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Elias Canetti: Prozesse. Über Franz Kafka.

Im Auftrag der Canetti Stiftung hrsg. von Susanne Lüdemann und Kristian Wachinger. München: Hanser, 2019; geb. 381 S.; EUR 28,80 (A); ISBN 978-3-446-26370-3

Wie bei kaum einem anderen Autor drängt es sich bei Elias Canetti geradezu auf, themenbezogene Anthologien zu veröffentlichen. Das hat zweifellos mit dem genremäßigen Schwerpunkt seines literarischen Schaffens, mit den seit den frühen 1940er Jahren regelmäßig notierten aphoristischen Aufzeichnungen zu tun. In diesen sieht Sven Hanuschek in seiner Biographie Canettis dessen literarisches „Zentralmassiv“ (S. H., Canetti, 2005, S. 172). Verstreut finden sich in diesem „Hauptwerk“ des Autors Gedanken zu unterschiedlichen Themen. Diese gebündelt in Anthologien zu präsentieren, macht Sinn, weil Canetti seine Ansichten, Werturteile, etwa über Autoren, speziell Hermann Broch (vgl. S. 239, Aufzeichnung vom 6.7.1992), in den Aufzeichnungen ungeschminkter als beispielsweise im autobiographischen Augenspiel äußert. In diesem Sinne aufschlussreich sind die Textsammlungen Über Tiere (2002), Das Buch über den Tod (2003), Über die Dichter (2004) und jetzt über Franz Kafka.

Wie für Kafka, war auch Elias Canettis Leben leidenschaftlichst ausgerichtet auf Literatur. Davon zeugen seine autobiographischen Werke nicht nur, sondern eben auch im besonderen Maße die Aufzeichnungen. Er war ein leidenschaftlicher Leser von Kindheit an, ein mal extrem euphorischer, mal gnadenloser Kritiker, leidenschaftlich in strikter Ablehnung etwa von James Joyce, leidenschaftlich in seiner ungebrochenen Begeisterung für Stendhal oder Marcel Proust, leidenschaftlich auch im nicht seltenen Umschlagen ursprünglicher Begeisterung in ein vernichtendes, nicht selten ungerechtes Urteil wie eben im Fall Hermann Brochs. Sein Hass richtet sich nicht zuletzt auch gegen ursprünglich engst Befreundete, wie den „Zwillingsbruder“ Fritz Wotruba (E. C.: Das Augenspiel 1985, S. 99). „Ich schreibe aus Haß“, so Elias Canetti in einem Gespräch mit Mechthild Curtius (Blendungen, in: Autobiographie zwischen Fiktion und Wirklichkeit, S. 92). Beispielsweise steigert er sich in einer Notiz vom April 1931 geradezu in einen verbalen „Hass“-Rausch (vgl. Zitat bei Hanuschek, S. 237). Hassgefühle entwickelt er aber, aus welchem Grund auch immer, nicht nur, wie man annehmen könnte, gegenüber anderen, sondern auch gegen sich. Nicht immer ist die Selbstwahrnehmung nachvollziehbar, oft irritierend, wenngleich meist „originell“. So empfindet er gegenüber Franz Kafka seinen eigenen „Ruhm“ als unverdient, ja „verabscheue[nswert]“ (S. 218), spricht während der Arbeit an seinem Kafka-Essay Der andere Prozess in einer Aufzeichnung vom 28. Juli 1968 von „unaufhörlicher Selbsterniedrigung vor Kafka“ (S. 151). Er könne „dem nicht beikommen“, könne „es nur mit Hass verzeichnen“ (ebda).

