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Josef Zweimüller: Grün.

Wien: Picus Verlag 2020.
320 Seiten; Hardcover; Euro 24,00.
ISBN 978-3-7117-2092-4.

Autor

Leseprobe

Als Jona geboren wird, gibt Finja ihre Arbeit auf. Lebensgefährte Joseph, ein Alkoholiker, schafft es nicht, das gelbe Haus, in dem sie wohnen, aus den Schulden herauszubekommen. Er verunglückt schließlich mit dem Auto. Jona, dem gesagt wird, der Vater hätte einen Herzinfarkt gehabt, ist da gerade 13. Seine Mutter erleidet einen Nervenzusammenbruch und muss in eine Klinik. So lebt er vorübergehend beim Großvater, der ebenfalls trinkt.

Nach Beendigung des Gymnasiums ziehen Jona und Finja in eine baufällige Waldhütte. Zu mehr reicht es nicht. Das stromlose Häuschen hat Siegfried gehört, der von Landwirtschaft und Imkerei lebt und für Jona "so etwas wie ein Vaterersatz" wird.

Finja fährt dreimal pro Woche in die Stadt, um in einer Pflegeeinrichtung zu arbeiten. Sie liest und malt, kommt sich inmitten der Natur aber wie ein "Fremdkörper" vor. Deshalb zieht sie unter der Bedingung, dass er für Jona in der Nähe eine Wohnung besorgt, zu ihrem Freund Yorick ins Penthouse im 15. Stock, beendet (obwohl sie eigentlich davon beseelt ist) ihre Tätigkeit in der Abteilung für Amputierten-Rehabilitation, widmet sich dem Malen und bittet Jona, dass er "studiert und hinterher einen gut bezahlten Job annimmt".

Doch der weist Finjas Fürsorge schroff zurück. Ihm ist die von der Gier nach Geld und Konsum zugemüllte Stadt mit ihren vielen leeren Gesichtern unsympathisch. Er sieht in ihr nichts anderes als eine "Maschine, die den Untergang der Menschheit vorantreibt" und hätte dort, wo man Bäume wie Sklaven hält, nur alles kurz und klein schlagen können.

Sein Zuhause sind "Wald, Fluss, Häuschen", wo er froh ist, sich nicht mit anderen Menschen herumschlagen zu müssen. Er liebt das Dickicht, die sumpfigen Mulden und endlosen Schattenwelten, und er isst, was er findet, anbaut oder tötet. Sein Anspruch ist, ein freies Leben zu führen, während seine Mutter es immer genossen hat, in Cafés zu sitzen, durch Fußgängerzonen zu schlendern oder mit Nachbarinnen zusammenzustehen. Für ihre Entscheidung, den Wald, in dem er "eine Familie für die Ewigkeit" sieht, zu verlassen, hätte Jona sie am liebsten bestraft. Doch Finja, die ihre Depression nicht in den Griff bekommt, tut dies selbst. Sie springt von der Dachterrasse.

An Jonas Einstellung, es allein schaffen zu wollen, ändert das nichts. Jedes Mal, wenn ihm Siegfried eine Arbeit auf seinem Hof anbietet, lehnt er ab, lässt sich aber von ihm helfen, den alten Luftschutzbunker in einen Erdkeller umzubauen. Außerdem verkauft Siegfried Jonas Honig und Bienenwachskerzen auf dem Wochenmarkt und besorgt ihm, was er zum Leben braucht. Denn irgendwie ist Jona nicht "zum Überleben geboren". Hinter seiner harten Fassade steckt immer auch noch das unsichere Kind, das einfach nicht erwachsen werden kann.

Siegfrieds Idee, er solle (um an etwas Bargeld zu gelangen) ein Überlebenstraining veranstalten, greift Jona dann aber auf. Es melden sich vier Männer und eine Frau. Letztere heißt Hikaru, schreibt Reiseberichte und Reportagen, liebt den Wald und die Berge und versteht es, sich auch in extremen Lebenssituationen nicht gehen zu lassen, was Jona beeindruckt. In seiner Gegenwart fühlt sich ihr Leben plötzlich "wunderbar satt" an. Hikaru bleibt deshalb bei ihm. Die beiden gehen fischen, jagen oder streifen ziellos durch den Wald.

Jona spürt allerdings, dass er über den Status des "Möchtegernaussteigers und -liebhabers" nicht hinauskommt. Ein Grund dafür liegt in seiner Vereinsamung. Schließlich ist niemand da gewesen, der ihm das Gefühl gegeben hätte, "ein liebenswerter Mensch zu sein". So ringt er an manchen Tagen damit, "sich am liebsten selbst verlassen" zu wollen. Häufiger als das plagt ihn jedoch die Angst, "Hikaru könnte einfach in ihren kleinen Toyota steigen und auf und davon fahren".

