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Mercedes Spannagel: Das Palais muss brennen.

Roman.
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2020.
192 Seiten; geb.; Euro 18,-.
ISBN 978-3-462-05509-2.

Autorin

Leseprobe

"Ein Mops hat sehr großes revolutionäres Potenzial. Möpse sind Anarchisten", sagt die junge Autorin Mercedes Spannagel in einem Verlagsinterview. Ob ihr der Altmeister deutschsprachiger Komik und selbst ein großer Liebhaber von Möpsen, Vicco von Bülow alias Loriot, da zugestimmt hätte? Vielleicht ja. Denn wohnt nicht dem komplett Dekadenten, restlos Verzüchteten, dem Ausdruck menschlicher Überspanntheit auch und gerade ein Moment der Aufmüpfigkeit, des Umstürzlerischen inne, indem es uns durch seine exorbitante Widernatürlichkeit zum Widerspruch reizt, zum Aufbegehren gegen ein System, das solches hervorbringt?

Die 1995 geborene Mercedes Spannagel studiert in Wien Maschinenbau, was angesichts der zahlreichen Zitate großer Denker in ihrem Debutroman, etwa von Barthes, Benjamin und Baudrillard, und dem leicht ironischen Blick durch eine übergroße Intellektuellenbrille auf dem Autorinnenfoto beinahe wie eine Inszenierung wirkt. Doch wenn sie nicht gerade schreibe, arbeite sie daran "CEO von Daimler zu werden", wie sie in einem anderen Interview augenzwinkernd zu Protokoll gibt - den passenden Vornamen dazu hat sie ja schon.

Die große Geste in Verbindung mit hintergründiger Selbstironie schafft eine entwaffnende Sympathie, die recht gut zu dem spöttischen, leicht gelangweilten Tonfall passt, in welchem Spannagel "Das Palais muss brennen" abgefasst hat. Die eigentliche Geschichte ist schnell erzählt: Lu, die Ich-Erzählerin, und ihre Schwester Yara sind die Töchter einer ehrgeizigen, aus kleinen Kreisen stammenden Politkarrieristin, die mit dem rechtskonservativen Parteibuch schließlich zur österreichischen Bundespräsidentin aufgestiegen ist. Einerseits suhlen sich die beiden genüsslich im endlich erreichten sozialen Wohlstand und führen sich dabei so dekadent auf, als seien sie dem degenerierten Adel entsprossen: ein Weinfrühstück jagt das andere in irgendwelchen Szenecafés, Parties mit Designerdrogen und abgedrehte Kunstperformances mit anschließendem männlich-weiblich-diversem Sex sind an der Tages- oder besser Nachtordnung, doch beide spüren die Hohlheit dieser überinszenierten Besserverdienendenshow, an der sie teilhaben. Gleichzeitig fühlen sie sich als Teil einer Gegenbewegung, die sich den (wenn auch wenig mehr als verbalen) Kampf gegen Rechts auf ihre Fahnen geschrieben hat, indem sie sich gegen die von der Mutter und Präsidentin auferlegte Etikette auflehnen. Doch Pläne, "die Regierung zu stürzen", wie es der Klappentext anmerkt, kulminieren im Wesentlichen darin, dass sich Lu einen Mops namens Marx als Gegengewicht zu den sieben Windhunden der Mutter anschafft und mit aufmüpfigen Kommentaren gegen Kapitalismus, Korruption und Patriarchat um sich wirft. Sie erwägt gar nach kurzem Zögern, mit Freunden einen Eklat auf dem Wiener Opernball zu provozieren, doch dazu kommt es dann gar nicht mehr, weil ein verhängnisvolles Ereignis der politischen Karriere ihrer Mutter ein jähes Ende setzt.

"Ich hatte früh eine Abscheu in mir. Ich hatte früh Revolution in mir. Ich war antiautoritär und verwahrlost. Ich war verwöhnt. Ich war schwierig, von Anfang an", sagt sie über sich selbst. Doch in Wahrheit ist es eher Rebellion als Revolution, die Abscheu ist unspezifisch. Sie missversteht ihre Identitätskrise als Erwachsenwerdende, benutzt sie als Entschuldigung für ihr dekadentes Grundverhalten, lebt die Widersprüchlichkeiten ihrer Existenz in vielen Situationen fast unreflektiert aus. Ihre Emotionalität verbleibt letztlich in einer Sphäre des Kitsches, ihre Beziehungen bleiben oberflächlich - eine echte Entwicklung scheint weder bei ihr selbst noch bei den meisten anderen vorgestellten Figuren stattzufinden. Doch das innere Rumoren, das Unbehagen über diesen Zustand ist insbesondere Lu unterschwellig immer anzumerken. Sie wäre gerne anders, doch sie ist es nicht.

Das alles beschreibt Mercedes Spannagel mit süffisanter Distanz, aber auch durchaus mit Sympathie für ihre sich auf allerlei Um- und Abwegen verstrickende Protagonistin Lu und deren Mit- und Gegenfiguren. Der Textfluss hat in der Regel eine relativ hohe Geschwindigkeit, die die Leserschaft rasch ins Geschehen hinein zieht und die bei Lesungen eine gute Dynamik erzeugen dürfte. Das hindert die Autorin nicht, genüsslich inszenierte Bonmots en masse in die zahlreichen Dialoge einzustreuen, bei denen man immer ein wenig das Gefühl hat, dass sie eigentlich Monologe sind, in Schnipsel zerlegte wechselseitige Selbstdarstellungen. Manchmal teilen die Figuren aber auch recht bissig gegeneinander aus, wird die eigentlich notwendige Reflexion über eigenes Fehlverhalten in den Dialogpartner verlegt:

"Jo lachte ein wenig. Er fragte, wohin ich dieses Jahr reisen wolle, und ich sagte, dass ich Lust auf Bali hätte. Und Jo sagte: Du solltest eine Reisegruppe leiten. Die Highlights Balis aus feministisch-passiver Sicht in neun Tagen. Bisschen Kritik, aber eigentlich geht's schon darum, Wohlfühlatmosphäre auf Instagram zu erzeugen."

Mitunter blitzen in dem ganzen süffisanten Feuerwerk auch durchaus zärtliche Momente auf, etwa wenn Lu und ihr Liebesverhältnis zu der jungen Jordanierin Sef beschrieben wird: "Der Wodka wirkte. Zwei halb nackte junge Frauen liefen lachend durch die Parkanlage und spielten Eva und Eva." Davon hätte man sich vielleicht sogar mehr gewünscht, doch der Roman ist zu eindeutig auf die Dichotomie von theoretischem Gut-Sein und praktisch gelebter konsequenter Inkonsequenz ausgelegt, um sich lange mit poetischen Stellen aufzuhalten wie: "Unsere Herzen waren dicke Kinder, die auf dünnem Boden sprangen." Aber vielleicht sind das auch Facetten des Schreibens, die die Autorin in einem ihrer nächsten Bücher deutlicher zum Vorschein bringen kann. In "Das Palais muss brennen" erfreuen wir uns vor allem ihrer lakonischen Art, die Dinge auf den Punkt zu bringen: "Wir hatten nicht die besten Plätze, als wir dem Sturz der Regierung beiwohnten, aber wir waren mittendrin und hatten noch Sekt."

© Marcus Neuert, 22. 09. 2020

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich, sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

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