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Megumi Kiesel: Das kulturelle Österreich-Bild.

Selbst- und Fremdwahrnehmungen in Pressediskursen. Wien/Hamburg: new academic press, 2020.
147 Seiten; brosch.; 21 Euro.
ISBN-13: 978-3-7003-2138-5 .

Sie hat es sich nicht leicht gemacht, die Germanistin Megumi Kiesel. Ihre Abschlussarbeit an der Universität mit dem Titel Das kulturelle Österreich-Bild. Selbst- und Fremdwahrnehmungen in Pressediskursen ist eine profunde akademische Arbeit, die so manchen Naturwissenschaftler erblassen lassen könnte, was die wissenschaftliche Akribie anbelangt. Seriosität wird man ihr also schwerlich absprechen können. Was dabei zu kurz kommt, ist allerdings die Lesbarkeit. Das Thema wäre m. E. auch für ein größeres als nur ein akademisches Publikum von Interesse. Dazu hätte die Autorin allerdings aus ihrer universitären Arbeit ein Buch machen müssen, das die Ergebnisse ihrer Untersuchung in eine Form bringt, die formal und sprachlich Leseanreize bietet. Das ist nicht geschehen und das finde ich aus journalistischer Sicht schade. Die Aufgabenstellung hätte durchaus das Zeug dazu, auch Menschen anzusprechen, die an Kulturvermittlung ganz allgemein interessiert sind. Was aber ist nun der Gegenstand ihrer Untersuchung?

Megumi Kiesel hat 72 Zeitungsartikel von österreichischen, deutschen und schweizerischen Printmedien ausgewertet, analysiert und in Vergleich zueinander gesetzt, was das darin gezeichnete Österreich-Bild anbelangt. In diesen Artikeln geht es stets um vier Phänomene österreichischer Kultur: (1) Die Habsburgermonarchie als einer der zentralen Gedächtnisorte Österreichs. (2) Die klassische Musik, hier Kunstmusik genannt, und zwei ihrer repräsentativsten Nationalsymbole: die Staatsoper und die Wiener Philharmoniker. (3) Die Kunstfigur Conchita Wurst als Imagekorrektur zum traditionellen Österreich-Bild. (4) Das Ars Electronica Festival in Linz als Zukunftsprojekt. Anhand dieser, auch im Ausland als für Österreich repräsentativ wahrgenommenen Phänomene, untersuchte Megumi Kiesel den Konstruktionsprozess des kulturellen Österreich-Bildes, wie er im Diskurs von Presseprodukten aufscheint.

Das klingt nicht nur sperrig, das ist es auch. Man muss sich als Leser deshalb auch ein halbes Buch lang erst einmal durch methodische Überlegungen kämpfen. Nicht, dass die falsch oder unnötig wären – ganz im Gegenteil –, aber sie sind eben staubtrocken. Das beginnt bei allerlei Begriffsbestimmungen von Konstrukten wie Nation oder Nation Branding oder Gedächtnisorten, setzt sich fort mit methodischen Darlegungen, die zum Teil aus der Soziologie stammen, und endet nicht mit Begründungen für die Auswahl der untersuchten Medien. Das alles bestätigt nur die Vermutung (des Lesers), dass sich die Autorin hier auf äußerst glattes Parkett begibt, auf dem die Gefahr auszurutschen dementsprechend hoch ist. Denn mit Statistik allein, ist dem Gegenstand der Untersuchung ja nicht Genüge getan. Sie bedarf in gewisser Weise einer Interpretation. Und an dieser Stelle wird die Sache schnell (wissenschaftlich) heikel, aber auch (erst) interessant.

Megumi Kiesel hat alles getan, um ihre naturgegebene Subjektivität der wissenschaftlichen Objektivität unterzuordnen. Das ist in den Geisteswissenschaften ungleich schwieriger als in den Naturwissenschaften. Selbst bei inhaltlichen Aussagen greift sie auf Tabellen und Schablonen zurück, um Vergleiche anzustellen, ohne zu werten. Kernstück ihrer Analyse sind dann jeweils zwei Artikel von Medien aus den drei deutschsprachigen Ländern: Aus Österreich der „Standard“ und die „Salzburger Nachrichten“, aus Deutschland „Die Welt“ und die „Süddeutsche Zeitung“ und aus der Schweiz die „Neue Zürcher Zeitung“ und der „Tages-Anzeiger“. Selbstverständlich gibt es eine ausführliche und überzeugende Begründung für diese Auswahl. Sie bleibt trotzdem diskutabel.

