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Stephan Roiss: Triceratops.

Roman.
Wien: Kremayr & Scheriau, 2020.
208 Seiten; gebunden, 20 Euro.
ISBN 978-3218012294.

Autor

Leseprobe

Drachen sind Wesen, die nicht real greifbar sind und doch gibt es allein in der Bibel 19 Stellen, in denen Drachen vorkommen. Der kleine Junge in Stephan Roiss' Erstlingsroman "Triceratops" malt Drachen, Dinosaurier und Monster und streicht in der Bibel des Vaters die Stellen an, in denen die Fabelwesen vorkommen. Es ist seine Art, mit den düsteren Problemen in seiner Familie, die er erst im Laufe seines Heranwachsens zu verstehen lernt, umzugehen, und in eine andere Welt zu fliehen.

Die Familie ist durch zahlreiche psychische Probleme gekennzeichnet. Schon als kleines Kind erfährt der Junge, dass er und seine ältere Schwester von der Mutter nicht gewollt waren. Es ist eine Frau, die gefangen in ihren Problemen ist und niemals die Empathie für ihre Kinder aufbringen kann, die sie bräuchten. Der Vater ist keine Hilfe, sondern zieht sich überfordert und schweigend vor den Fernseher zurück, schiebt den Jungen ständig zur Großmutter ab. Aber auch dort findet er keine Ruhe vor den Geheimnissen und Flüchen der Familie, es sind eben nur andere.

Von der esoterischen Tante wird dem Jungen stellvertretend für alle Familienmitglieder die Last aufgehalst, einen Ausweg aus der belastenden Situation zu finden, ohne dass er irgendeine Unterstützung durch einen Erwachsenen erfährt. Seine Haut ist als Reaktion auf seine familiäre Umwelt verhornt und zerkratzt, die Mitschüler behandeln ihn wie einen Aussätzigen und als er die erste Liebe erfährt, wird er zum Schweigen verdammt. Niemand will etwas von ihm wissen, alles muss er mit sich selbst ausmachen. So findet er nicht den inneren Frieden, nach dem er sucht. In dieser Umgebung kann er nur zu einer Persönlichkeit heranwachsen, die für die Umwelt gestört wirkt.

Der Autor hat mit seiner Geschichte eine moderne Interpretation von Ibsens Familiendrama "Gespenster" erschaffen, in dem die Untaten der Vorfahren die Jungen nicht zur Ruhe kommen lassen und ihnen jede Hoffnung verwehren, dem alten Schmerz zu entkommen. Das hat fatale Folgen, weil die Nachkommen sich nicht zu helfen wissen. Der Wunsch, wie die Dinosaurier auszusterben, sitzt tief in ihrem Bewusstsein.

Stephan Roiss hat einen beeindruckenden Entwicklungsroman geschrieben, bei dem das Happy End fehlt und der in seiner Trost- und Ausweglosigkeit seine Leser erschüttert. In den letzten Jahren gab es zahlreiche Bücher über psychisch gestörte Menschen, aber kaum ein Autor kam seiner Figur so nahe wie Roiss. Dabei gleitet er nie in billige Klischees oder in Effekthascherei ab, sondern zeigt ein großes Einfühlungsvermögen für seinen Protagonisten und offenbart mit wenigen Sätzen die Kälte der Gesellschaft, die dieses von seiner Hautkrankheit und seiner psychisch zerstörten Familie entstellte Kind absichtlich oder aus Unachtsamkeit verletzt. Mit wenigen Worten formt der Autor Bilder und schildert Situationen, aber auch scheinbare Nebensächlichkeiten, die als kurze Erinnerungsfetzen selten länger als eine Seite sind, um die Gedanken, Gefühle und das Erlebte des Jungen aufzuzeigen.

Auch die Verdoppelung des Ich-Erzählers zum Wir, die beim Lesen manchmal zu einem "Stolpern" führt, wird so, anstatt affektiert zu wirken, zu einem überzeugendem Mittel, um die Not des Jungen auszudrücken, der es nicht schafft, ein eigens, selbstbewusstes Ich zu formen.

Stephan Roiss ist ein Buch gelungen, das es zu Recht auf die Longlist des deutschen Buchpreis 2020 geschafft hat und das durchaus mehr verdient gehabt hätte. Auf jeden Fall ist es ein Werk, das die LeserInnen lange beschäftigen wird.

Das Buch ist auch bibliografisch eine reine Freude. Es wird, wie die meisten Bücher des Verlags, in einer überaus aufwendigen Aufmachung geliefert, die optisch wie haptisch nichts zu Wünschen übrig lässt und die Grafik des Einbandes wirkungsvoll im Inneren fortsetzt. Die Haut der Drachen wird so tatsächlich fühlbar, auch wenn sie doch eigentlich nur Phantasiegestalten sind.

Spunk Seipel
19. 10. 2020

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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