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Karl-Markus Gauß: Ins unentdeckte Österreich.

Nachrufe und Attacken.
Wien: Zsolnay, 1998.
184 S., geb.; öS 248.-.
ISBN 3-552-04878-2.

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"Die längste Zeit wurde Österreich gepriesen oder verdammt, aber es kommt darauf an, es zu entdecken", so Karl Markus Gauß in seinem jüngsten Essay-Band "Ins unentdeckte Österreich". Wo liegt also dieses Österreich? Ist es nur das Land zwischen Neusiedler- und Bodensee? Ist es etwa in den Romanen und Gedichten seiner Dichter verborgen? Oder ist es vielleicht, wie Hans Weigel einmal behauptete, erst durch seine Schriftsteller entstanden? Gauß, der Querdenker der Nation, Gauß das gute Gewissen dieses Landes, meldet sich endlich wieder zu Wort. Es gilt, Österreich freizulegen von den immer dicker werdenden Schichten rechter und linker Klischees. "Dahinter liegt ein Land, das den Verklärern Österreichs nicht gefallen mag und von dem die Verächter überzeugt sind, es wäre nicht vorhanden." Gauß stellt sich mit Bravour der Aufgabe, dieses Österreich seinen Lesern näherzubringen. So zeigt er, daß jenes Österreich, das die einen nicht genug preisen können, jenem, das Jelinek und Co. kritisieren, zum Verwechseln ähnlich sieht.

Ähnlichkeiten, vor allem Wiederholungen lassen sich auch immer wieder im Umgang Österreichs mit seiner Geschichte feststellen.
Eine Zeile aus Gerhard Fritschs vielzitiertem Gedicht über Österreich lautet: "ein Landstrich von dem die Geschichte Abschied genommen hat". In Bezug auf die Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit - und keineswegs nur mit seiner jüngsten - müßte diese Zeile nach Gauß umgeschrieben werden: ein Land, das von seiner Geschichte Abschied genommen hat. Und zwar so gründlich, daß das Vergangene zum Tabu geworden ist. "Denn da die Geschichtslosigkeit unser Verhängnis ist, wurde sie von Generation auf Generation weitervererbt, und die da antraten, die Väter für ihre flinke Vergeßlichkeit zu tadeln, vergaßen begeistert gleich selber, was ihnen nicht ins Konzept paßte." Während die Zeit des Anschlusses an das Dritte Reich in den letzten Jahren langsam aufgearbeitet wird, scheint der Vielvölkerstaat einzig in einer Verklärung durch die Donaumonarchie in Erinnerung zu bleiben. Gauß bringt uns aber zum Staunen, wenn er aufzeigt, daß der vielgerühmte Alexander Tisma am Schauplatz seiner Romane nur serbisch sprechen läßt und völlig ausklammert, daß in Novi Sad auch ungarische, deutschsprachige und rumänische Bevölkerungsgruppen gelebt haben.

Doch auch wenn man die Geschichte weiter zurückverfolgt, wird man erkennen, daß es geradezu verpönt ist und war, sich jener zu erinnern, die im Vielvölkerstaat eine Rolle gespielt haben, wie etwa der ungarische Schriftsteller János Batsányi. Gauß nennt ihn einen "unbeugsamen Patrioten", der angeklagt war, den Jakobineraufstand geplant zu haben. Als er nach jahrelanger Festungshaft freikam, wurde er von Kaiser Franz nach dem Sieg über Napoleon in Linz wieder in Haft genommen. Fernab seiner Heimat blieb er mit seiner treuen Gefährtin und Frau, der Dichterin Gabriele von Baumberg, in der Verbannung. Beide sind den Anthologien und Geschichtsbüchern keinen Absatz wert. Gauß erzählt damit aber nicht nur eine berührende österreichisch-ungarische Liebesgeschichte, sondern präsentiert sie als "bitteren Wahrspruch über die österreichisch-ungarisch Monarchie der Habsburger, die diese Liebe verfolgte und bestrafte, den ungarischen Rebell inhaftierte und verbannte, die österreichische Dichterin ins Verstummen zwang".

Wenn auch Batsányi nichts erreicht hat, so hat Metternichs Spitzelstaat sämtliche Aufzeichnungen des Rebellen penibel verzeichnet und mit Registriernummern versehen im Archiv der österreichisch-ungarischen Revolten aufbewahrt.

Neben Batsányi ruft Gauß nicht nur Autoren der 1848er Revolution wie Messenheuer und Jellinek ins Gedächtnis, sondern erinnert auch an jene der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart, wie Friedrich Heer und Michael Guttenbrunner. "Im dumpfen Österreich ist es nicht leicht, Österreich zu entdecken. Aber es ist notwendig, und es ist genügend da, das es zu entdecken lohnt." Und dafür hat Gauß mit seinem Essayband wohl einen wichtigen Grundstein gelegt.

Susanne Zobl
9. Juli 1998

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