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Thomas Glavinic: Carl Haffners Liebe zum Unentschieden.

Roman.
Berlin: Volk und Welt, 1998.
225 S., geb.; DM 30.-.
ISBN 3-353-01111-0.

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Ein Sportstück der besonderen Art legt Thomas Glavinic (geb. 1972) mit seinem Debütroman vor. Nicht um die großen Heroen aus Abfahrt, Riesentorlauf- und SuperG ist es dem Buch zu tun, auch Fußball und Formel 1 spielen darin keine Rolle. Eine vergleichsweise ruhigere Sportart hat Glavinic im Sinn: Das Schach, in dem es der Autor selbst zu beachtlichen Jugenderfolgen gebracht hat.

"Carl Haffners Liebe zum Unentschieden" basiert auf der Lebensgeschichte eines österreichischen Großmeisters. Der Mann hieß Karl Schlechter und forderte 1910 den amtierenden Weltmeister Emanuel Lasker heraus - einen Deutschen, der damals schon 16 Jahre auf dem Thron saß. Schlechter legte sein Spiel so an wie die italienischen Fußballer das ihre, er war ein König des Remis, in mehr als 50 Prozent seiner ingesamt 700 Partien gab es keinen Sieger.

Welch spannende Konsequenzen eine solche Mauer- und Bunkertechnik haben kann, weist Glavinic mit seinem Buch nach; hier wird nicht die Reportage eines Sportereignisses, sondern das Phantasma eines Kampfes entwickelt.
Auf der einen Seite steht mit Lasker der waghalsige Angreifer, der sich im offenen Schlagabtausch am wohlsten fühlt und seine Gegner zu heftigen Attacken einlädt. Auf der anderen mit Karl Schlechter, alias Carl Haffner, ein Verteidigungskünstler, der die unmöglichsten und hoffnungslosesten Positionen zu halten vermag. Die Konkurrenz geht dabei von ungleichen Voraussetzungen aus; dem amtierenden Weltmeister genügt nach zehn Partien schon ein Punktegleichstand zur erfolgreichen Titelverteidigung. Nach vier Unentschieden passiert in der fünften Partie genau das, was der Wiener Fachkommentator Hummel in seinen euphorischen Berichten angekündigt hatte: Carl Haffner gewinnt; das tatsächliche Spiel zwischen Schlechter und Lasker ging als Klassiker in die Schachgeschichte ein.

Glavinic, über dessen Biographie im Klappentext einige Seltsamkeiten vermerkt sind ("ernährte sich von 1985 bis 1989 ausschließlich von 'Kinderschokolade Zigeunerrädchen und Cola'"; "nahm 1986, 'gleichwohl der Kinderpsychiatrie entgehend', Kurt Waldheim in Schutz"), spürt der Psychologie der Auseinandersetzung nach. Nicht um eine historische Rekonstruktion ist es ihm dabei zu tun, sondern um die Schilderung eines exemplarischen Kampfes und mit der Person des Carl Haffner wohl auch eines außergewöhnlichen Schicksals.

"Der beste Verteidiger der Welt", wie Hummel ihn genannt hatte, erleidet in der zehnten und letzten Partie eine schreckliche Niederlage, welche die Wiener Schachwelt fassungslos zur Kenntnis nimmt. Nachdem Haffner (wie Schlechter) bis dahin noch immer mit 1:0 geführt hatte, versteigt er sich jetzt zu einem völlig unverständlichem Angriffsmanöver. Die Gründe für diese Kamikaze-Aktion weist Glavinic in stimmiger Weise aus: Haffner wollte sich den Sieg, da er die fünfte Partie für ein Geschenk hielt, nochmals verdienen. Etwas dick trägt der Autor gegen Ende des Buches auf. Auf den Schachkünstler wird hier noch eines, nämlich der Hungerkünstler, draufgesetzt. Carl Haffner stirbt an Unterernährung, weil er eines Tages nicht mehr essen will, bzw. das dafür benötigte Geld einfach nicht mehr entgegennimmt. Der ferne Anklang an die Figur des Johannes Elias Alder aus "Schlafes Bruder", der eines Tages eine ähnlichen 'Beschluß' faßt und von da an (wenn auch nicht das Essen, so wenigstens) den Schlaf verweigert, mag beabsichtigt sein. Zur Rettung von Glavinics Buch wäre zu sagen, daß es viel uneitler ist als dasjenige von Robert Schneider: Passables handwerkliches Können tritt hier nicht mit einem übermächtigen Genieanspruch auf, sondern mit einem guten Sinn für die Grenzen und Möglichkeiten der gewählten literarischen Methode.

Klaus Kastberger
25. März 1998

 

 

 

 

 

 

 

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