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Katharina Raabe, Frank Wegner (Hg.): Warum Lesen. Mindestens 24 Gründe.

Mindestens 24 Gründe. Berlin: Suhrkamp-Verlag, 2020. geb.; 345 S; EUR 22,70.-; ISBN: 978-3-518-07399-5.

Frühsommer 2020. Corona-Zeit. Krisenzeit. Wir alle sitzen, manche tagein tagaus und Stunde um Stunde, vor und hinter unterschiedlichen Medien – Bildschirmen, Büchern, Zeitungen etc. – und lesen. Lesen aktuelle Nachrichten, Reportagen, Emails, umfangreiche Romane, Lektürerückmeldungen von Studierenden, Liegengebliebenes, Allerneuestes … Da kommt ein Band gerade recht, der sich in Form einer Anthologie von 24 Beiträgen dem Lesen widmet. Angefragt wurden die 24 Autor*innen des Buches – ein Geschenk zum 70sten Geburtstag des Suhrkamp-Verlags – lange vor dem Ausbruch der Corona-Krise, aber das Buch passt in diese bleiern-hysterische Zeit, denn „Lesen ist eine Überlebenstechnik. In Krisenzeiten sind Menschen, die lesen, im Vorteil“, so die beiden Herausgeber*innen in ihrem Nachwort zum Band (S. 329). John Jeremiah Sullivan meint: „Ich lese, weil das Leben zu viel ist.“ (S. 304)

Die 24 Beiträge stützen diese Position und nehmen teilweise auch Bezug auf die Corona-Pandemie, aber sie tun es mit einer Vorsicht und einer Differenziertheit, die wohltuend Tempo rausnimmt aus den überdrehten Debatten der Gegenwart. Und das macht den Band so wertvoll: Er hat etwas Aktuelles und etwas Zeitloses zur gleichen Zeit. Und er ist über weite Strecken wunderschön und wunderbar poetisch zu lesen, wobei viele Beiträge mit zärtlichem Humor und einer erfrischenden (Selbst-)Ironie an die Frage des Lesens herangehen. Dass er Raimund Fellinger gewidmet ist, passt gut ins Bild: Der Cheflektor des Suhrkamp-Verlags, der Jahrzehnte Autor*innen wie Thomas Bernhard, Peter Handke oder Christa Wolf betreute und Peter Handke 2019 zur Nobelpreisverleihung begleitete, ist im April dieses Jahres 68jährig verstorben.

Es lohnt, die 24 Beiträger*innen, durchwegs Suhrkamp-Autor*innen, namentlich anzuführen, um einen ersten Eindruck zu vermitteln: Clemens J. Setz, Katja Petrowskaja, Andreas Reckwitz, Friederike Mayröcker, Marcel Beyer, Eva Illouz, Annie Ernaux, Rachel Cusk, Jürgen Habermas, Nicolas Mahler, Thomas Köck, Wolf Singer, Esther Kinsky, Serhij Zhadan, Hartmut Rosa, Dževad Karahasan, Alejandro Zambra, Maria Stepanova, Michael Hagner, Sibylle Lewitscharoff, Hans Joas, John Jeremiah Sullivan, Oliver Nachtwey, Enis Maci. Dass der Band sehr heterogen ist, dürfte somit nachvollziehbar sein (dies teilt er mit vielen anderen Sammelbänden auch): Die einen schreiben über eigene Leserlebnisse, andere über die von fiktiven Protagonist*innen fiktionaler Bücher; die einen schreiben über ihre vergangenen Lektüreerfahrungen und die Prägungen der (frühen) Kindheit, andere über die der Gegenwart; die einen binden das Lesen an die Erfahrung historischer Ereignisse zurück, andere erzählen über unmittelbar gegenwärtiges Lesen; die einen schreiben von ihren subjektiven Lektüren, andere verfassen (wissenschaftliche) Essays; die einen schreiben literarisch über literarisches Lesen, andere stärker verallgemeinernd und philosophisch über das Lesen generell; die einen schreiben über Ideelles, die anderen über die Materialität des Gelesenen, unter anderem, so Serhij Zhadan, über Bibliotheken im Krieg, „an denen sich trotz des Krieges [Anm.: in der Ukraine], des Artilleriefeuers, der Dunkelheit und der Kälte das Leben hält“ (S. 186); die einen bieten den Leser*innen Aphorismen oder einen Comic oder verbinden fragmentarische Beobachtungen mit Fotografien, andere entwickeln einen durchgehenden Spannungsbogen.

