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Barbara Hundegger: [anich.atmosphären.atlas].

Gedichte.
Innsbruck/Wien: Haymon Verlag, 2019.
208 S.; geb.; Euro 19,90 [A].
ISBN
978-3-7099-3436-4.

Autorin

Leseprobe

Welch schöne Idee, dem Werk eines großen Kartographen des 18. Jahrhunderts einen Atlas aus Gedichten zu widmen, einen, der nicht Land vermisst, sondern Zeit und Geschehnis und die Atmosphären, die zwischen ihnen schwingen: Peter Anich erfährt durch die Lyrik Barbara Hundeggers eine besondere literarische Würdigung. Den einfachen Bauernsohn, der sich zunächst rein autodidaktisch mit Geographie und Sternenkunde befasst und erst mit 28 Jahren beim, wie Hundegger schreibt, "Pater Professor" Ignaz von Weinhart in Innsbruck eine geregelte Ausbildung bekommt, Globen und Taschen-Sonnenuhren konstruiert und sein Werk schließlich mit dem "Atlas Tyroliensis", der ersten einheitlich konzipierten Karte eines europäischen Landes krönt, zerreibt es am Ende zwischen den Ansprüchen der Herrschaft, seinen eigenen Träumen, seiner angegriffenen Gesundheit und des trotz eines gewissen Ruhmes kläglichen Einkommens. Er wird nur 43 Jahre alt.

Mit [anich. atmosphären. atlas] legt Barbara Hundegger nach fünf Jahren wieder einen eigenen Gedichtband vor. Mit über zweihundert Seiten ist das Buch für eine lyrische Einzelpublikation recht umfangreich ausgefallen, und das hat durchaus seinen Grund. Die Befürchtung, dass da jemand Gedichte als Vehikel für die eigene Weitschweifigkeit gebraucht, muss man bei Barbara Hundegger selbstverständlich nicht haben. Im Gegenteil – hier ist kein Vers zu finden, der entbehrlich gewesen wäre, alles ist sehr genau gemacht. Ihren "Gedichtatlas" hat der Haymon Verlag denn auch mit einem zartgrünen Umschlag bedacht, auf dessen Hintergrund ein minutiös gezeichneter Kartenausschnitt jede Bergspitze, jeden Baum und jeden noch so kleinen Ort benennt.

Die 1963 in Hall/Tirol geborene Lyrikerin ist durch ihre von einem literarisch sublimierten Feminismus geprägten Gesellschaftsportraits bekannt geworden, die gleichermaßen erfrischend zupackend wie sprachlich elegant sein können. Lange Zeit galt sie als Geheimtipp, trotz der eindrucksvollen Auszeichnungen, die sie seit den 1990er Jahren erhalten hat – so etwa den Anton-Wildgans-Preis 2014 oder gleich mehrfach den Kunstpreis der Stadt Innsbruck, wo die Dichterin heute lebt. Dort und in Wien hat sie Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaften studiert und ist seit langem in zahlreiche feministische Projekte involviert, die sich unter anderem auch mit "Herrschaftsstrategien" und "patriarchaler Ökonomie" auseinandersetzen.

Hier scheint auch ein Anknüpfungspunkt zu ihrem neuen Gedichtband [anich. atmosphären. atlas] zu sein. Denn das genaue und eng an die historischen Überlieferungen angelehnte Nachspüren der Biographie von Peter Anich ist nicht zuletzt auch ein Buch über die Schwierigkeiten, sich aus niederen gesellschaftlichen Schichten zu allgemeiner Achtung und Anerkennung aufgrund erbrachter Leistungen emporzuarbeiten:

"wenn das keine ehre sei dass ihre / majestät die kaiserin geruht hab' / dir gnädig anzubefehlen: ganzes / mitternächtiges tirol zu messen [...] neben der pflicht der gebührlichen freude: drückt das / ein schwerstes gewicht auf dich"

