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Sama Maani: Žižek in Teheran

Leseprobe:

                    Die Erschütterung des Glaubens

Haben Sie schon mal, ich meine, richtig, geglaubt?
Fragt der Nehru, jetzt auf einmal per Sie
Haben Sie? Und hat man Ihnen Ihren Glauben dann erschüttert?
Glauben Sie an Psychoanalyse?

Sagt alles
Der Nehru

PsychoanalytikerInnen glauben nicht an Psychoanalyse
Sagt Žižek
Wie es heute überhaupt seltsam
Um den Glauben bestellt zu sein scheint.

Man ziert sich.

Gretchen: Glaubst du an Gott?

Faust: Mein Liebchen
Wer darf sagen

Ich glaub an Gott?
Magst Priester oder Weise fragen
Und ihre Antwort scheint nur Spott

Gretchen: So glaubst du nicht?

Faust: Mißhör mich nicht
Du holdes Angesicht!
Wer darf ihn nennen?
Und wer bekennen

Ich glaub ihn!?
Wer empfinden
Und sich unterwinden
Zu sagen

Ich glaub ihn nicht?

So wie weiland
Der Faust

Noch einmal

So wenig wie weiland der Faust
Würde heute jemand sagen
Hier stehe ich und glaube und kann nicht anders
Und basta

Oder
Hier stehe ich und glaube nicht und bin ungläubig
Nicht nur, was den eignen, sondern auch, was den Glauben der anderen betrifft.

In other words
Nicht mal der Ungläubige sagt heute
Tut leid, ich bin ungläubig
Und basta

Sondern
Zwar glaube ich nicht
Aber
respektiere
Allerhand

Und der Gläubige, sofern er sich für intelligent hält
Sagt nicht
Hier stehe ich und glaube etc. etc.
Sondern
Zwar glaube ich, aber nicht, wie du glaubst, daß ich glaub’
Bin ja kein Idiot
.

Aber lassen wir den Nehru reden.

Schluchzt und stammelt
Und ich unterdrücke, weil uns Psychotherapie nicht weiterhilft
Den Impuls
Ihm die Hand empathisch-therapeutisch
Um nicht emphatisch zu sagen
Auf die Schulter zu legen

Habe ich wieder
(Schluchzen und Stammeln)
Getanzt?

An den Bauchtanz vorhin
Scheint er sich nicht mehr zu erinnern (oder zu wollen)

Gott ist nämlich
Reiner Genuß
Ich schäme mich ...
Hast
du ihn schon mal
Genossen?
Hast du ihm schon mal
Einen geblasen?

Ich habe den Begriff respektive das Konzept hinter dem Begriff
                    Jemandem einen blasen
Nie kapiert, LeserIn
Und finde es unerträglich, was man mir zumutet
Zwar sagt die Psychoanalyse
Sag alles, was dir einfällt
Zwar ist die Psychoanalyse atheistisch
Aber das hier, LeserIn, ist Blasphemie.

Wenn du eh nicht an Gott glaubst, was stört dich das Blasen?

Nehmen wir diese Frage, wo immer sie herkommt
Zum Anlaß und kehren zum Nehru zurück
Der steht jetzt, um teils pantomimisch
Mit kantigen und klaren Bewegungen seiner Hände
Teils mit gesetzten Worten
Oratio composita
Etwas darzustellen respektive mitzuteilen

Beim Beschriebenen scheint es sich
Respektive beim Dargestellten
Um eine
                    Vision
Zu handeln.
M2, wann immer ihn eine jener Passagen der Schrift
In ein Weib verwandelt
Respektive weibert macht, wie der Grazer gesagt haben würde
Ist eine sehr junge Frau
Sagen wir ruhig Schulmädchen(-Report)

Ist die Verwandlung, sagt Nehru
Verwandlung meint die Verwandlung in ein Weib
Ist die Verwandlung abgeschlossen
Kommt er und sitzt

Jetzt steht er, der Nehru
Vor dem Sessel vis-à-vis von mir
Und links vom IKEA-Relaxsessel
In dem er grad noch gesessen ist
Und in dem Sessel vis-à-vis von mir
Sitzt jetzt Gott.

