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Benjamin Quaderer: Für immer die Alpen.

Leseprobe:

Mein Name war einmal Johann Kaiser. Wahrscheinlich haben Sie von mir gehört. Ich hin vierundfünfzig Jahre alt, von Sternzeichen Widder und lebe unter neuer Identität an einem Ort, von dem ich zu meinem eigenen Schutz nicht erzählen darf. Sagen kann ich nur so viel: Es gibt hier Wolken und Bäume, Gras gibt es und Tiere, die das Gras fressen. Fließend Wasser und Strom existieren hier genauso, wie die Sonne es tut. Man lebt hier in Häusern. Häusern mit Dächern und Fenstern, mit Balkonen oder Veranden. Die durchschnittliche Anzahl an Stockwerken beträgt zwei, das Kellergeschoss nicht eingerechnet, da es nicht als Wohnfläche dient, sondern als Lagerfäche genutzt wird: für Lebensmittel, lichtempfindliche Materialien und Geheimnisse aller Art. Auch ich lebe in einem solchen Haus. Ich schlafe und dusche und arbeite hier.
Abgesehen vorn Gezwitscher der Vögel und den Geräuschen, die ein Baum macht, wenn er von einer Windböe erfasst wird, ist es still in der Nachbarschaft. Es leben überwiegend Familien hier. Die Rasenmäher-Roboter, in deren Besitz die meisten Haushalte sind, zeichnen sich neben der Sorgfalt, mit der sie das Gras schneiden, durch ihre Lautlosigkeit aus. Wenn ich morgens das Frühstück vorbereite, bewegen sie sich bereits wie elektrische Maulwürfe über die angrenzenden Grundstücke. Ich mag die Strenge, die in ihren Bewegungen liegt, die geometrischen Figuren, denen sie folgen.
Ich koche ein Ei und toaste zwei Scheiben Brot, die ich mit einer dünnen Senfschicht bedecke und mit Käse, Tomate und Avocado belege. Ich stelle ein Glas Orangensaft, eine Tasse Kaffee, die Brote und mein iPad auf das Tablett mit den aufgedruckten Pfirsichen und trage es auf die Veranda. Während ich esse, gehe ich die Tageszeitungen durch. Ich lese:
Le Monde, The Guardian, The Sun, New York Times, El País, Frankfurter Allgemeine Zeitung, BILD, Süddeutsche, Neue Zürcher Zeitung, BLICK, Tagesanzeiger; Liechtensteiner Volksblatt. Liechtensteiner Vaterland, Der Standard und donnerstags zusätzlich DIE ZEIT. Die Artikel meinen Sachverhalt betreffend speichere ich als pdf im Ordner ›Ich‹ ab. Ich räume Besteck und Teller in die Spülmaschine, in der sich noch das dreckige Geschirr vom Vorabend befindet, nehme einen Tab aus der Packung und wähle das passende Programm. Meistens entscheide ich mich für ›Automatisch‹ selten für ›Delikat‹, nie für ›Fein‹. Wie herrlich der Geschirrspüler rauscht. Ich weiß, dass ich aufpassen muss, mich nicht an die Dinge zu gewöhnen, die mich umgeben. Zu starke emotionale Bindungen, egal ob zu Menschen oder zu Gegenständen, hinterlassen nach deren Auflösung nichts als Leere. Über die Menschen, die vor mir in diesem Haus gelebt haben, kann ich keine Aussagen treffen. Man hat große Mühe darauf verwendet, alle Rückstände, die auf mögliche Vormieter verweisen, zu entfernen. An den Möbeln lassen sich keine Gebrauchsspuren feststellen, die Wände sind sauber gestrichen, und sollte es darin einmal Löcher gegeben haben, sind sie so gut verputzt, dass ich nicht sagen kann, an welcher Stelle sie sich befunden haben könnten. Es gibt eine mit qualitativ hochwertigen Geräten ausgestattete Küche, in der ich koche, ein Wohnzimmer, in dem ich sitzen und mich ausruhen kann, ein Bad, in dem ich mich mehrmals täglich wasche, ein Schlafzimmer, in dem ich schlafe und masturbiere, einen Keller, den ich nicht nutze, zuletzt ein geräumiges Zimmer unter dem Dachstuhl, das ich zu einem Büro umfunktioniert habe. Dort oben ist es so leise, dass ich nur die Geräusche höre, die ich selber verursache: meinen Atem, das Blättern in einem Buch, das Spitzen eines Bleistifts wie das Schreiben mit diesem in ein Notizheft, das Ausschneiden von Papier, das Lochen desselben und sein späteres Ablegen in einem Aktenordner, das Tippen auf einer Tastatur.
