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Lucas Cejpek – Umkreisung
Wien: Sonderzahl, 2020.

192 Seiten; geb.; Euro 22,-.
ISBN: 978 3 85449 547 5.

Autor

Das letzte und kürzeste von drei Kapiteln in Lucas Cejpeks Umkreisung ist mit Anfang überschrieben. Darunter wird die Überschrift des ersten Kapitels von Julio Cortázars Reise um den Tag in 80 Welten zitiert: "So wird angefangen". Am Ende von Umkreisung steht also, in der Kreisförmigkeit dem Titel entsprechend, wieder ein Anfang. Was wird hier umkreist?
Der Buchrücken verspricht mit "Stadtroman", "Weltgedicht" und "All-Essay" nicht zu viel: Auf der nicht chronologisch erzählten Handlungsebene, dem 'Stadtroman', flaniert ein Ich-Erzähler, der keinen Namen hat, vermutlich aber Lucas Cejpek heißt, durch Wien und besucht Vernissagen, Ausstellungen, Vorträge, Lesungen und Filmvorführungen.
Bei einem seiner Rundgänge fällt ihm eine Frau auf und an "den Tag unserer Begegnung erinnere ich mich genau, es war Mittwoch, der 15. Juni 2016". Er folgt ihr, doch zwischen der Liniengasse und dem Petersplatz, "der kein Platz, sondern ein Kreisverkehr" ist, verliert er sie. Zuvor hat er sie aber noch "Iris" genannt.
Drei Jahre später "im Sommer 2019", begegnet ihm Iris wieder. Es bleibt das einzige Wiedersehen, doch hat er sie und ihren Namen im Geist schon auf vielfältige Weise assoziiert. Vor allem über die Verbindung mit dem Sehsinn, also mit der Iris des menschlichen Auges und der technischen Reproduktion ihrer Funktion (die Regulation der Tiefenschärfe) in Bewegt- und Standbildkameras. Deshalb heißt das erste Kapitel wohl Auge.
Das Gesehene, das der Erzähler manchmal fotografiert, reimt er zusammen mit Gelesenem, Gehörtem und Erinnertem in langen Assoziationsketten zu einem 'Weltgedicht', wobei sich viele der einzelnen Kettenglieder dieses Gedichts um das 'All' und seine Verarbeitung in den verschiedensten, von ihm rezipierten Künsten drehen.
Diese Affinität zum All ist dem Text von Beginn an eingeschrieben. Eigentlich schon vor dem Beginn, denn im Impressum heißt es: "Die Recherchen des Autors enden am 12. Juli 2019, vor dem 50. Jubiläum der ersten Mondlandung am 21. Juli 1969." (Am Tag der zweiten Begegnung mit Iris?) Und der eigentliche Text beginnt mit einem Verweis auf das Schreibgerät, das der Autor zum Verfassen dieses Textes verwendet. Es ist ein Bleistift mit dem Abbild des Sternenhimmels: "vom Skorpion über das Kreuz des Südens bis zur Milchstraße, deren Zentrum im Sternbild Schütze liegt, in dessen Zeichen ich geboren bin."
Damit ist die Grundkonstellation des Buches beschrieben: Der Erzähler will mit dem menschlichen und dem technischen Auge, mal mit den eigenen, mal mit fremden, das All sehen, wie das zweite Kapitel heißt. Und was sieht er? Hierzu bietet es sich an, eines der Kettenglieder genauer zu betrachten. Am besten gleich über einen Verweis über Verweise, worum es auch in jenem Kettenglied geht.
In Flann O'Briens Roman At Swim-Two-Birds meint dessen namenloser Ich-Erzähler, dass der "moderne Roman [...] weitgehend aus Verweisen zu bestehen" habe. Er folgt dieser Forderung einerseits mit einer sich immer mehr auf sich selbst verweisenden Binnenerzählung und andererseits durch viele intertextuelle Verweise auf Briefe, Zeitschriften, Bücher und die altirische Dichtung in der Binnen- wie in der Rahmenhandlung.
Cejpeks Erzähler liest im Katalog der Ausstellung PLURIVERSUM einen ähnlichen Gedanken. Für den Kurator, den Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge heißt das Poetische [...] Sammeln. "Dafür ist es wichtig, daß ich mich an etwas Fremden abarbeite. Das Konstellative entzündet sich am Detail, am Versuch."
Von diesem Zitat gelangt Cejpeks Erzähler zur Konstellativen oder "circular" Montage. Diese gehe "auf Sergej Eisenstein zurück, der nach einem Gespräch mit James Joyce [...] den Film noch einmal revolutionieren wollte". (Hier ließe sich wieder, wenn auch nicht so elegant wie Cejpek es macht, auf At Swim-Two-Birds verweisen, sind doch die Werke des "Mr Joyce" laut O'Briens Erzähler "unentbehrlich für alle, die nach einer Würdigung der Natur zeitgenössischen Schrifttums trachten", also eine gute Quelle für Verweise.)
