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Harald Gschwandtner: Strategen im Literaturkampf.

Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik. Wien: Böhlau 2021 (= Literaturgeschichte in Studien und Quellen 31). 480 S., EUR 75,- (A); ISBN: 978-3-2052-1230-0.

Ein schönes Literaturbetriebsbuch hat Harald Gschwandtner im Böhlau Verlag vorgelegt. Es geht um einen, der einen Nobelpreis gewonnen hat und einen, der ihn ihm ganz sicher nicht gegönnt hätte (so wie auch umgekehrt): Über „Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik“ hat Gschwandtner sein mit einem Benjamin-Wort treffend betiteltes Werk Strategen im Literaturkampf verfasst. Auf knapp 500 Seiten (inklusive Personenregister und umfangreicher Bibliographie) ist ein anregend strukturiertes Buch entstanden. In ihm werden zwei der bedeutenden Kapazunder der österreichischen Moderne einander eben nicht getrennt voneinander gegenübergestellt. Stattdessen kommen gerade die gegensätzlichen Gemeinsamkeiten und gemeinsamen Unterschiede zur Darstellung, die vielleicht auch die leidenschaftliche Antipathie dieser beiden Autoren füreinander bedingt haben. Zwei auf dem Cover schlau nebeneinander platzierte Fotos zeigen einen jungen, stoisch in die Ferne statt zum Nebenmann blickenden Peter Handke neben einem arriviert verschmitzten, jenen wie beobachtenden Thomas Bernhard mit Lachfalten um die Augen. Und darum geht es (unter anderem) auch: Denn nicht nur dagegen, wie sie von anderen kritisiert und rezensiert wurden, haben sich diese Schreibenden aufgelehnt, auch die Bewertung durch den jeweils anderen hielt dem eigenen kritischen Blick auf die Kritik kaum einmal stand.

Dass Salzburg nicht nur zur Festspielzeit einer der wesentlichen Dreh- und Angelpunkte der österreichischen Literaturszene ist, ist den beiden Protagonisten dieses Buches ebensosehr zu verdanken wie es sie auch in ihrem Erfolg unterstützt hat. Auch sein Autor arbeitet als Literaturwissenschaftler, Lektor und selbst Buchhändler in dieser Stadt und Weltbühne, was ihm augenscheinlich auch ein vertieftes Verständnis für die Funktionsweisen und Dynamiken ihrer intellektuellen Kreise beschert hat. Mit seinem Buch möchte Gschwandtner aber Bernhards und Handkes Positionierungen im Literaturbetrieb und ihre Fehden mit Kritiker*innen nicht „als literaturbetriebliche[n] gossip verharmlos[en], sondern in ihrer [...] poetologischen Bedeutung ernst“ (S. 25) nehmen, ja mehr noch: Sein Ziel ist es, „die Auseinandersetzung mit der Literaturkritik als einen zentralen Aspekt auktorialer ‚Werkpolitik‘ zu beschreiben.“ (S. 24) Das im Vorwort „Schreiben ist ein Fünfkampf“: Eine Art Einleitung so formulierte Vorhaben gelingt durchaus, zumal Gschwandtner seiner Leser*innenschaft ein kluges und eng an den Gegenständen entlang entwickeltes methodisch-theoretisches Gerüst anbietet, das sich vor allem auf die Arbeit von Pierre Bourdieu beruft.

Die Geschichte der Strategen im Literaturkampf wird nicht streng chronologisch, sondern in thematischen Kapiteln erzählt. Gschwandtner führt in die werkpolitischen Motivationen der Autoren ein, zu ihrer Kritik Stellung zu nehmen („Ich kann mich damit schwer abfinden“: Kritik der Kritik als Werkpolitik), bevor er die konkreten Einwände der Schriftsteller gegen die an ihrer Arbeit geübte Kritik näher erläutert (Unfreundliche Betrachtungen: Einwände gegen die Literaturkritik). Ein ganzes Kapitel widmet Gschwandtner Handkes Beziehung zu seinem liebsten, verhasstesten Gegner („Mein Feind in Deutschland“: Peter Handke vs. Marcel Reich-Ranicki). Die eigenen Übungen in und Entwürfe von Literaturkritik beider Autoren behandelt Gschwandtner in separaten Kapiteln („Es sind auch andere Sätze möglich“: Peter Handkes Gegenmodelle zur zeitgenössischen Literaturkritik und „Zeitungsgschicht’ln“: Thomas Bernhard als Literaturkritiker). Hier hätte man sich vielleicht zusätzlich noch eine detailliertere Gegenüberstellung ihrer kritischen Poetiken gewünscht. Schließlich macht Gschwandtner noch eine Zeitreise in die Hoch-Zeit der österreichischen Sozialdemokratie und legt den Fokus auf einen Intimfeind Thomas Bernhards, den man nicht im engeren Sinn unter die Literaturkritiker*innen rechnen kann, wenn auch der Mann ohne Eigenschaften sein Lieblingsbuch gewesen sein soll: Bruno Kreisky. Dass der berühmte verblichene Bundeskanzler eher für den Kärntner Kleinhäußlersohn Handke als für den Vierkanthofbesitzer Bernhard das Wort ergriff, überrascht indes weder geborene noch gelernte Österreicher*innen. Auf das diesen und manch anderen Umstand erläuternde Kapitel Rezensionen, die keine sind: Kritik und Selbstkritik bei Thomas Bernhard folgt der Schluss (Kraft durch Feinde: Eine Art Epilog).