Erst zum Schluss gibt Megumi Kiesel dann doch ein paar Beurteilungen ab. Wer also nur am Ergebnis interessiert ist und nicht, wie sie dazu gekommen ist, der kann auch nur die letzten sechs Seiten mit ihrem Fazit lesen. Grundlage ihrer Studie ist, dass die Nation eine „vorgestellte Gemeinschaft“ ist, die Menschen eines bestimmten Gebietes sich zusammengehörig fühlen lässt. Für sie ist die Nation also mehr ein gefühlter Zusammenschluss denn eine Sprachgemeinschaft oder eine völkische Entität, womit man sich anderen gegenüber abgrenzen kann. Insofern ist Österreich nachgerade eine typische Nation. Auffallend ist in diesem Zusammenhang, dass sich die deutschen Zeitungen relativ viele Gedanken machen über die Unterschiede zwischen der deutschen und der österreichischen Kultur, wohingegen die Schweizer Zeitungen sich damit so gut wie überhaupt nicht beschäftigen. Die Eidgenossen sind viel sachlicher und nüchterner gegenüber ihren alpenrepublikanischen Nachbarn als die Westdeutschen, die mitunter einen ironischen bis sarkastischen Ton anschlagen. Da würde man sich zum Vergleich gern ein ostdeutsches Medium wie die „Leipziger Volkszeitung“ wünschen.

Ein weiterer Punkt, den Megumi Kiesel herausgearbeitet hat, ist der manchmal belächelte, manchmal bedauerte Zwiespalt zwischen Traditionsbewusstsein und Modernitätsanspruch Österreichs. Übereinstimmend wird die habsburgische Mentalität der Österreicher festgestellt, aber verschieden beurteilt. Zwar lobt die „Neue Zürcher“ z. B. ausdrücklich die gut funktionierende Bürokratie und führt sie auf die Maria-Theresianische Tradition zurück, kritisiert aber die damit einhergehende Verwaltungsmentalität der heutigen Österreicher. Die deutschen Zeitungen wiederum trauen der durch Conchita Wurst signalisierten Weltoffenheit und Liberalität Österreichs nicht. Das Linzer Ars Electronica Festival wird im Ausland als Imagekorrektur jedoch meist positiver beurteilt als im Inland. Die österreichischen Zeitungen nehmen es mehr als regionales Ereignis zur Imagekorrektur der einstigen Stahlstadt Linz wahr, während die ausländischen fordern, für den langfristigen Erhalt der Qualität zu sorgen. Das wird unter Corona-Bedingungen noch viel schwerer als unter normalen.

Gerne, so ein Kernpunkt im Fazit Megumi Kiesels, wird eine positive Fremdwahrnehmung „als Bestätigung des repräsentierten Selbstbilds“ benutzt, was auf einen Mangel an Selbstsicherheit schließen lässt. Dabei hält die Autorin fest, dass „die Interaktion zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung bezüglich der Konstruktion des kulturellen Österreich-Bildes entscheidend“ für den Wandel ebendieses ist. Es gebe hierbei einen Rückkoppelungseffekt. Man mag das – journalistisch formuliert – als eher schwachbrüstiges Ergebnis der aufwendigen Studie ansehen. Man sollte dabei aber nicht vergessen, dass es Megumi Kiesels deklarierte Absicht war, „zum weiteren Fortschritt der interdisziplinären Forschung über das Bild der Nation“ ( S. 114) beizutragen. Das ist ihr zweifellos gelungen. Anschließen kann man sich auch ihrer Aufforderung zu einem kritischen Umgang „mit Medieninformationen und eine distanzierte Haltung zu ihrer Emotionalisierung“ (S. 116). Kurzum: ein Unterrichtsfach Medienkunde wäre unerlässlich!

Harald Klauhs, 30. 03. 2020

 

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