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Arthur Koestler: Mit dem Rücken zur Wand

Israel im Sommer 1948: ein Augenzeugenbericht. Mit einem Geleitwort von Dr. Gil Yaron. Coesfeld : Elsinor, 2020; 172 S.; geb.; EUR 25,70 (A); 978-3-942-78850-2

Der Elsinor Verlag, dem bereits vor zwei Jahren mit der Veröffentlichung der lange verschollen geglaubten deutschsprachigen Originalfassung von Arthur Koestlers Sonnenfinsternis (1940), die im Nachlass eines Schweizer Verlegers von einem findigen Germanisten entdeckt wurde, eine Sensation gelang, legt mit diesem Band nun Reportagen und Aufzeichnungen vor, die Koestler im Juni 1948 im Zuge eines mehrmonatigen Aufenthalts in Israel verfasst hat. Ein bisher in deutscher Sprache unpubliziertes Mosaik des journalistischen Schaffens Koestlers also, der, so der Historiker Tony Judt, zu den wichtigsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts zählt.

Der schmale Band ist ein Teil des bereits 1949 erschienen Israel-Buchs Koestlers, das unter dem Titel Promise and Fulfilment: Palestine 1917–1949 bei den ZeitgenossInnen für Kontroversen gesorgt hat. Im Vorwort war zu lesen, dass Koestler den LeserInnen „einen hautnahen und farbigen, aber, wie ich hoffe, nicht allzu bunt eingefärbten Eindruck vom jüdischen Krieg und dem Alltagsleben im neuen Staat vermitteln“ (S. 163) wollte. Sachkundig eingeleitet mit einem Vorwort des Journalisten Gil Yaron, der als Nahostkorrespondent der Tageszeitung Welt tätig war, wird der Band um ein Nachwort von Karin Moskon-Raschick ergänzt, die biographische Bezüge verortet und den historischen Kontext erläutert. Darüber hinaus finden sich Stellenkommentar und eine reiche Bebilderung. Der schön gestaltete Band verfügt zudem, heutzutage schon eine Rarität, auch über ein schmuckes Lesebändchen.

Koestler hielt sich von Juni bis Mitte Oktober 1948 in Israel auf, also zu jener Zeit, als der „Unabhängigkeitskrieg“ (Milchemet HaAtzma’ut) oder auch „Befreiungskrieg“ (Milchemet HaShichrur), der am 30. November 1947 mit dem Teilungsbeschluss der Vereinten Nationen begonnen hatte und am 20. Juli 1948 endete, in seine entscheidende Phase eintrat. Koestler besuchte den nur zwei Wochen vor seiner Ankunft gegründeten jungen Staat Israel als akkreditierter Journalist der Zeitungen Manchester Guardian, Figaro und New York Herald Tribune. Die kriegsentscheidenden Ereignisse fielen ins Jahr 1948, also in jene Monate, in denen Koestler das kriegs- und krisengebeutelte Land besuchte. Koestler hatte die Staatsgründung am 14. Mai 1948 von London aus besorgt mitverfolgt, denn es herrschte Unsicherheit, ob der junge Staat eine arabische Invasion überleben würde.„Ohne zu reportieren, das heißt, ohne das meritorische und (für die Behandlung des Stoffes) wichtige Material herbeizuschaffen, gibt es keine geistige Behandlung eines Themas. Auch für den Gelehrten, für den Dichter nicht“, so Egon Erwin Kisch in Das Wesen des Reporters (1918) und dieses Diktum mag auch für Arthur Koestler gelten, der Israel bereits 1945 besucht hatte, wovon sein Roman Diebe in der Nacht (1946) zeugt. Die im vorliegenden Band versammelten Textsorten oszillieren gerade aufgrund ihrer Heterogenität zwischen spannenden bis informativen Berichten und authentischen, nahe am Geschehen angesiedelten Erlebnissen. Es sind die mit tagesaktuellen Ereignissen des Konflikts einhergehenden privaten und tagebuchartigen Aufzeichnungen Koestlers, die sich wie eine Chronik der laufenden Ereignisse aneinanderreihen und natürlich gattungsbedingt oftmals subjektiver gefärbt sind als jene Texte, die mit journalistischem Impetus verfasst sind.

Koestler, der bei seiner Ankunft noch der Meinung war, dass der jüdische „David“ durch den arabischen „Goliath“ von vollständiger Vernichtung bedroht sei, erhielt sehr bald ein differenziertes Bild der militärischen Kräfteverhältnisse. Er hebt z. B. die Einnahme eines Militärlagers in Sarafand, unweit von Haifa, hervor:

„Drei Tage später wurden sie [die Araber] durch ein für die Haganah typisches Bravourstück daraus vertrieben. Einige ausgewählte Männer kletterten in der Nacht des 18. Mai auf die hohen Eukalyptusbäume, die das Areal säumten, befestigten Seile an hohen Ästen und schwangen sich daran wie Tarzan ins Lager. Die (arabischen) Legionäre, von kopfloser Panik ergriffen, suchten das Weite. Ein Todesopfer aufseiten der Haganah war der Preis für die Übernahme des Lagers.“ (S. 81)

