kaum glauben. Respektive sogleich die Maxime aufstellen: das erste Buch erst nach intensiven Welterkundungen im vorgerückten Alter schreiben! Mit diesem furiosen und sprachlich ausgefeilten Buch voller intensiver, nahezu magisch aufgeladener Orts- und Landschaftsbeschreibungen vor einem hochaktuellen ökonomischen Hintergrund von prekären, teils ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen – Kehrseite des Billigtourismus – präsentiert Neumann eine faszinierende Charaktertiefenbohrung einer von Schmerz umgetriebenen, zutiefst unglücklichen und verletzten Glückssucherin, die Gelegenheiten ausweicht, die sie einengen könnten, die Konstellationen sprengen muss, um wieder einsam zu sein, die Glück spüren will und doch nur eines unternimmt – dem Glück zu entfliehen. Die sich betäuben muss, um das Vakuum in ihrem Leben nicht mehr zu spüren. "Nach dem Verstummen der Turbinen vibrierte ihr elektrischer Körper für Stunden weiter, aus Andockraupen pulsierten Menschenschwärme in den Terminal, die Rolltreppe zog ihre Hand davon, ihrem Puls voraus oder hinterher, ein weiterer gestriger Tag, Aufbruch ohne Ankunft, sie war übererregt, abgestumpft, zugedröhnt im Lärmkraftwerk jenseits der Erschöpfung, bis es keinen Unterschied zwischen aus dem Takt geratenen Codes und sinnfreiem Rauschen mehr gab."

Alexander Kluy
18.02.2020

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht nowendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Literaturhaus-Textwerkstatt – online

Do, 28.05.2020, 18.00-21.00 Uhr online-Schreibwerkstatt für Autor/inn/en von 18 bis 26 Jahren In...

Super LeseClub mit Diana Köhle & David Samhaber – online

Mo, 15.06.2020, 18.30-20.30 Uhr Leseclub für Leser/innen von 15 bis 22 Jahren Du willst dich mit...

Ausstellung
KEINE | ANGST vor der Angst

virtuelle Ausstellung 6. April bis 30. Juni 2020 www.erichfriedtage.com Besuchen Sie die...

Tipp
REANIMATION LAGEBEZEICHNUNG
flugschrift von Christian Steinbacher

Lediglich in Stichwörtern, ja so möchte sich eine besonnene Konzeptliteratur verwirklicht...

Incentives – Austrian Literature in Translation

mit neuen Beiträgen zu Marco Dinic, Raphaela Edelbauer, David Fuchs, Nadine Kegele, Angela Lehner,...