Die Leseliste. Kommentierte Empfehlungen.

Zusammengestellt von Sabine Griese, Hubert Kerscher und Albert Meier. Stuttgart: Reclam, 2020 (= RUB 17692). 199 S.; EUR 6,20 (A); ISBN: 978-3-15-017692-4.

 

"?What’s in a list“
Jack Goody, The Domestication of the Savage Mind, 1977

Sie sind die älteste Textsorte menschlicher Schriftkultur. Glaubt man der anthropologischen Schreibforschung, haben sie wesentlich zur kognitiven, sprachlichen und sozialen Entwicklung des Menschen beigetragen. Bis heute haben sie nichts von ihrem Organisationspotenzial und ihrer Faszinationskraft verloren: Listen. Leser_innen von Literatur wissen das. Sie führen Listen – von gelesenen Texten, von verliehenen Büchern, von zu besorgenden Titeln. Lange ersehnte und längst vergessene Lektüren sind auf Schmierzetteln und in Textdateien, in Tagebüchern oder Notiz-Apps verzeichnet. Für den Privatgebrauch von Literatur, für die Verwaltung des persönlichen Bücherbestandes, für die Planung der alljährlichen Sommerlektüre sind Listen zuallererst praktisch. Dann machen sie aber auch Spaß, sind Anlass zu elegischem Räsonnement – Had we but world enough, and time! – oder ein glattes Ärgernis. Letzteres insbesondere, wenn Gelistetes und Gelesenes wieder einmal nicht und nicht zusammenstimmen wollen.

Literarische Listen sind aber mitunter eine öffentliche Angelegenheit. Longlist und Shortlist für den Deutschen Buchpreis fördern das Rezeptionsaufkommen und den Verkaufserfolg der ausgewählten Titel. Kaum anders verhält es sich mit genrespezifischen Bestenlisten im Netz, die das Leseverhalten von Fantasy-Aficionados und Sci-Fi-Communities nicht nur abbilden, sondern auch steuern. Der Nobelpreis für Literatur verschafft den Prämierten akute internationale Sichtbarkeit; ein Platz auf der Liste der Preisträger_innen trägt dazu bei, ihr Werk mittelfristig präsent zu halten. In manchen Fällen fungiert er als Entréebillet in den Kanon der Weltliteratur. Was aber umfasst dieser viel beschworene und viel gescholtene Kanon der Literatur eigentlich? Welche Texte sind das, für die universelle Größe, ästhetische Mustergültigkeit oder zumindest literaturgeschichtliche Repräsentativität beansprucht wird? Anders formuliert: Welche Titel enthält eine Lektüreliste für grundlegende literarische Bildung? – Das hängt davon ab, wen man fragt.

Für das deutschsprachige Lesepublikum hat der Kanon eine Farbe: Gelb. Seit den 1970er Jahren strahlt die Signalfarbe für wichtige Literatur von den Bänden aus Reclams Universalbibliothek. Die Reihe begann 1867 noch in dezentem Beige mit – wie sonst? – Goethes Faust. Seither sind tausende Titel der deutschen und vieler anderer Literaturen erschienen. Kostengünstig und handlich sind Reclam-Hefte die bevorzugte Erscheinungsform von Schul- und Hochschullektüre und schon allein deshalb enorm wirkmächtig. Die Universalbibliothek ist die verlegerische Institution schlechthin, wenn es um niedrigschwellige Versorgung mit literarischen Texten geht. Sie setzt den repräsentativen Bänden in den Glaskästen der bildungsbürgerlichen Hausbibliothek das Buch als Gebrauchsgegenstand entgegen.

Wo Literatur in erschwinglicher Form bereitsteht, braucht es noch Zeit zum Lesen. Doch die ist naturgemäß knapp, weshalb Reclam 1994 erstmals eine Orientierungshilfe auf den Markt brachte: Die Leseliste. In Kommentierte[n] Empfehlungen (Untertitel) wird darin eine „insgesamt noch überschaubare[]“ Zusammenstellung der wirklich wichtigen Texte vorgelegt. Die Verantwortlichen erklären in der Vorbemerkung, dass es ihnen nicht um „künstlerische Dignität“ gehe; dafür fehle es „an konsensfähigen Normen“ zur Beurteilung. Historische Repräsentativität ist das Kriterium der Wahl. Die Texte sollen „im literaturgeschichtlichen Rückblick als besonders zeittypisch bzw. folgenreich auffallen.“ Leser_innen soll so „ein zuverlässiger, fachwissenschaftlich verantwortbarer Einstieg in den Entwicklungsgang namentlich der deutschen Literatur“ ermöglicht werden. Eine Liste also für all jene, die mit der Literatur und ihrer Geschichte ernst machen, sich ihre „Epochen, Gattungen, Stilrichtungen, Motive und Autoren“ in eigenständiger Lektüre erschließen wollen. Seit Veröffentlichung der ersten Ausgabe ist gut ein Vierteljahrhundert vergangen. Nun wurde von Sabine Griese, Hubert Kerscher und Albert Meier (allesamt aus der Germanistik und gemeinsam mit Claudia Stockinger bereits für den Vorläufer verantwortlich) eine Neufassung aufgesetzt. Was also empfiehlt Die Leseliste nach ihrem aggiornamento? Wie ordnet sie es? Und wie präsentiert sie es?

