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Melitta Breznik: Mutter. Chronik eines Abschieds.

München: Luchterhand, 2020.
60 Seiten; geb.; EUR 18,-.

ISBN: 978-3-630-87506-4.

Autorin

Leseprobe

Nichts darüber hinaus

"Draußen auf dem Flur, nachdem ich die Türe hinter uns geschlossen habe, sagt Mutter unvermittelt mit fester Stimme »Komm wir gehen heim sterben«. Wir verabschieden uns bei den Schwestern und Ärzten, die geschäftig ihrer Arbeit nachgehen, einige grüßen knapp, alles ist gesagt, jedes weitere Wort zu viel. Man fühlt als Betroffener Scham, wenn man den Ablauf der Routine des Heilens mit den Belangen des Todes stört. Wir fahren nach Hause, Mutters »zu Hause«."

Es ist Ende der 1940er, als es die Mutter aus Frankfurt in die obersteirische Kleinstadt verschlägt. Die Liebe war groß, die Hoffnungen wohl noch größer. Doch sie passte den Einwohnern nicht ins Bild. Die Kleidung, ganz anders, das Benehmen, ganz anders, selbst das Deutsch war ganz anders. Die Frau aus der Großstadt stand hier in der Provinz für vergangene Tage, kurzum, sie "passte nicht ins neue Bild der Nachkriegszeit, das keine Vergangenheit duldete."

Die österreichische Ärztin und Autorin Melitta Breznik berichtet in Mutter. Chronik eines Abschieds von den letzten Monaten ihrer Mutter. Hier beobachtet, erinnert und entdeckt eine Tochter das Leben eines geliebten Menschen – doch was sie als Tochter ignoriert, bleibt der Psychiaterin nicht verborgen.

So kreist der biographische Text nicht nur um das Leben der Mutter, nein, es ist vielmehr ein gebrochener Selbstbericht. Denn mit dem Verfall der Mutter gehen auch Erinnerungen an die eigene Jugend, den Vater und das eigene Leben einher.

Die Eltern hatten sich in Frankfurt kennengelernt. Inmitten von Bombenangriffen, Hunger und Besatzungssoldaten traf die Arbeitsdienstfrau auf den Wehrmachtssoldaten, der als Funker im selben Stadtteil Dienst verrichten musste.

In der Steiermark war ein Zusammenleben nur beschränkt möglich. Mehr als ein Zimmer, das sie gemeinsam mit der Schwägerin und deren Ehemann in der Wohnung der Schwiegereltern teilten, gab es nicht.

Obwohl der Mann sie zu Beginn umsorgt, sind die kommenden Ehejahre von vielen Tiefen und nur wenigen Höhen geprägt: Urlaubsreisen gibt es zu keiner Zeit, Gewalt und Hass dafür umso öfter. Die Sehnsucht nach Leben kollidiert mit ihrem Ehemann: "Er hatte sich im Laufe der Jahre, als Quartalstrinker, nach und nach vom Leben zurückgezogen."

Nach einem gescheiterten Suizidversuch kommt der Schlussstrich. Das Leben der Mutter wechselt vom Moll ins Dur:

"Sie kehrte nicht mehr zu Vater zurück, begann als Aushilfskraft in der Altenbetreuung im Stundenlohn. Es bereitete ihr Freude und machte sie sichtlich stolz, endlich ihre Unabhängigkeit erlangt zu haben, auch wenn sie nicht viel verdiente und mit sechzig Jahren in einer Einzimmerwohnung mit Toilette auf dem Gang nicht gerade bequem wohnte."

Eine andere Wirklichkeit tut sich auf. Ein Leben mit Urlaubsreisen, Bergausflügen und Chorgesang. Etwas Unbekanntes lässt sich im Leben der Mutter erkennen: Leichtigkeit. Der Kontakt mit ihrer Tochter wird ebenso luftiger. Man telefoniert täglich, man lacht gemeinsam, verbringt Feiertage miteinander und nimmt am Leben der Anderen teil.

Auch Breznik findet in Paris das unbefangene Leben. Dort arbeitet sie als Turnusärztin, besucht Cafés, genießt eine Liebe und schreibt am ersten eigenen Buch.

Die Lebensfreude der einen wird jäh unterbrochen durch die Krankheit der anderen. Das eigene Glück für die andere opfern? Breznik ist in einer Zwickmühle:

"Am Heiligen Abend, ich hatte geplant einen weiteren Monat zu bleiben, musste Mutter ins Krankenhaus. Das schlechte Gewissen, nicht in ihrer Nähe zu sein, wog schwer, doch der Hunger nach Leben hielt mich davon ab, in den nächsten Zug nach Österreich zu steigen."

Jedes Wort, jeder Satz, ja, gar jeder Punkt zeigt, dass hier nicht nur eine Schriftstellerin, sondern auch eine Ärztin schreibt. Da gibt es eine Spannung. Was die Tochter nicht einsehen will, muss die Ärztin analysieren – diese Konfrontation bricht an mehreren Stellen auf:

"Am Nachmittag hat Mutter Bauchschmerzen, und nach Rücksprache mit meinen befreundeten Ärzten und dem Hausarzt habe ich die Dosis des Schmerzpflasters erhöht und ein Mittel zum Lösen der Darmkrämpfe verabreicht. Mit einer leichten Massage versuche ich Abhilfe für die quälenden Blähungen zu schaffen, wobei mich Mutter nur widerwillig gewähren lässt und fragt, ob ich keine wirkungsvollere Therapie zur Verfügung hätte. Den Unterton ertrage ich schwer und muss mich zusammennehmen, um nicht unfreundlich zu reagieren. Wir verstricken uns ohne Worte in einen Zweikampf, sie vermittelt mir das Gefühl, mit meiner Pflege ihren Bedürfnissen nicht gerecht zu werden."

Breznik pflegt nicht nur, nein, sie ist es auch, die die Mutter buchstäblich in Bewegung hält. Ohne ihre helfenden Hände kann die Mutter weder aufstehen noch duschen und selbst das Aufrichten im Bett wird immer weniger möglich.

Jede Einnahme und Ausscheidung wird registriert, notiert und bewertet. Ein harter Eingriff in die Privatsphäre, der noch schlimmer wird, weil es die Tochter ist und nicht irgendwer.

Nun ist es die Tochter, die sagt, was für den Körper, aber auch das Leben der Mutter richtig ist. Das war nicht immer so:

"Die Abtreibung von damals, die mich in den letzten Tagen unerwartet quälend eingeholt hat, obwohl ich alles vergessen glaubte, die Nähe zu Mutter, ihr Sterben, meine Schwäche durch die Erkältung, mit einem Mal ist das alles körperlich sichtbar. Nach meiner eiligen Rückkehr in die Wohnung setze ich mich auf den Boden im Badezimmer. Das letzte Mal habe ich als Mädchen so hemmungslos geweint."

Breznik schildert nicht nur den Abschied irgendeiner Tochter von ihrer Mutter. Nein. Hier geht es um ihre Mutter, ihre Beziehung und Konflikte. Das Buch präsentiert uns weder eine Abrechnung noch eine Heiligsprechung der Mutter, es zeigt uns das Leben in all seinen Facetten. Ja, Breznik bannt auch Hass, Schuld und Vergebung aufs Papier. Doch Mutter erzählt, im lakonischem Ton und präzise, nicht so sehr vom Sterben, sondern vielmehr vom Lieben.

Erkan Osmanovic
11.05.2020

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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