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Nava Ebrahini: Das Paradies meines Nachbarn.

Leseprobe:

Wir waren etwa dreißig Jungs. Wir waren weder ausgebildet noch bewaffnet. In einem Bus wurden wir in den Süden transportiert, um gegen die irakischen Truppen anzutreten. Daraus, welchen Zweck wir erfüllen sollten, machten sie keinen Hehl: "Ihr zieht in den heiligen Krieg, ihr opfert euch für unsere richtigen Soldaten, die hinter der Kampflinie warten. Fürchtet euch nicht, ihr werdet im Paradies erwachen." Das hatten sie uns in der Schule schon eingetrichtert. Ich war auch geneigt gewesen, daran zu glauben. Aber meine Eltern hielten nichts von den Mullahs. Sie brachten mir früh die Bedeutung des Wortes Propaganda bei. Kein anderes Wort verwendeten sie so häufig. Wenn ich wiedergab, was sie uns in der Schule erzählten, wuschen sie mir ordentlich den Kopf. "Du hast genau ein Leben auf Erden, mehr nicht, krempel dir die Ärmel hoch und mach was draus", hämmerten sie mir tagtäglich ein. Und "Glaube ihnen kein Wort, sonst bist du verloren. Glaube ihnen nicht einmal, wenn sie sagen, dass eins plus eins zwei ergibt."
Trotz allem, als ich aus dem Busfenster die karge Landschaft betrachtete, malte ich mir das Paradies aus. Darin konnte ich den ganzen Tag Fußball spielen oder im Bett liegen, Cola trinken, Eis essen, Knight Rider gucken und Autos zeichnen, die meine Mutter dann, sobald der Entwurf fertig war, vorfuhr und mir übergab. In meinem Paradies besaß ich natürlich schon einen Führerschein.
Mein Sitznachbar, ein Jahr älter als ich, stellte sich das Paradies ganz anders vor. Sollte es so sein, dass jeder sein Paradies selbst gestalten konnte? Ja, schloss ich, schließlich konnte das Paradies meines Nachbarn meine Hölle sein. Dann musste Gott ja meine Vorstellungen vom Paradies kennen – oder sollte ich diese vorsichtshalber noch einmal in ein Gebet verpacken? Beten? Schon stieg schlechtes Gewissen meinen Eltern gegenüber auf. Wer im Krieg kämpfe, hatten sie uns in der Schule gesagt, der wasche sich mit seinem Blut von den Sünden rein. Die nächste Frage ploppte auf: Hocke jeder allein in seinem persönlichen Paradies?

(S. 49–50)

© 2020 btb, München

 

 

 

 

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