Das Thema dieses Buches ist deshalb so interessant, weil sein ‚Urmoment‘ eine, mit Gschwandtner, „verbotene Übung“ darstellt: Der Kritik nicht widersprechen zu dürfen ist ein ungeschriebenes Gesetz des Literaturbetriebs, das Bernhard und Handke, jeder für sich, von ihren Anfängen an für nichtig erklärt haben. Doch das nicht (nur) aus Überzeugung von sich selbst, sondern aus Überzeugung von der poetischen Wahrheit ihrer Arbeit: Zur Wehr zogen sie nicht unbedingt gegen persönliche Angriffe, sondern dann aus, wenn ein Werk missverstanden wurde. Eine solche Trennung von Werk und Werkendem war aber naturgemäß auch seitens der Kritik nicht immer gegeben, wie etwa Handke schon in jungen Jahren erfahren musste, als sich Kommentare zu seiner Pauschalkritik am Beschreibungsunvermögen der deutschsprachigen Literatur mit jenen zu seiner Frisur und nebenbei auch seinem ersten Roman vermengten.

Das Trauma der Kritik haben Handke und Bernhard auf sehr unterschiedliche Arten literarisch produktiv gemacht. Thomas Bernhard hat das Schimpfen über die Kritik in sein Schimpfen über die Gesellschaft integriert, wie Gschwandtner u.a. im Kapitel Unfreundliche Betrachtungen ausführt: „Zeitlebens zeigte Bernhard wenig Interesse, gemeinsam mit anderen als aggressiver Polemiker aufzutreten; ihm war daran gelegen, als alleiniger und selbstermächtigter Provokateur zu agieren.“ (S. 198) Handke dagegen transformierte die Kritik auf dieselbe Weise in sein Werk hinein, wie er es mit der Welt auch tut – er beschrieb sie als das, als was er sie eigentlicher erkannte, etwa Marcel Reich-Ranicki als Hund, mitunter geifernden. So fand die Kritik am Werk bei beiden Autoren auch in diesem ihren jeweils ‚natürlichen‘ Platz.

Siegfried Unselds in den beiderseits bereits veröffentlichten Briefwechseln mit den Autoren dokumentiertes Gebaren in Reaktion auf ihre von der Kritik erhitzten Gemüter war eher unterschiedslos im Umgang mit den beiden Männern mit verwandten Temperamenten. Dem Suhrkamp-Verleger standen wenige Alternativen zur kalmierenden Beschwichtigung zur Verfügung. Kleinere und größere Eskalationen gab es dennoch fallweise, die berühmteste ist sicher der schon in den 1960er Jahren geborene und nie wieder wirklich beigelegte Konflikt zwischen Reich-Ranicki und Handke. Gschwandtner erzählt nachvollziehbar und ohne Häme, woraus dieser entstand, wie er sich entsponn und welche Rollen Unseld und Bernhard auf dem Spannungsfeld dieser Nicht-Beziehung einnahmen.

Gschwandtners Buch war vor der Verleihung des Nobelpreises an Peter Handke fertig, erschien aber danach. So schien es dem Autor nötig, seinem Text ein die anlässlich der Preisverleihung aufgeflammte, gefühlt mindestens hundertste Iteration der Jugoslawien-Debatte thematisierendes Vorwort beizugeben, das Handkes gleichzeitiges Kämpfen gegen und Arbeiten mit der journalistischen Kritik an seiner Person und Arbeit hervorhebt. Das ist so berechtigt wie langweilig und übersieht vielleicht, dass nicht nur die* mit oder gegen die Kritik kokettierende Autor*in von ihrer* Koketterie profitiert und lebt, sondern eben auch die Kritik. Da Gschwandtner aber gerade diesen Mechanismus in seinem sonst nicht leicht zum Positionsbezug hingerissenen Text untersucht, sei ihm die Volte verziehen.

Die Bibliographie des Buches ist gut kuratiert und umfasst eine wunderbare Fülle an Primär- und Sekundärliteratur, die die Bedeutung der behandelten Autoren für die österreichische genau so wie für die gesamte deutschsprachige Literatur unterstreicht. Ebenso enthalten ist eine große Sammlung von publizierten Lebenszeugnissen wie Briefwechseln und Interviews; einzig die ‚authentischen‘ Lebenszeugnisse, also Archivbestände, sind nur sehr ausgesucht miteinbezogen worden. Das mag teils ihrem überbordenden Ausmaß, teils ihrer schwierigen Zugänglichkeit geschuldet sein. Für den begrenzten Umfang wurden die konsultierten Bestände aber sehr klug ausgewählt und Gschwandtner konnte erfreulicherweise auch einige bislang unpublizierte Briefe beider behandelter Autoren in seinem Buch verwenden bzw. sogar abdrucken.

Mit der von Werner Michler und Norbert Christian Wolf herausgegebenen Reihe Literaturgeschichte in Studien und Quellen hat Gschwandtners Buch bei Böhlau einen ausgezeichnet passenden Publikationsort gefunden. Einziger Wermutstropfen der Veröffentlichung in einem Wissenschaftsverlag ist der dadurch stolze Preis des Buchs, das vielleicht in einer künftigen Taschenbuchausgabe auch das Potential hat, jenseits des Fachpublikums eine interessierte Leser*innenschaft zu finden. Erfreulich ist dagegen, dass es digital auch Open Access in der FWF E-Book Library veröffentlicht wurde, wo es allen Interessierten frei zur Verfügung steht.

Vanessa Hannesschläger (19.3.2021)

 

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