Gelistet sind nicht ganz 600 Texte vom sehr alten sumerischen Gilgamesch-Epos (datiert nach der Fassung auf 11+1 Tontafeln auf ca. 1200 v. Chr.) bis zu Saša Stanišics sehr rezentem autobiografischen Roman Herkunft (2019). Angegeben werden jeweils Autor_in, so bekannt, Werktitel, die Daten zu Entstehungszeitpunkt, Erstdruck und Uraufführung, bei fremdsprachigen Titeln noch das Jahr der deutschen Erstübersetzung. Dann wird eine Kürzestcharakteristik, fallweise mit Hinweisen auf kulturelle Kontexte geboten. Nicht alle der angeführten Texte sind im engeren Sinn literarisch. Zugrunde liegt der Auswahl ein extensiver Literaturbegriff, der sowohl mit historisch variablen Auffassungen davon rechnet, was Literatur ist (etwa die sog. literarischen Gebrauchsformen), als auch einflussreiche wissenschaftliche, politische und theoretische Texte einbezieht, die literarisch relevant waren. Luthers Reformationstraktat Von der Freyheyt eyniß Christenmenschen (1520), Hegels Phänomenologie des Geistes (1807), Freuds Traumdeutung (1900), Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung (1944) als Wegmarken einer Intellectual History in deutscher Sprache gehören wie selbstverständlich dazu. Die alte Fassung hatte noch unter einer Zusatzkategorie „Philosophie“ jene Titel gruppiert, die vielleicht weniger einer literarischen als einer begrifflichen Intelligenz zuzuordnen wären. In der Neufassung wird dieser Unterschied nicht weiter forciert, sondern in einem weiten und selbstbewussten Verständnis von Literatur aufgehoben.

Der erklärten Programmatik in der Auswahl (literaturgeschichtlich breite Repräsentativität) entspricht eine pragmatische Anordnung. In zwei Blöcken wird zunächst in „Deutschsprachige Literatur“ (mit 342 Titeln deutlich mehr als die Hälfte der Posten) und in „Fremdsprachige Literaturen“ eingeteilt. Die deutsche Literaturgeschichte wird nach traditionellen germanistischen Epochenbezeichnungen untergliedert. So kommen ziemlich heterogene, aber gleichermaßen geläufige Konzepte der literaturgeschichtlichen Periodisierung zum Zug: „Mittelalter“, „Humanismus/Reformation“, „Barock“, „Aufklärung“ usw. Auf Erläuterungen wird verzichtet. Überraschungen gibt es nicht. In Summe ist das alles nachvollziehbar und die traditionellen Konzepte sind zwar systematisch und historisch nicht immer scharf, haben aber durchaus ihre didaktischen und heuristischen Stärken. Diesbezügliche Innovation oder Extravaganz hätte von der Leseliste wohl auch niemand erwartet.

Dort, wo sich wie im späten 18. Jahrhundert Epochenkonzepte zeitlich überlappen, kommt es punktuell zu fragwürdigen Zuordnungen von Texten. Warum etwa Immanuel Kants Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784) dem Sturm und Drang zugerechnet wird, erschließt sich nicht ohne Weiteres. Man könnte eine favorisierte Interpretation vermuten, wonach Kant darin „ebenso nachdrücklich wie pessimistisch für ein Denken, das sich nicht durch Autoritäten einschränken lässt“, (Kommentierung) optiert. Das kann man so sehen; es gibt aber viele gute Gründe, es nicht zu tun und diesen berühmten Text der moderaten Aufklärungsphilosophie einfach unter „Aufklärung“ zu subsumieren. Im 19. Jahrhundert wurde verglichen mit der Erstfassung die Kategorie „Biedermeier und Vormärz“ gestrichen. Ein Nestroy, ein Büchner, ein Heine, ein Hoffmann von Fallersleben firmieren mithin unter dem Konzept „Realismus“. Ob dadurch nicht ein allgemeiner Hinweis auf den Sitz ihrer Texte im kulturellen und politisch spannungsgeladenen Leben gerade ihrer Zeit unnötig unterschlagen wird, wäre zu fragen. Das gilt nicht weniger für die Kategorie „Weimarer Republik/Drittes Reich“, wenn ein nicht unerheblicher Teil der so rubrizierten Texte mit der Überschrift „Exilliteratur“ wohl achtsamer hätte aufgefangen und kontextualisiert werden können. Neu hinzugekommen ist in der aktuellen Auflage die „Literatur ab 1990“. Damit wird der Zusammenbruch der sog. realsozialistischen Staaten und die Wiedervereinigung Deutschlands als jüngste Epochenschwelle akzentuiert und in Kontrast zu den Abschnitten „Literatur der DDR“ und „1945-1989: Bundesrepublik Deutschland, Österreich, Schweiz“ eine gemeinsame deutschsprachige Gegenwartsliteratur konzeptuell profiliert.