Von Franz Kafka, wiewohl er in den autobiographischen Werken nur eine kurze Erwähnung findet (vgl. Das Augenspiel 1985, S. 312), so dass man meinen könnte, er habe Canetti kaum interessiert, ist dieser vom ersten Kafka-Lektüreerlebnis an, wenn schon nicht ohne Irritationen, so gleichwohl bleibend enthusiasmiert. In einer Aufzeichnung vom 6. Juli 1947 vermerkt Elias Canetti, dass er schon 1930/31 im Schaffensprozess an seinem Roman Die Blendung von Kafkas Erzählungen Die Verwandlung und Ein Hungerkünstler beeinflusst worden sei (vgl. S. 35). Kafka, so Canetti, „hat mich vielleicht in einer Genauigkeit und Dichte ermutigt, in die ich durch meine eigene Pedanterie von selber geraten war. Es war wohl ein Glück für mich, dass ich damals weder den ‚Prozess‘ noch das ‚Schloss‘ hernahm; denn davon wäre ich kaum mehr losgekommen“ (S. 36). Was Canetti in der Beschäftigung mit Kafka umtreibt, fasst Lüdemann mit Harold Blooms Begriff „Einflussangst“, dem die Ambivalenz von Verehrung für das Vorbild und der Distanzierung von diesem eingeschrieben ist. Tatsächlich ist Canetti von Kafka nie wirklich „losgekommen“. Dies bezeugt die vorliegende Publikation in ihrer Zusammenschau der verstreuten Äußerungen über Kafka in eindrucksvoller Weise. Begonnen hat es mit der erwähnten, nicht ohne Folgen für sein eigenes Schaffen gebliebenen Lektüre der Kafka-Erzählungen. Weiters berichtet Veza Canetti in einem Brief vom 2. Juli 1947 ihrem Schwager Georges, dass Elias in der Vorbereitung auf einen Vortrag über Proust - Kafka - Joyce (1948) „seit einer Woche den herrlichen Kafka“ lese (Veza und Elias Canetti: Briefe an Georges, München 2006, S. 278). 1981 bekennt er in der Dankrede für den Kafka-Preis, dass seine "Erfahrungen mit Kafka" auch nach einem halben Jahrhundert „noch immer an[dauern]“ (zit. nach Hanuschek, S. 607). Canetti, der sich Jahrzehnte lang mit Fragen der „Masse und Macht“ befasst hat, spricht in seinem Essay über Der andere Prozess. Kafkas Briefe an Felice diesem die aus seiner Sicht höchste Anerkennung aus: „Unter allen Dichtern ist Kafka der größte Experte der Macht. Er hat sie in jedem ihrer Aspekte erlebt und gestaltet“ (S. 341), sie sei (so eine Aufzeichnung vom 2.3.1968) sein „eigentlicher Gegenstand“ (S. 114). Dies erkennend, gewinne sein Werk eine „Klarheit, wie sie kein anderes Werk unsrer Zeit besitzt“. Kafka sei – so Canetti in einer Aufzeichnung vom 25.6.1947 – unter „allen Dichtern der Einzige, den Macht in keiner Weise angesteckt hat“ (S. 34). Dreieinhalb Jahrzehnte später, in der Provinz des Menschen (1982), widerspricht er dem allerdings, wenn er Kafka nicht nur als Opfer der Macht, sondern auch als Machtausübenden sieht. Teilhabe an Macht sei Voraussetzung, um diese von innen zu durchschauen. Nichtsdestoweniger zählt ihn Canetti in seiner Nobelpreisrede zu jenen vier Persönlichkeiten denen er die Ehrung verdanke, zu Karl Kraus, Robert Musil und Hermann Broch. Zu diesen Autoren – außer zum Letztgenannten – bekennt er sich uneingeschränkt auch noch in einer Aufzeichnung vom 18. Juni 1992 (vgl. S. 239).

Die vorliegende Publikation, einbegleitet durch ein informatives, Canettis Kafka betiteltes Vorwort der Mitherausgeberin Susanne Lüdemann, legt nachdrücklich Zeugnis ab von Kafkas Bedeutung für Canetti (vgl. dazu auch K. B., Der größte Experte der Macht 1985, S. 133 ff.), vereint neben dem schon genannten Essay über die Briefe an Felice, neben dem ursprünglich 1948 auf Englisch gehaltenen Vortrag über Proust - Canetti - Joyce und neben der Hebelpreisrede Hebel und Kafka (1980) auf den verehrten Dichter bezogene Aufzeichnungen, die quantitativ (an die 170 Druckseiten) den Essay (101 Seiten) übertreffen. Im Nachlass finden sich 14 Kafka-Hefte, aus denen die vorliegende Publikation auch bislang noch Unveröffentlichtes auswählt. Die Hefte versammeln Aufzeichnungen, Bruchstückhaftes, Notizen etc., die zum Teil als Textbausteine in den Prozess-Essay eingegangen sind. Dieser, gleichwohl Canettis wichtigste Kafka-Referenz, erhebt keineswegs einen literaturkritischen, geschweige denn literaturwissenschaftlichen Anspruch. Vielmehr lehnt der promovierte Naturwissenschaftler sogar in seinem sozialpsychologisch-anthropologischen Opus magnum Masse und Macht systematisch-wissenschaftliches Vorgehen entschieden ab zugunsten eines erzählenden Aneinanderreihens von Mythen.

