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Thomas Antonic: Amongst Nazis / Unter Nazis.

William S. Burroughs in Wien 1936/37. Zweisprachige Ausgabe. Schönebeck: Moloko Print, 2020, 136 S., EUR 15,00. ISBN 978-3-943603-84-2.

Vom Europa-Aufenthalt des damals 22-jährigen amerikanischen Beat-Autors William S. Burroughs (1914-1997) erfährt man im Vorwort seines Romans Junkie (1953, unter dem Titel Junky 2003 wiederveröffentlicht), den er ursprünglich unter seinem Pseudonym „William Lee“ publizierte. Burroughs schreibt von ungefähr einem Jahr und von einem Kontinent, der durch den Ersten Weltkrieg und seine Folgen „ziemlich auf den Hund gekommen war“. Ein Land erwähnt er explizit: „In Österreich erwies sich, wenn man mit U.S.-Dollars winkte, ein ansehnlicher Teil der Bevölkerung als käuflich, egal ob Mann oder Frau. Das war 1936, und die Nazis waren schon in Anmarsch.“

In diesem einen Satz ist polemisch verkürzt bereits vieles von dem enthalten, was der Literaturwissenschaftler, Autor und Musiker Thomas Antonic in seinem Essay Amongst Nazis / Unter Nazis. William S. Burroughs in Wien 1936/37 mit großer Akribie entfaltet: Der bislang in der Burroughs-Rezeption kaum mehr als anekdotisch gewürdigte Aufenthalt erweist sich in dieser Spurensuche als biographisch-literarischer Nukleus, von dem aus zentrale Aspekte des Werkes unter einem neuen Licht erscheinen. Burroughs wird Augenzeuge eines kurz vor der Selbstaufgabe stehenden politischen Systems, des Austrofaschismus, und saugt dabei jene Atmosphäre totalitärer Gesellschaftsstrukturen auf, die er bis in sein Spätwerk hinein mit radikalen poetischen Mitteln zur Darstellung bringen wird. Wie Antonic an zahlreichen Beispielen nachweist, reichen die Erlebnisse und Begegnungen dieser Zeit tief in die Variationen und Mutationen eines Werks hinein, das sich wie vielleicht nur jenes von Thomas Pynchon an der Struktur der politischen Paranoia abarbeitete.

Antonic organisiert die inhaltliche Bewegung seines Essays gleichsam von innen nach außen: Er beginnt mit einer genauen Rekonstruktion des tatsächlichen Aufenthalts von Burroughs in Wien bzw. Europa 1936/37, verknüpft mit einer Einbettung in den zeitgeschichtlich-politischen Kontext. Burroughs war von seiner Familie mit einem Stipendium ausgestattet worden, nachdem er sein Studium der englischen Literatur an der Harvard-Universität erfolgreich abgeschlossen hatte. Im Herbst 1936 inskribiert er an der Wiener Universität Medizin und taucht zugleich in die zwischen Repression und Duldung pendelnde homosexuelle Subkultur der Großstadt ein. Während er auf seinen Streifzügen durchs Schwulenmilieu auf eine Mischung aus postmonarchistischer Mondänität und wirtschaftlich motivierter Käuflichkeit stößt, begegnet er auf der Uni jener rabiaten pro-nationalsozialistischen Stimmung, die für den gesamten Universitätsbetrieb dieser Zeit kennzeichnend ist und sich zusehends vehementer manifestiert. Seinen Anatomie- und Sezierkurs belegt Burroughs bei Eduard Pernkopf, der bereits seit 1933 Mitglied der NSDAP ist und nach seinem Aufstieg zum Dekan der Medizinischen Fakultät im Jahr 1938 77 Prozent des lehrenden Personals aufgrund seiner jüdischen Herkunft oder der Ablehnung des Nationalsozialismus entfernt. In Fachkreisen berühmt wird der nach ihm benannte „Pernkopf-Atlas“, dessen Genauigkeit und künstlerische Qualität der anatomischen Darstellungen weltweite Anerkennung fanden und der bis weit nach Ende des Zweiten Weltkrieges als Standardwerk diente.