Die nicht-deutschsprachigen Literaturen sind in ihrer Auswahl und in der Anzahl der aufgenommenen Titel sehr begrenzt; als Aufnahmekriterium in Die Leseliste wird ihr Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Literatur genannt. Die internationale oder Weltliteratur ist also recht deutlich eine Frage der national(philologisch)en Perspektive. Dabei wird einerseits in Nationalliteraturen (Frankreich, Italien, Russland) und in kulturgeographische Areale („Spanien/Portugal/Lateinamerika“, „Skandinavien“, „Großbritannien“ inkl. Joyce und z.T. Beckett) gegliedert; andererseits werden historische Formationen wie „Klassische Antike“, „Mittellatein“ oder die eher vielseitige Kategorie „Asien/Orient“ verwendet, unter der Texte wie das Alte und Neue Testament, das Tao-te ching und die Erzählungen aus Tausendundeine Nacht versammelt sind.

Nun sind, wo ein Lektüreprogramm für literarische Bildung vorgestellt wird, Nörgler und Beckmesserinnen nicht weit. Viele Entscheidungen in der Textauswahl können so und anders getroffen werden und es ist weitgehend müßig, aus persönlicher Vorliebe fehlende Titel zu reklamieren oder aus Besserwisserei für jeden Posten eine Alternative in Anschlag zu bringen; obgleich es bspw. bestimmt nicht nur die Mediävistik freuen wird, dass es Otfrids von Weißenburg althochdeutsches Evangelienbuch aus dem 9. Jahrhundert, das formal innovativ in Endreimen das Leben Jesu erzählt, wieder auf die Liste geschafft hat, nachdem es in einer zwischenzeitlich revidierten Ausgabe der Erstfassung aussortiert worden war. Interessanter wird es dagegen sein, etwas allgemeiner nach Ausrichtung und Position dieses spezifischen Kanons (auch wenn er kein Kanon mit der vollen normativen Wucht des Wortes sein will) zu fragen und auf blinde Flecken und problematische Ausschlüsse hinzuweisen, insofern diese System haben.

Zunächst sind dem Rezensenten angesichts der sonst großzügigen Dimensionierung des Literaturbegriffs mindestens drei spartenspezifische Mankos der Leseliste unerklärlich: Erstens hat es mit Ausnahme von Brechts Dreigroschenoper und Gays The Beggar’s Opera kein einziges Stück Musiktheater in die Auswahl geschafft. Wo ist Wagner? Wo sind Strauß & Hofmannsthal? Von Offenbach, Strauss, Lehár und ihren Librettisten nicht zu reden. Zweitens fehlen die Bild-Text Narrationen der begrifflich immerhin zu Literatur nobilitierten Graphic Novels. Nicht nur etablierte deutschsprachige Akteure wie Nicolas Mahler fehlen; auch Klassiker des Genres wie Art Spiegelman (Maus), Alan Moore (V for Vendetta), Marjane Satrapi (Persepolis) und Alison Bechdel (Fun Home) kommen nicht vor. Drittens bleibt zu fragen, warum die Liedermacher, Chansonniers, Cantautori und Singer-Songwriter von Georg Kreisler und Bulat Okudschawa über Serge Gainsbourg bis zum Nobelpreisträger Bob Dylan keinerlei Erwähnung finden. Zwar sind deren Lyrics ohne Musik nur oder nicht einmal der halbe Spaß, die in dieser Hinsicht vergleichbaren Kirchenlieder aus Paul Gerhardts Geistlichen Andachten (1666/7) werden aber auch und zurecht angeführt.