Der Essay Der andere Prozess ist – um sich an den Sprachgebrauch Canettis zu halten – vom Interesse geleitet, einen anderen Menschen zu „erlernen“ (E. C., Die Fackel im Ohr 1982, S. 292), ihn „von innen her“ zu erfahren, von der „Lust der Erfahrung anderer von innen her“, wie der Autor es in seiner poetologisch bedeutsamen Rede Der Beruf des Dichters (E. C., Das Gewissen der Worte 1976, S. 263) formuliert. An diesem „anderen“ sei eine der „neuen Wirklichkeiten“ der nicht mehr einheitlich, sondern „zentrifugal“ erlebten Welt (Fackel im Ohr, S. 294) und die „Potentialität“ (ebda, S. 295) dieser Realitätspartikeln zu beleuchten. Bloße Dokumentation, so stellt Canetti nachdrücklich fest (vgl. ebda oder Gewissen der Worte, S. 73), könne dies nicht leisten. In der Einleitung zum Essay betont er, dass die „Briefe“ Kafkas an Felice Bauer in ihn „eingegangen“ (S. 276) seien, ihm – um es mit einem Schlüsselwort Canettis zu benennen – als „Nahrung“ (E. C., Masse und Macht 1984, S. 319) dienen und sich so „begreifen“ lassen. Er sieht es als seine Aufgabe als Schriftsteller, Menschen am Leben zu erhalten, als Überlebender die Toten zu retten. In diesem Sinne versteht Canetti den Dichter als „das genaue Gegenbild jener Machthaber, bei deren Tod ihre Umgebung mitsterben muß“ (ebda).

Canettis Lesart der Briefe ist durchaus originell, setzt er doch die Verlobungs- und Entlobungsgeschichte in Beziehung zur Verhaftung Josef K.s sowie zu dessen Hinrichtung. Susanne Lüdemann sieht in dieser Zusammenschau von Existenz und Schreibprozess überzeugend die „Kernthese des Essays“ (S. 13) und konstatiert Canettis „Versuch, Kafkas Prozess der Selbsterkenntnis auf sich selbst anzuwenden und dadurch seine eigenen dichterischen Prozesse freizusetzen“ (S. 14). „Rette mich, Kafka“, so seine beschwörende Bitte in einer Aufzeichnung vom 20. Dezember 1967 (S. 59). Schon in seinem Vortrag Proust - Kafka - Joyce von 1948 spricht Canetti, möglicherweise, aber nicht explizit von Kafka inspiriert, von „der Verwandlung“ als „der wichtigsten Quelle des künstlerischen Schaffens“ (S. 265). In der erwähnten Münchner Rede Der Beruf des Dichters von 1976 nennt er den Dichter einen „Hüter der Verwandlungen“ (Gewissen der Worte, S. 261) in mehrfachem Sinn. An Kafka beobachtet Canetti vier Muster, auf universelle Machtansprüche zu reagieren: Erstens die absolute Ausrichtung des Lebens auf Literatur unter Rückzug in die „Einsamkeit des Schreibens“ (S. 304), zweitens die Verweigerung von erniedrigenden Befehlen, drittens die Selbstbezichtigung, konkret zur Abwehr von Felices Ansprüchen und vor allem viertens die Fähigkeit zur „Verwandlung ins Kleine“ (S. 351), um Machtansprüchen zu entgehen. Dass sich diese Vorstellung durch das gesamte Werk Canettis zieht, beweist eine lapidare Aufzeichnung vom 30. März 1950: „Kafka, ein Riese an Kleinheit.“ (S. 36)

Dank der Zusammenstellung von bislang bereits Publiziertem, der Rede über Proust - Kafka - Joyce, des Essays über die Briefe Kafkas an Felice Bauer und der Hebel-Preisrede sowie von Kafka betreffenden, zum Teil noch unveröffentlichten Aufzeichnungen, vorrangig aus der Zeit der Arbeit am Essay, lassen sich ein differenziertes, originelles durchaus nicht widerspruchsfreies Kafka-Bild Canettis, poetologische Einblicke, aber auch – man denke an die Hasstiraden – Erkenntnisse über eigentümliche Facetten von Elias Canettis Charakter gewinnen. Seine Verehrung des ihm literarisch unerreichbar erscheinenden Franz Kafka kennt irritierende Seiten, so, wenn er sich während der Arbeit am Essay in einem Akt der „unaufhörliche[n] Selbsterniedrigung vor Kafka“ (Aufzeichnung vom 28.7.1968, S. 151) als Überlebender selbstbezichtigt. Daraus leitet er, wie er in der Rede Der Beruf des Dichters ausführt, die Verpflichtung des Schriftstellers ab, als Bewahrer „literarische[n] Erbe[s]“ (Gewissen der Worte, S. 261) zu wirken. Dem Überleben haftet stets auch ein Machtanspruch an. Frei davon sieht Canetti selbst sein Vorbild nicht: Kafka übe schreibend Macht aus, „nährt“ er sich doch von Felices (nicht erhaltenen) „Briefen“ (S. 289).

Kurt Bartsch (17.08.2020)

 

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