Thomas Antonic zeichnet in der Folge einen Bogen vom historisch verbürgten Personal an der Wiener Medizin-Fakultät zu jenen Ärzten, die Burroughs’ Prosawerke bevölkern. In der Figur des Dr. Benway, die das erste Mal in dem gemeinsam mit Kells Elvins verfassten Text „Twilights Last Gleamings“ (1938) auftaucht, vermutet Antonic eine direkte Anspielung auf den Wiener Arzt Pernkopf. Dieser Dr. Benway erhält in weiterer Folge auch Auftritte in Naked Lunch, der Nova-Trilogie und Cities of the Red Night. Ähnlich wie anderen Arzt-Figuren des Burroughs-Universums eignet ihm eine nahezu grenzenlose Brutalität. Diese legitimiert sich durch eine explizit formulierte Ideologie der Säuberung bzw. Hygiene, die eindeutig auf die sogenannte Rassenhygienik bzw. Euthanasie der Nazis anspielt. Darüber hinaus fließen in die brutalisierte Sprache häufig deutsche bzw. das Deutsche verballhornende Begriffe und Redewendungen ein, deren stilistische Signifikanz vor allem in den Übersetzungen ins Deutsche bislang kaum adäquat transferiert wurden. In einem Seitenstück seines Essays liefert Antonic diesbezüglich eine fundierte Kritik an dem unter deutschsprachigen Aficionados der Beat-Literatur messianischen Status genießenden Carl Weissner (1940-2012), der gerade bezüglich der interlinguistischen Aspekte mit kaum nachvollziehbaren Eingriffen operierte.

Eine vergleichbare Pioniertat liefert Antonic auf dem Feld der biographischen Rekonstruktion: In einem Exkurs präsentiert er auf Archiv-Recherchen beruhende Erkenntnisse zur Biographie von Burroughs’ erster Ehefrau, Ilse Herzfeld Klapper (1900-1982), einer aus wohlhabenden jüdischen Verhältnissen stammenden Berlinerin. Sie war seit 1919 mit den linksrevolutionären Räte-Politikerin und Schriftstellern Erich Mühsam und Ernst Toller befreundet, ihr erster Ehemann, der Gynäkologe Heinrich Klapper, verkehrte mit den Dadaisten und Expressionisten der Berliner Zwischenkriegszeit. Burroughs lernte Klapper in Dubrovnik kennen, wo die Klappers nach ihrem Gang ins Exil in freundschaftlicher Trennung lebten. Antonic zeichnet die exiltypische Vernetzung nach, die Ilse Herzfeld Klapper auch in Duvbrovnik über Briefkontakte pflegte - über ihre Schwester Fränzel etwa zu Siegfried Kracauer sowie über den Autor Herbert Schlüter zu Klaus Mann, Walter Benjamin und Gershom Scholem. Als Burroughs sie im Frühjahr 1937 ein zweites Mal in Dubrovnik trifft, bittet sie ihn, sie zu heiraten, da sie aufgrund der in Deutschland mittlerweile geltenden rassistischen Nürnberger Gesetze die Staatsbürgerschaft verloren hatte. Im August 1937 heiraten die beiden im amerikanischen Konsulat in Athen, was Ilse Burroughs, wie sie sich nun nannte, ermöglichte, in die USA einzureisen. In diesem Akt liegt eine erstaunliche Parallele zu jener Schutzheirat, die der ebenfalls homosexuelle Dichter W. H. Auden mit Erika Mann einging, um ihr eine Einreise in die USA zu ermöglichen. Darüber hinaus eröffnet Antonics Rekonstruktion eine Perspektive auf die Verschränkungen von homosexueller Subkultur, Exil und Solidarität im Mitteleuropa der 1930er Jahre, die es wert wäre, weiter beforscht zu werden, wenn man etwa auch an den mit Auden eng befreundeten und ebenfalls in Berlin und Wien weilenden Autor Christopher Isherwood denkt. Antonic verweist im Anschluss an die Rekonstruktion von Ilse Herzfelds/Burroughs’ Lebensgeschichte auf ihren Einfluss auf das Werk von Burroughs, der über sie wertvolle Einsichten in die Dada-Bewegung in Berlin erhalten haben dürfte.

Wie Thomas Antonic zum Abschluss seines Essays selber artikuliert, böte sich auf Basis seiner Recherchen eine weiterführende Analyse von Burroughs Werken in Bezug auf ihre Rückgebundenheit an die frühe biographische Erfahrung in Wien und Europa an. Fruchtbringend, so Antonic, könnte es sein, „das Vorgehen und die Strukturen der Nova-Polizei in Nova Express mit dem System von Kontrolle und Unterdrückung im Nationalsozialismus zu vergleichen, oder Mechanismen von Manipulation und Missbrauch durch das ‚Ministerium für Geistige Gesundheit und Prophylaxe‘ im Kapitel ‚Die Untersuchung‘ von Naked Lunch, oder aber auch von kommerziellen Unternehmen wie der Trak Cooperation in Soft Machine oder der Islam Inc.“ (S. 126f.). Burroughs ist auch im Zeitalter postautoritärer Umtriebe in den USA und anderswo ein Autor von kaum zu überschätzender Aktualität, und in diesem Sinn bietet Antonics Essay erst recht einen Denkanstoß für gegenwärtige Debatten.

Helmut Neundlinger
18. 11. 2020

 

 

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