"mitternächtig[..]" bedeutet hier, wie der kurze, aber sehr informative Anhang zu den Gedichten erklärt, im Sinne von "nördlich" Nord-, Ost- und Südtirol ohne das heutige Trentino. Auch der biographische Eintrag von Gertrud Pfaundler-Spat aus dem "Tirol-Lexikon" über Anich wird der Leserschaft als kleine Orientierungshilfe durch den Gang der Gedichte ­– die bei Licht betrachtet eigentlich ein einziges großes Langgedicht sind – mitgeliefert. Wie genau Hundegger ihre Verse auf den historischen und geografischen Gegebenheiten aufzubauen versteht, zeigt sich auch aus der Liste der von ihr herangezogenen Literatur, u.a. zur Tradition ländlicher Gewerbe in Tirol oder zu Betrachtungen über die Korrelationen von Weltkarten und Weltbildern.

Und zu den Weltbildern hat die Dichterin – wäre sie sonst eine? – naturgemäß Essenzielles beizusteuern: den sezierenden Blickwinkel der engagierten, politisch denkenden und handelnden Frau des frühen 21. Jahrhunderts, den empathischen Kommentar zu einem längst vergangenen Leben, der sich vor der Leserschaft in Form einer direkten Ansprache entfaltet:

"man will dich lenken | von allen seiten | deine gaben nutzen | du sollst sie ihnen schenken | sie nicht für andres nur verschwenden | schon gar nicht: für dich"

Hundegger gibt dem Geschehen in ihren Versen ihren eigenen Rhythmus mit, der elegant mit der Sprache vergangener Jahrhunderte spielt und dabei ganz authentische Aussagen auf der Höhe aktueller Diskurse zu machen imstande ist, etwa wenn sie auch die Rolle von Anichs Schwester Lucia herausstellt, die "den hof gehalten | das feuer bewacht | deine gebrechen mit dir ausgestanden hat" und mit ihr und Anichs Gehilfen Hueber auch Menschen Raum gibt, deren dienende und oft uneigennützige Funktion den Erfolg des Meisters erst möglich gemacht haben. So zeichnet Hundegger so lyrisch wie bitter die Kette der Abhängigkeiten nach, von den Knechten, die "von dem vieh das sie hüten kaum zu unterscheiden" sind bis hinauf zu "euer exzellenz exzellenzien euer gnaden hochwohlgeboren gnädig hochgebietende herren herrn", denen die Karten und Globen Anichs ohnehin nur Mittel zur Festigung und zum Ausbau ihres Machtanspruches sind, und er: der preisgünstige Nützling.

"[...] ein solcher mann | der mit nur wenigen kosten verschaffte was andre nicht würden bewirken welche man mit aufwand aus entlegener landschaft kommen lassen müsst' | mitsamt der vorteile und bequemlichkeiten die man ihnen ganz unfreiwillig von vornherein u. vertragsverbindlich zuzusagen hätt'"

Den mehr biographischen Passagen stehen immer wieder reflexive Einschübe gegenüber, oft mit wenigen Worten federleicht und treffsicher skizziert: "die scheu vor: der / annahme der aus- / nahme die du bist". Gelegentliche Binnenreime wirken wie zufällig, die kunstvolle Sprache Hundeggers, die Zeiten, Landschaften, Menschen, Gedanken und gesellschaftlichen Gestaltungswillen in eins zu fassen versteht, kommt ohne historisierende Manierismen aus.

Wenn sich, wie im Falle von [anich.atmosphären.atlas] aus thematischem Anspruch und dichterischem Können ein tragfähiges Konzept ergibt, das gleichermaßen historisch und kritisch zu Werke geht wie es auch sprachlich und lyrisch bezaubert, dann darf man das wohl mit Fug und Recht als einen literarischen Glücksfall bezeichnen.

© Marcus Neuert, 10. Januar 2020

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich.
Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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