Trotz der Heterogenität versprechen die bekannten Autor*innen nicht nur viel Lesegewinn und großen Lesegenuss, sondern können dieses Versprechen auch einlösen: Niemand hat es sich leichtgemacht und sich auf seine/ihre Bekanntheit verlassen, um einen ,schnellen Text abzuliefern. Im Gegenteil: Viele Beiträge überraschen geradezu mit dichten Beschreibungen im Sinne von Clifford Geertz und erzählen oder berichten mal berührend und mal packend, mal melancholisch und mal euphorisch vom Lesen und analysieren und beschreiben seine Funktionsmechanismen oder seine Wirkungen.

Und alle stimmen letztlich überein, dass Lesen Wirklichkeiten nicht nur verfügbar (weil erst durch Lesen denkbar) macht, sondern dass Lesen vielmehr jene Wirklichkeiten erst generiert, die vermeintlich vor ihrer sprachlichen Fassung existieren. Eva Illouz demonstriert diese Tatsache anhand der Lektüre von Flauberts Emma Bovary, und zwar auf einer doppelten Ebene: Sowohl für die Liebesromane lesende Protagonistin Emma Bovary wie auch für die Leser*innen des Romans stellt sich die Liebe „in erster Linie als ein vorweggenommenes Gefühl“ dar, „das durch die Lektüre erworben wird“ (S. 63), und nicht nur Emma erlebt die Liebe und den Ehebruch „nach dem Vorbild der literarischen Genres, die ihre Phantasie in Beschlag genommen haben“ (ebd.), sondern auch diekritik Leser*innen der Emma Bovary modellieren Gefühle nach dem Muster jener Figuren und Konstellationen, die in Texten zu finden sind. Gefühle sind also zuerst „empfunden und geträumt“ (S. 65), bevor man sie in Wirklichkeit auch erlebt. Spiegelbildlich dazu steht, so Eva Illouz, William Stoner aus John Williams' Roman Stoner. Stoner lernt weniger die Liebe durch das Lesen von Romanen kennen, sondern erlernt vielmehr die Interpretation seiner Gefühle durch das Lesen von Romanen.

Und dass das Lesen selbst Leben heißt, könne man Illouz zufolge in Sartres Die Wörter nachlesen. Bei Hartmut Rosa klingt das dann so: „Lesen ist nicht ein Ersatz für das Leben, es ist seine Erweiterung und Vertiefung. […] Ich erlebe eine fortwährende Modulation meiner Weltbeziehung“ (S. 197f.) – und zwar durch das, was Rosa Resonanz nennt, die nie passiv ist, sondern konstruierend, gestaltgebend (vgl. S. 206). Dass wir heute nicht nur durch literarische Texte, sondern durch Medien unterschiedlichster Form und Provenienz geprägt sind, während die Leser*innen des 19. Jahrhunderts ,nicht viel mehr‹ als Belletristik zur Verfügung hatten (diese allerdings durch, so Illouz, „die Massentechnologie des Buchdrucks“ (S. 64) auf breiter Ebene und erschwinglich verfügbar), um neben dem Lesen auch das Fühlen zu lernen, tut dabei wenig zur Sache.

Jürgen Habermas macht in seinem Beitrag darauf aufmerksam, dass das Lesen, seitdem es sich von der Auslegung religiöser Texte emanzipiert hat, vereinfacht formuliert zwei Wege beschreitet: den des öffentlichen Bildungsdiskurses (der im Wesentlichen pädagogische Institutionen, wie etwa Schulen, und journalistische Aufklärung nutzt) und den des literarischen Lesens. Der eine generiert die für ein demokratisches Gemeinwesen notwendige Öffentlichkeit für Debatten, der andere generiert die für eine Demokratie ebenso nötige Privatheit. Der eine stiftet die für eine Debattenkultur nötige Skepsis und lässt Zweifel am Gelesenen zu, der andere konstruiert einen Raum erfahrenden Nachvollzugs – der in einer gewissen Art und Weise geradezu ,kritiklos ist, da es absurd wäre, einer Erzählinstanz im Bereich der Literatur sozusagen nicht zu glauben: Schriftsteller*innen in der Literatur setzen Wirklichkeit fest, während jene im Bereich des Journalismus (oder auch den Geisteswissenschaften) etwas so konstruieren oder so von Wirklichkeiten erzählen, dass man auch Zweifel anmelden kann und in einer Demokratie auch sollte. Habermas zufolge führt dies dazu, dass „das strukturelle Gefälle zwischen literarischen Autoren und deren Lesern nicht so leicht nivelliert werden [kann] wie in der politischen Öffentlichkeit zwischen der professionellen Publizistik und solchen Lesern, die sich von deren Standards abwenden und sich in den Grauzonen der digitalen Öffentlichkeit um den Preis der arbeitsteiligen Prüfung kognitiver Geltungsansprüche selber zu Autoren ermächtigen. […] Literaturkonsum empfiehlt sich schon aus Gründen der politischen Erziehung, weil Leser, die an den Umgang mit Literatur gewöhnt sind, in ihrer Rolle als Staatsbürger gar nicht erst auf den Gedanken kommen, die demokratietheoretisch einleuchtend begründete funktionale Arbeitsteilung zwischen professionell geschulten Autoren und deren politisch interessierten Lesern als Bevormundung misszuverstehen.“ (S. 112f.)

