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Nava Ebrahini: Das Paradies meines Nachbarn.

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Roman.
München: btb, 2020.
224 S.; Euro 20,60.
ISBN: 978-3-442-75869-2.

Autorin

Rezension


Leseprobe:

"Wie auf einer Kuhwiese fühle ich mich, wenn ich Euch so ansehe. Jede Menge große Augen und Gehirne, die nichts als wiederkäuen. Dabei dachte ich, ich hätte ein Date mit dem Inhouse Design eines internationalen Toplabels. Moment, bin ich hier überhaupt richtig, lasst mich mal nachsehen… Ja, doch, stimmt, elf Uhr dreißig in der Big Bubble. Also die Topdesigner, das müsst wohl ihr sein.
Aber meine simple Frage scheint euch ja echt schon herauszufordern.
Im Ernst: Was denkt ihr denn so angestrengt nach? Oder nein, ihr denkt nicht, ihr grübelt. 'Grübeln' ist genau das richtige Wort für das, was ihr tut. Klingt wie 'krümeln'. Ihr krümelt euch jetzt alle so einen Scheiß zusammen. 'Was hat mich das letzte Mal begeistert? Ja, was? Ähm. Hm. Phu. Dass ich mein Tagesticket fürs Freibad zweimal verwenden konnte?'
Ihr seid so ängstlich angestrengt. Eure Angst macht euch so eindimensional. So lesbar. Ihr müsstet euch mal sehen. Bücher für Erstleser sind eure Gesichter! Wovor habt ihr eigentlich Angst?
Okay, braucht ihr mir nicht zu verraten.
Also. Was hat euch das letzte Mal so richtig begeistert?
Dann seid doch wenigstens ehrlich. Dann kommt vielleicht etwas Interessantes dabei heraus. Oder wenigstens ein Lacher. Ich wette, ihr seid mit den Gedanken schon auf der dritten Metaebene. Ihr habt jede Antwort schon mehrmals wiedergekäut.
'Der Film mit Matt Damon in der Hauptrolle war cool, aber Film ist zu naheliegend, ich brauche etwas, das nur mich begeistert haben kann, weil nur ich diesen einzigartig genialen Blick auf die Dinge habe. Die Anordnung der Topfpflanzen auf der Blumenampel im Treppenhaus? Das hätte etwas Nerdiges. Noch besser wäre aber etwas Anti-Intellektuelles. Hm, krümel, krümel.'
Ihr macht ein Gesicht wie eure Eltern im Italienurlaub, im Restaurant, krümelnd über der Speisekarte hockend.
'Nehme ich die Pizza Hawaii oder das Schnitzel?'
Ihr werdet Euer Leben lang weiter krümeln, wenn ihr nicht mal langsam in die Gänge kommt. Ihr speichelt eure Krümel ein und macht daraus faden Brei. Das ist eure Masche. Immer mehr Brei, alles pappt ihr irgendwie zusammen. Mir wird ganz schlecht bei dem Gedanken an den ganzen Brei, den ihr in eurem breiigen Leben schon produziert habt. Gut, dass jetzt die Tür aufgeht, sonst ersticke ich gleich, und so spontan wie ihr seid, würdet ihr mir dabei zusehen, wie ich erst nach Luft ringe, und darüber nachkrümeln, was jetzt eine coole Reaktion wäre.
Ah, endlich die Liste mit allen Kreativen, danke. 'Kreativen', ha!
Benjamin B. Benecke, Industrial Design. Johanna Ehrmann, Market Research. Joelle Schummer, CMF-Design. Joelle. Noemi Puder. Hahaha! Du warst auf der Waldorfschule, hundertpro."

(S. 16-17)
 

Wir waren etwa dreißig Jungs. Wir waren weder ausgebildet noch bewaffnet. In einem Bus wurden wir in den Süden transportiert, um gegen die irakischen Truppen anzutreten. Daraus, welchen Zweck wir erfüllen sollten, machten sie keinen Hehl: "Ihr zieht in den heiligen Krieg, ihr opfert euch für unsere richtigen Soldaten, die hinter der Kampflinie warten. Fürchtet euch nicht, ihr werdet im Paradies erwachen." Das hatten sie uns in der Schule schon eingetrichtert. Ich war auch geneigt gewesen, daran zu glauben. Aber meine Eltern hielten nichts von den Mullahs. Sie brachten mir früh die Bedeutung des Wortes Propaganda bei. Kein anderes Wort verwendeten sie so häufig. Wenn ich wiedergab, was sie uns in der Schule erzählten, wuschen sie mir ordentlich den Kopf. "Du hast genau ein Leben auf Erden, mehr nicht, krempel dir die Ärmel hoch und mach was draus", hämmerten sie mir tagtäglich ein. Und "Glaube ihnen kein Wort, sonst bist du verloren. Glaube ihnen nicht einmal, wenn sie sagen, dass eins plus eins zwei ergibt."
Trotz allem, als ich aus dem Busfenster die karge Landschaft betrachtete, malte ich mir das Paradies aus. Darin konnte ich den ganzen Tag Fußball spielen oder im Bett liegen, Cola trinken, Eis essen, Knight Rider gucken und Autos zeichnen, die meine Mutter dann, sobald der Entwurf fertig war, vorfuhr und mir übergab. In meinem Paradies besaß ich natürlich schon einen Führerschein.
Mein Sitznachbar, ein Jahr älter als ich, stellte sich das Paradies ganz anders vor. Sollte es so sein, dass jeder sein Paradies selbst gestalten konnte? Ja, schloss ich, schließlich konnte das Paradies meines Nachbarn meine Hölle sein. Dann musste Gott ja meine Vorstellungen vom Paradies kennen – oder sollte ich diese vorsichtshalber noch einmal in ein Gebet verpacken? Beten? Schon stieg schlechtes Gewissen meinen Eltern gegenüber auf. Wer im Krieg kämpfe, hatten sie uns in der Schule gesagt, der wasche sich mit seinem Blut von den Sünden rein. Die nächste Frage ploppte auf: Hockte jeder allein in seinem persönlichen Paradies?

(S. 49–50)
 

© 2020 btb München

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