Neben den medialen Grenzen der Künste scheinen auch ästhetisch-normative Vorstellungen von Kunst eine durchaus verständliche, aber in der Vorbemerkung explizit negierte Rolle als Auswahlkriterium gespielt zu haben, zuungunsten quantitativen Publikumserfolgs kulturindustrieller und populärer Massenware. Bei 14 eigenständigen Titeln von Goethe hätte sein Schwager Christian August Vulpius mit dem außerordentlich populären Räuberroman Rinaldo Rinaldini (1799) vielleicht doch auch einen Platz verdient. Gerade in der jüngeren deutschen Literaturgeschichte scheint der Literaturbegriff bisweilen eher exklusiv gegenüber der am Markt erfolgreichen Massenproduktion zu sein. Zwar wird das doppelte One-Hit-Wonder Patrick Süskind mit seinem Roman Das Parfum (1985) angeführt, dessen unwahrscheinlicher Erfolg aber nicht einmal erwähnt. Wieso fehlt nach 1945 ein über Jahrzehnte kontinuierlich sehr auflagenstarker, von breiten Bevölkerungsgruppen gelesener und auch nach literarischem Rang nicht unerheblicher Autor von Unterhaltungsromanen wie Johannes Mario Simmel? Noch der größte internationale Erfolg auf dem Buchmarkt (Paulo Coelho) ist jedenfalls keine Garantie für einen Fixplatz in Reclams Die Leseliste.

Was die Auswahl durchaus sympathisch macht, ist die ausgewogene und unkomplizierte Kombination von Spitzentiteln des alten bildungsbürgerlichen Kanons mit ästhetischen, sozialen und kulturellen Alternativen der Literatur, womit dem Kanon als normativer Machtpraxis pragmatisch und kritisch zugleich begegnet wird. Mit dem alten Kanon sind viele Leser_innen heutzutage ohnehin nur gerüchteweise oder über inzwischen verschwundene Großkritiker wie Marcel Reich-Ranicki und breitenwirksame literarische Intellektuelle wie George Steiner vertraut, die mit ihren autoritativen Leserbiographien das Erbe der großen Literatur und ihrer modernistischen Fortschreibungen verwalteten. Mit den Alternativen sind Texte von Autor_innen mit Zugehörigkeit zu marginalisierten Gruppen gemeint, deren literarische Produktion von den Herren des vermeintlich universellen Kanons bürgerlicher Kultur die längste Zeit nicht beachtet, wo nicht aktiv unterdrückt wurde. Natürlich kann man fragen, warum mit James Baldwin eine der prononciertesten Stimmen (nicht nur) der (afroamerikanischen) Literatur des 20. Jahrhunderts fehlt. Blättert man weiter, wird einem aber Toni Morrisons Beloved (1987) vorgeschlagen. Und zwischen Sappho und Juli Zeh findet sich ein breites Spektrum an Autorinnen mit ganz unterschiedlichen literarischen und ideologischen Positionen von Sophie von La Roche und Jane Austen über Verena Stephan zu Judith Butler oder Elena Ferrante.

Quasi pro domo sei zuletzt noch auf eine notorische Schwierigkeit in Sachen literaturgeschichtlicher Repräsentation hingewiesen. Die markante historische und systematische Verlegenheit in Perspektive und Auswahl von Reclams Leseliste sind erwartungsgemäß Österreich und die Schweiz. Aus einer stets ungern eingestandenen, aber schon in den germanistischen Epochenbezeichnungen sedimentierten nationalliterarischen Perspektive müssen diese beiden Probleme machen. Die nicht unberechtigte Nachfrage, ob österreichische und schweizerische Literaturgeschichte mit ihren Institutionen, Akteuren, Texten und Sprachen umstandslos in die Etappen der politischen und literarischen Geschichte Deutschlands umzurechnen sind, wäre wieder zu stellen. Dabei geht es offenkundig um mehr als rein politische, nämlich um kulturelle und auch im engeren Sinn literarische Distanzen und Distinktivitäten. Aus anderer Perspektive könnte man versuchsweise nachfragen, ob es vor Nestroy, Grillparzer und Stifter wirklich keinen nennenswerten Text aus Österreich gibt. Wie kann die österreichische Literatur des 20. Jahrhunderts einen quantitativ so hohen Anteil an der deutschsprachigen Literatur insgesamt haben, wenn sie keine eigenständigen Texttraditionen kennt? Was war mit der Explosion schriftstellerischer Energien im Jahrzehnt des Josephinismus? Könnte nicht das Libretto der Zauberflöte ein hervorragender Text sein, um sich damit zu befassen? Man könnte auch sagen, dass die empfohlene Barocklyrik Catharina Regina von Greiffenbergs sich mit einem knappen Hinweis auf die politische und kulturelle Situation des lutherischen Landadels in Niederösterreich und ihr spätes Nürnberger Exil besser begreifen und einordnen hätte lassen. Für die Literatur der Schweiz kann hier nicht qualifiziert gesprochen werden. Ulrich Bräkers rurale und sozial-marginalisierte Perspektive auf das 18. Jahrhundert von unten wäre aber z. B. eine wertvolle Ergänzung gewesen. Es soll damit nota bene nicht um nationalkulturelle Selbstbehauptung innerhalb des Ensembles deutschsprachiger Literaturen nach der Zeit gehen; aber um Anerkennung und gute Umgangsweisen mit kultureller und literarischer Vielfalt in allen ihren historischen Ausprägungen. Warum eigentlich kann man nicht den großen österreichischen Roman in slowenischer Sprache Zmote dijaka Tjaža (1972) von Florjan Lipuš in der Übersetzung Der Zögling Tjaž von Helga Mracnikar und Peter Handke – selbst mit vier Titeln auf der Leseliste vertreten – anführen? Und wäre nicht ein Text des berühmten französischsprachigen Schweizer Romanciers und Dichters Charles Ferdinand Ramuz angezeigt?