Aufgrund meiner beruflichen Situation habe ich mich während der letzten Jahre dazu gezwungen gesehen, meinen Aufenthaltsort regelmäßig zu wechseln. Das letzte Mal vor ein paar Monaten. Ich befand mich in einem Cafe, in dem es den besten Espresso gibt, den ich jemals getrunken habe, und las wieder einmal in Das Verschwinden der Daten1 dem Buch des Kriminalpsychologen Dr. Jan Mayer, in dem er unsere Begegnung in fiktionalisierter Form wiedergibt. Ich heiße dort Marius Fritz. Am Nebentisch saß eine Dame Mitte vierzig, die in der hiesigen Zeitung blätterte. Seit ich denken kann, interessiere ich mich für zwielichtige Menschen, weshalb die Schlagzeile, die ich auf der Rückseite las, mein Interesse weckte. ›Would You Trust This Man?‹, fragten die Zeitungsredakteure ihre Leserinnen und Leser, doch konnte ich nichts weiter erkennen, da die Hand der Dame das Foto verdeckte. Als ich die Zeitung am nächsten Kiosk kaufte, wusste ich noch nicht, dass es der letzte Espresso gewesen sein sollte, den ich in diesen Breitengraden getrunken habe. Der Mann, nach dessen Vertrauenswürdigkeit die Zeitung fragte, war ich.
Aufgelöst stieg ich in den Camper und fuhr ewig sich dahinziehende Straßen entlang, bis die Sonne am Horizont verschwunden war. Erst nach Stunden legte ich einen ersten Halt auf dem Parkplatz eines Supermarkts ein und wählte die Nummer, welche man mir für Fälle wie diesen zu wählen aufgetragen hatte. Ich zitterte am ganzen Körper. Die Stimme der Verbindungsperson war ruhig und kühl. Ich stellte mir vor, dass sie Anzug und Sonnenbrille trug. In ihrer Unaufgeregtheit lag etwas Arrogantes, etwas Besserwisserisches, das mich fuchsteufelswild werden ließ.
»Ja, verdammt«, rief ich in den Hörer, »bin ich denn nirgendwo sicher?«
Ich warf meine Stirn gegen den Lenker und weinte. Alles kam wieder hoch. Die Folter in Argentinien, meine Flucht durch Europa und nicht zuletzt die Lügengeschichten derjenigen, die mich als Verräter zu brandmarken versuchen. Man schafft es doch einfach nicht zu entkommen, dachte ich verzweifelt. Sich selbst nicht, vor allem aber nicht Hans-Adam II. und seinen Schergen.
Seit dem Einzug in dieses Haus bin ich noch vorsichtiger geworden. Zu meinen Nachbarn pflege ich ein freundschaftliches, aber distanziertes Verhältnis. Sie glauben, dass ich in der sogenannten ›IT-Branche‹ arbeite. Ich achte darauf, mich regelmäßig, aber nicht zu oft sehen zu lassen. Wir winken uns über die Hecken hinweg zu oder führen kurze Gespräche. Ansonsten verlasse ich das Haus nur selten. Um im Schwimmbad meine Bahnen zu ziehen, Dokumente zur Post zu bringen und kleinere Einkäufe zu erledigen. Milch, Bananen und Minze kaufe ich jeden Tag frisch. Sonst arbeite ich.
Die erste Hälfte des Tages verbringe ich mit Lesen und dem Anfertigen von Exzerpten, während ich mich nach einem leichten Mittagessen ganz dem Text widme. Es ist der Gewissenhaftigkeit des Wissenschaftlers und dem Ehrgeiz des Schriftstellers geschuldet, dass ich viel Zeit darauf verwende, schlüssige Argumente in Sätze zu bringen, welche die Leserinnen und Leser direkt in ihr Herz treffen. Ein Satz ist je schöner, desto mehr Wahrheit er enthält.
Trotz der Gefahr, der ich permanent ausgesetzt bin, und der daher geborenen Eile, habe ich es mir nicht nehmen lassen, Quellen zu recherchieren und anzugeben, wo Quellen vorhanden sind. Um verstehen zu können, wieso ich gehandelt habe, wie ich gehandelt habe, muss ich nicht nur ein umfassendes Bild meiner Person und meiner Lebensgeschichte, sondern gleichzeitig der Rahmenbedingungen zeichnen, in denen ich mich hin und her geworfen fand wie eine Kugel in einem Flipperautomaten. Denn diese Geschichte, meine Geschichte, ist alles, was mir geblieben ist, um mich gegen diejenigen zu verteidigen, dich mich tot sehen wollen.
Eine angenehme, aber aufrüttelnde Lektüre wünscht herzlich,

Ihr Johann Kaiser

1 Mayer, Jan: Das Verschwinden der Daten. Wien 2004

(S. 9-13)

© 2020 Luchterhand, München.

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