Wir denken uns, sagt Nehru, weiß Gott was, wenn wir Gott sagen
Aber Gott
Ist auch nur ein Mensch
Diesfalls ein Mann
.

Ich weiß, sage ich
Um irgendwas zu sagen

Und weißt du, wie er ausschaut?

Auf dem Sessel links vom Relaxsessel (von IKEA)
In dem grad der Nehru gesessen ist
Sitzt jetzt Gott, mittelgroß, Bierbauch, Japaner
Mit einer für Japaner sehr weißen Haut.

Das wird ja immer schöner.
Immer schöner
Wird auch der Nehru
Oder besser gesagt die

Erinnerst du dich, LeserIn, an die Gesichtsbeschreibung weiter oben?
Buschige Augenbrauen, hohe Stirn, Hakennase etc.
Und nicht zu vergessen, der weiß gesprenkelte Bart
Und das Lächeln aus dem Süden Italiens macht ihn unertäglich
sympathisch?
Inzwischen
Ist er seinen Bart los, der Nehru
Und bartlos scheint das Gesicht breiter als mit
Erinnert (entfernt) an Robin Williams.

Behalte diese Gesichtsbeschreibung
Vorerst bitte im Gedächtnis

(Kennst du übrigens
Apropos Behalte im Gedächtnis
Forugh-Behalte-den-Flug-im-Gedächtnis-Farrokhzad
Die respektive die Teheraner Dichterin des zwanzigsten Jahrhunderts?
In Teheran ausgesprochen berühmtWenn
auch nicht weltberühmt
Wegen unaussprechlich)

Mein Herz ist bedrückt
Mein Herz
Ist bedrückt
Ich trete
Auf die Terrasse
Meine Finger streichen
Über die gespannte Haut
Der Nacht

Die Kontaktlichter
Sind erloschen
Die Kontaktlichter
Sind
Erloschen

Niemand wird mich
Der Sonne vorstellen
Niemand
Wird mich –

Behalte den Flug
Im Gedächtnis
Der Vogel
Ist sterblich

www.youtube.com/watch

Behalte alsodiese Gesichtsbeschreibung
Im Gedächtnis, LeserIn
Und beachte, daß dem Nehru sein Gesicht
Sich langsam verändert

1. Die Gesichtshaut wird heller.
Dem Nehru (hab’ ich es schon gesagt?) seine Gesichtshaut
Ist schwarz wie die Nacht, jetzt aber heller
Und heller
Als hätten sie
Über die Haut
Über Nacht
Eine Haut gespannt
Eine neue
Heller
Als die Gottesstrahlen der Schrift

2. Stell dir dem Nehru seine markante Gesichtsform
Als Ausgangsform vor
Am Haaransatz deutliche Ecken
Lange, gerade Konturen
Verbinden die Stirn mit dem kantigen Kinn
Langsam wird die Gesichtskontur
Ausgeglichen und weich
Die breiteste Stelle hat es jetzt in Höhe der Wangenknochen
Von wo aus die Gesichtskontur
Sich nach unten und oben verjüngt
Kinn und Haaransatz sind jetzt
Sanft gerundet

3. Die Augen werden größer
Die Lippen runder und voll
Hingegen die Nase kleiner
Und stupsig
Die Ohren zarter und rund

4. Die Haare pech- statt grauschwarz
Und länger

5. Die Farbe der Gesichtshaut
Changiert zwischen weiß (Milch)
Und Honig

Zusammengefaßt resultiert
Das sanfte und süße Gesicht
Eines, sagen wir ruhig, japanischen Schulmädchens
(Report!)

(S. 87-90)

© Drava Verlag, Klagenfurt

 

 

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