Hat man einmal mit der Literatur und ihren Listen angefangen, gibt es kein Halten. Am Anfang von Reclams Die Leseliste darf René Descartes dahingehend mit einem Motto beruhigen: „Ein kultivierter Mensch muss nicht alle Bücher durchgelesen haben.“ Listen können aber dabei helfen, die richtigen zur Hand zu nehmen. Zusammenfassend muss gesagt werden, dass die Auswahl der besprochenen Liste – mit den genannten Defiziten und perspektivischen Beschränkungen – grundsolide, wenig originell und somit gut und zweckmäßig ist. Ja, man hätte experimentierfreudiger sein können, gerade wo die Erreichbarkeit auch von abseitigen Texten durch digitale und verlegerische Initiativen hoch wie nie ist. Aber das erklärte Ziel der Leseliste ist es schließlich, einen Grundstock an Lektüren für eine zeitgemäße literaturgeschichtliche Bildung zu empfehlen und nicht die Inhalte dieser Bildung selber eingreifend zu reformieren. Insofern wird sie ihren Dienst an Leser_innen und Literatur tun. Für’s Erste. Denn, wenn es, wie die Herausgeber_innen bemerken, „an konsensfähigen Normen“ zur Beurteilung von Literatur fehlt, dann ist Mut zu belesenem Dissens vermutlich die beste Reaktion. Als fachwissenschaftlich sanktionierte und in Reclams Universalbibliothek publizierte Zusammenstellung von Empfehlungen ist Die Leseliste notwendig normativ. Das ist aber gar nicht schlimm, denn so kommt man womöglich mit anderen Leser_innen der Liste besser ins Gespräch: über Homers Ilias (die mit dem Schiffskatalog im zweiten Gesang selber eine gewichtige Liste enthält), über Shakespeares Hamlet oder über Goethes Wahlverwandtschaften. Und man kann mit einer Liste ja auch machen, was man will. Sie wieder beiseitelegen zum Beispiel, und anderes lesen, auf sie zurückkommen mit Fragen und Reklamationen, aber auch, um wieder neue Anregungen daraus zu beziehen. Schließlich geht es um etwas. Listen geben jenen Traditionen Form, an denen wir unser literarisches Wissen und unseren literarischen Geschmack ausbilden. Deshalb wäre zu wünschen, dass sich der in der Vorbemerkung der Leseliste konstatierte und in einer Auswahlbibliographie am Ende des Bandes dokumentierte „Dauerstreit[] um die Berechtigung und Möglichkeit eines literarischen Kanons“, der im deutschen Sprachraum hauptsächlich als akademische Debatte über Möglichkeiten und Grenzen einer literarischen Axiologie geführt wird, zu einem breiten Dialog entwickeln könnte: über Kritik und Geschichte literarischer Texte, ihre Ästhetik, ihre Pädagogik, ihre Politik und ihre Listen. Eine davon wäre Die Leseliste. Mit ihren ganz kurzen Textbeschreibungen verrät sie eigentlich viel zu wenig und deshalb auch gerade genug. Man wird selber lesen und reden müssen über das, was drinsteht, über vieles, das nicht drinsteht, und über manches, das drinstehen sollte.

Anm.: Wörtliche Zitate aus Die Leseliste folgen sämtlich der Neufassung von 2020.

Thomas Assinger (August 2020)