Doch dann ist er es, der Hikaru, als sie ihn auf dem Rückweg von den Bergen in einer verfänglichen Situation erwischt, zurück in die Stadt schickt, die sie plötzlich als "ermüdend aufdringliche Endlosschleife" erlebt. Sie kann keine Nacht gut schlafen, sitzt im Dunkeln, sehnt sich nach dem Häuschen im Wald und dem wohltuenden Gefühl, reine Luft ohne Feinstaubgemisch einzuatmen, und sie denkt darüber nach, ob Finjas Sprung auch kein Selbstmord gewesen sein könnte. Hikaru beginnt zu recherchieren, besucht Jonas Großvater und einen von Finjas früheren Patienten, dem Jona wie "eine Märchengestalt" erschienen ist, und hofft, dass das Finden der Wahrheit Jona zu ihr zurückbringt.

Als ein Attentäter Anschläge auf Geldautomaten und Werbetafeln unternimmt, die danach aussehen, als hätte man sie mit Spinat übergossen, denkt Hikaru sofort an Jona, der in die Stadt gekommen sein könnte, um sich zu rächen. Denn für ihn hat die Stadt, die er mit Willkür und Hochmut verbindet, seine Mutter in den Tod gelockt.

Rächen wollen sich aber auch zwei "Maulhelden" aus rechtsextremen Kreisen, die an Jonas' Überlebenstraining teilgenommen haben und hinterher glauben, er hätte ihnen die Polizei auf den Hals gehetzt.

Wie in anderen durch Eindringlichkeit und Sorgfalt glänzenden Episoden, die da und dort im Text "wie ein Walfischbuckel" auftauchen, "um kurz darauf wieder im Nirgendwo zu verschwinden", bietet Josef Zweimüller auch bei der live im Internet mitzuerlebenden Verfolgungsjagd des grünen Attentäters durch die Polizei eine kreative und detailreiche Schilderung.

Die auf einen Showdown zulaufende Handlung, in deren Verlauf sich zwischen den klug verstrickten Informationsfäden

immer nur so viel Ausblick eröffnet, dass der Spannungsbogen bis zum Schluss nicht abflacht, teilt sich in zwei große Blöcke auf. In dem mit "Jona" überschriebenen Teil, mit dem der Roman beginnt, folgt der Erzähler den Spuren dieses märchenhaften Tarzan, der zwischen zotteligem Einsiedler, Umweltaktivisten und Möchtegern-Superhelden changiert und an seinen Erinnerungen, die ihn daran hindern, Hikaru näher zu kommen, schwer zu tragen hat.

Im anschließenden, "Hikaru" gewidmeten zweiten Block, der die Geschichte mit diversen Rückblenden in die Vergangenheit weiterspinnt, kommt die japanisch-stämmige Journalistin zur Erkenntnis, dass sie nirgendwo sonst "näher bei sich" gewesen ist als in diesem Waldhäuschen, obwohl sie gerade dort einen alles andere als romantischen Überlebenskampf zu führen hatte.

Zwischen den insgesamt 32 Kapiteln, in denen es neben Umweltbewusstsein und Naturverbundenheit vor allem um Selbstfindung, Halt und die Bewältigung erlittener Verluste geht, stechen kurze, kursiv gesetzte Passagen heraus, deren Stimme zuerst den Bäumen gehört und sich später aus der Stadt speist. "Genau gesagt, aus dem virtuellen Verbund einer Online-Gesellschaft", wie der Autor erklärt. "Daher verwende ich oftmals Bilder wie Fischer, Meer, Netze, Fang...", so Josef Zweimüller weiter, "die man auch auf Browser, Datenpools, Internet, User und dergleichen umlegen kann". Diese Wir-Stimmen liefern in klugen Beobachtungen und einfühlsamen Kommentaren aufschlussreiche Erklärungen des Geschehens, das sich in seiner thematischen Vielfalt zu einem abwechslungsreichen Roman fügt, der (auch) als 'Märchen vom Jungen aus dem Wald' gelesen werden kann, dessen Melodien es schwer haben, seine unglückliche Kindheit aus ihm heraus zu zaubern.

Das ist jedoch nicht alles, was dieser fein gesponnene Text zu bieten hat. In ihm verwandeln sich Wälder in grüne Samtteppiche und die Stadt in ein "das Kalte und Harte" auftürmendes Monster der Maßlosigkeit.

Eine packende Geschichte, die nicht von ungefähr den Kapitalismus als "neue Eiszeit" definiert, lässt sich doch das, was gerade auf der Welt passiert, als die ausufernde Konsequenz dessen sehen, was in "Grün" erahnbar wird; einem Roman, dem man mit seinem Lebensentwurf der Unsichtbarkeit aus pandemischer Sicht sogar einen visionären Charakter attestieren muss.

Andreas Tiefenbacher
2. April 2020

 

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

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