Haben Leser*inne von Literatur also mehr Vertrauen? Sind sie stabiler und weniger leicht verführbar durch Populismen? Unabhängig davon, ob man Habermas nun folgen mag oder nicht: Die Möglichkeiten der Literatur liegen auf jeden Fall in ihrer Fähigkeit, Erfahrungen und Erlebtes durch Versprachlichung erinnerbar und damit Individuelles sozial verfügbar zu machen, d. h. implizit „Bekanntes in ein Erkanntes“ (S. 116) zu transformieren. In den Worten des Hirnforschers Wolf Singer: Niederschreiben (und Lesen) macht das „zunächst Undenkbare, zunächst Unsagbare darstellbar und damit begreifbar“ (S. 152). Dass es dabei nicht um Ästhetisierung geht, sondern um das Feststellen und Festhalten, macht Serhij Zhadan klar, wenn er im Rahmen des Krieges in der Ukraine schreibt: „Krieg ist nicht gemacht für Literatur. Den Krieg als literarisches Material zu nutzen versuchen ist das Schlimmste, was ein Schriftsteller tun kann. […] Und doch ist es unmöglich, nicht über den Krieg zu schreiben. Über den Krieg muss geschrieben werden. Der Krieg braucht keine Ästhetisierung, aber er braucht Fixierung.“ (S. 191)

Wer aber meint, dass im vorliegenden Band das Lesen in Zeiten von Fake News, Verschwörungstheorien und Klickfarmen nur gefeiert wird, irrt. So erinnert etwa Maria Stepanova an die Gefahren des Lesens und an die Warnungen davor, die das Lesen seit jeher begleiten. Der Gedanke, Lesen und Leben würden Hand in Hand gehen, ist vielleicht gar zu romantisch und weltfremd, denn Lesen und Leben können sich erstens ausschließen, zweitens wäre es falsch zu behaupten, Lesen führe immer zu Erkenntnis, Erfahrungszuwachs oder Sensibilisierung. Es kann auch zu Verblendung, zu Verhärtung und zu Formen der Aneignung führen: zu identity theft auf Seiten der Autor*innen oder, noch schlimmer, zu identity tourism auf Seiten der Leser*innen. „Und während die Gesellschaft einer Autorin das Recht absprechen kann, über Menschen zu schreiben, deren Leben sie nur vom Hörensagen kennt, kann der Leserin niemand Grenzen setzen“ (S. 252).

Oliver Nachtwey erinnert nicht nur an die Tatsache, dass Bücher wie alles andere auch den Bedingungen des spätmodernen Neoliberalismus unterliegen, sondern auch daran, „dass Lektüre auch deshalb nicht zwangsläufig etwas Gutes für die Leser*innen bedeuten muss, da antimoderne und rechte Literatur eine Welt der Reaktion imaginiert.“ (S. 306) „Lesen kann ein Vehikel der Aufklärung sein […], kann aber genauso gut ein Motor der Gegenaufklärung sein“ (S. 309) – und ist es seit den 1990ern mehr und mehr (S. 316). „Beim Lesen imaginieren wir eine andere Welt, aber unsere Welt wird dadurch nicht verbessert. Ebenso wenig macht das Lesen uns zwangsläufig zu aufgeklärteren Menschen. Deshalb kommt es immer noch darauf an, nicht nur – lesend – eine andere Welt zu imaginieren, sondern die unsere zu verändern.“ (S. 320)

Martin Sexl (Juli 2020)

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