Zur Erklärung der Konstellativen Montage zitiert Cejpeks Erzähler wieder Kluge aus dem Katalog zu PLURIVERSUM: Sie setze Mehrfachprojektionen voraus, "mit Filmen wie Kugeln, also wie Sterne und Planeten, die sich in einem Raum frei bewegen und aus deren Gravitation 'kugelförmige Dramaturgien' entstehen."
Auch damit ließe sich Umkreisung beschreiben: Als ein poetisches Sammeln, in dem vom Erzähler gesammeltes Gesehenes, Gelesenes und Erinnertes so montiert wird, dass es, ähnlich wie Sterne und Planeten, Gravitation auf anderes Gesammeltes ausübt. Mittendrin ist der Erzähler, der einerseits vom Gesammelten umkreist wird, andererseits in die Umlaufbahnen der einzelnen Sammelstücke gezogen wird, wo er sie in den kurzen Absätzen oder Strophen, aus denen sich sein 'Weltgedicht' zusammensetzt, beschreibend umkreist.
Dabei ist das Sammeln keine neue Beschäftigung für den Erzähler: Die Buchhändlerin Brigitte teilt ihm mit, dass er "schon einmal vor zehn Jahren" das "Gesamtwerk von rainer maria gerhardt" mit dem Titel umkreisung "zur Ansicht bestellt" hat. Die Konstellative Montage könnte (oder müsste?) also zusätzlich um die vierte Dimension der Zeit erweitert werden.
In dieser zeitlichen Dimension liegt eine Gefahr des Umkreisens: Es ist kein Einkreisen. Umkreistes bleibt vage, ist nicht fixiert. Aber es bietet eben auch die Möglichkeit eines neuen Anfangs, wie es im letzten Kapitel anklingt. Und die Möglichkeit sich selbst zu erkennen. Die Spuren des Umkreisens können erhalten bleiben und umkreist man etwas oft genug, können sie so tief werden, dass sie das Umkreiste einkreisen.
Das zeigt zeigt sich beispielsweise im zitierten Gespräch mit der Buchhändlerin: Schon vor zehn Jahren muss sich der Erzähler mit dem Umkreisen beschäftigt haben, und jetzt, nach erneutem Umkreisen dieses Themas, erkennt er sich in diesem Interesse wieder.
Diese spezielle Möglichkeit der Selbsterkenntnis durch Umkreisen, das zum Einkreisen wird, kommt in Umkreisung öfters vor. Hier seien nur zwei Beispiele genannt.
Im All-Kapitel erstellt der Erzähler sein Horoskop und zieht dazu "mit dem Zirkel" drei unterschiedlich große Kreise und markiert die Aspekte. Das sind jene Stellungen, die "zwei Planeten oder ein Planet und der Aszendent oder das Medium Coeli, die Himmelsmitte im Augenblick der Geburt [...] zueinander haben". Als er fertig ist, erkennt er in der "Venus im Skorpion: Starke Begierdennatur."
Im Auge-Kapitel zitiert er Nikolaus von Kues, der in Vom Sehen Gottes schreibt, dass "die ganze Theologie [...] in der Kreisstruktur gegeben" sei. In Wissenschaft des Nichtwissens erweitert Kues diesen Gedanken. Die Theologie ist nicht nur kreisförmig, sie "bewegt sich im Kreise, so daß die (göttlichen) Attribute sich gegenseitig bewahrheiten: die höchste Gerech-tigkeit ist die höchste Wahrheit und die höchste Wahrheit ist die höchste Gerechtigkeit."
Bezogen auf Cejpeks Erzähler könnte man diesen Zirkelschluss, etwas holprig zwar aber doch, säkularisieren: Die Umkreisung bewegt sich im Kreis, sodass Umkreistes und Umkreisender sich gegenseitig bewahrheiten.
Im letzten Absatz vor Anfang klingt das an. Es geht um John Coltranes Giant Steps. Der Erzähler hört das Stück mehrmals hintereinander, um Unterschiede zwischen verschiedenen Aufnahmen herauszuhören. Schließlich fragt er sich, ob der Abschluss den Unterschied macht. Denn ohne diesen kann "alles immer wieder von neuem beginnen [...], wie das Universum, das eine Folge von Schrumpfung und Expansion durchmacht, die keinen Anfang hat."
Ist das ein Verweis auf den Anfang des Buches, wo der Erzähler (oder der Autor) sein Schreibgerät, den Bleistift mit Aufdruck des Sternenhimmels, vorstellt? Er schreibt, dass der Anfangsbuchstabe unserer Galaxie übrigbleibt, "wenn der Stift nicht mehr gespitzt werden kann", also ausgeschrieben ist. Und am Ende der Schrumpfung des Stifts steht das letzte Kapitel, der Anfang. Dazu passend heißt es in einem Brief von Friedrich Nietzsche an seinen Freund Heinrich Köselitz: "unser Schreibwerkzeug arbeitet mit an unseren Gedanken".
In Lucas Cejpeks schönem Buch wird der Umkreisung von Leben und Kunst als Voraussetzung für die Literatur, also dem Kreislauf von Erleben, Sehen, Lesen, Erinnern und Schreiben, ein Denkmal gesetzt.

Florian Dietmaier
29.03.2020

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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