Entscheidend für den Kriegsverlauf war nach Koestlers Ausführungen auch der psychologische Aspekt des Krieges. Während die Israelis mit dem Rücken zur Wand standen und deshalb enormen Kampfeswillen zeigten, bezeichnet Koestler in seinem Narrativ die Mehrheit der arabischen Soldaten als unmotiviert, sogar feig. Auch das Schreckgespenst „adum“ (S. 81), jene mythische israelische Geheimwaffe, trug zu „Davids List“ bei, die „Goliath zu Fall brachte“ (82). Neben den Stellungskriegen um verschiedene Ortschaften wie z. B. Safed (vgl. S. 50f.) und Degania, einer arabischen Stadt innerhalb der von der UNO festgelegten Grenzen Israels, sowie den Abfolgen der Kämpfe und Waffenstillstände, zeichnet Koestler auch eine Topografie des Verlustes, etwa mit der Sprengung der Hurva-Synagoge in Jerusalem (vgl. S. 87) durch die Arabische Legion, und beklagt die hohen Opfer unter der Zivilbevölkerung bei der Eroberung Jerusalems (vgl. S. 93). Er schildert die sinnlose Zerstörung von Sha'ar HaGolan (vgl. S. 72) und berichtet von Gräueltaten von arabischer Seite (73f.), wie den Verstümmelungen israelischer Soldaten in Deir Yassin (vgl. S. 73-74 u. 77).

Besondere Bewunderung und differenzierte Analyse erfährt im Buch die Haganah, einer der Vorläufer der heutigen israelischen Armee Tsahal, die sich im Laufe des kriegerischen Konflikts von einer „Untergrundbewegung in eine Quasi-Armee“ verwandelt (S. 80). Besonderes Augenmerk legt Koestler auch auf das Phänomen des Terrorismus, und analysiert ihn von seiner „ethischen Seite“ (S. 113). Koestler befasst sich auch mit der Rolle der Irgun, der zionistischen, paramilitärischen Untergrundorganisation, die während des britischen Mandats Anschläge verübte und später in die Israelischen Verteidigungskräfte überführt wurde. Er spricht in einem Beitrag für die BBC unter dem Titel Das Ende des Terrorismus und die Festigung staatlicher Autorität davon, dass es im Rahmen des Konflikts zu einer „Geschichte voller Verwirrungen und fast hysterischen Verhaltens auf beiden Seiten, sowohl der Regierung als auch der Irgun“ (S. 104) gekommen sei. Koestlers faktengesättigte Berichterstattung changiert aber auch zwischen Fakt und Fiktion, gerade dort, wo er z. B. seine Anwesenheit in Tel Aviv während der „Trägodie der Altalena“ in der letzten Juniwoche von 1948 behauptet, obwohl er zu dieser Zeit gerade verschiedene Siedlungen besuchte. Diese Tragödie war „das Schlusskapitel in der Geschichte der Irgun und im Grunde des gesamten jüdischen Terrorismus“ (S. 101). Der Irgun-Frachter Altalena mit 900 jüdischen Kriegsfreiwilligen und Waffen an Bord ankerte in Tel Aviv „etwa hundert Meter vom Ufer entfernt in seichtem Wasser“und „wie der Zufall es wollte, genau gegenüber vom Kaete Dan Hotel, dem Hauptquartier der UN-Waffenstillstands-Kommission in Israel“ (S. 106). Somit war der Frachter, der das Waffenembargo brach, ein „leicht zu treffendes Ziel für das Maschinengewehrfeuer und später für die Artillerie der Regierungstruppen“ (S. 106). Koestler empfindet dieses Vorgehen als töricht und zwar von beiden Parteien (vgl. 107). Schlußendlich lässt der Propagandist Koestler aber keinen Zweifel daran, wem seine Sympathien gehören und beurteilt den Kampf der Irgun „um das Überleben Israels [als] meines Erachtens im Großen und Ganzen moralisch gerechtfertigt“ (S. 113).

Es ist eine kluge Wahl des Verlags, diese „Nahaufnahme“ aus dem Gesamtkomplex von Promise and Fulfilment herausgelöst zu haben, die Koestlers Biograf Michael Scammell folgendermaßen einschätzte: „Seine persönlichen Aufzeichnungen und die Tagebuchnotizen über seinen Aufenthalt dort gehören zu den lebendigsten und frischesten Berichten über den israelischen Unabhängigkeitskrieg, die jemals geschrieben wurden.“ (S. 166) Schlussendlich ist der Band, um Koestler das letzte Wort zu überlassen, auch eine Reflexionen über die „generelle Zweideutigkeit aller historischen Episoden, die im Begriff sind, sich von der trivialen Vertrautheit der Gegenwart zur heroischen Sicht auf die Vergangenheit zu wandeln.“ (S. 85)

Stefan Maurer

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