logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   
Facebook Literaturhaus Wien Instagram Literaturhaus Wien

FÖRDERGEBER

Bundeskanzleramt

Wien Kultur

PARTNER/INNEN

Netzwerk Literaturhaeuser

mitSprache

arte Kulturpartner

traduki

Incentives

Bindewerk

kopfgrafik mitte

Urs Büttner u. Steffen Richter (Hg.): Endzeiten / Michael Fœssel: Nach dem Ende der Welt

Urs Büttner u. Steffen Richter (Hg.): Endzeiten. Apokalypse – Eschatologie – Risiko. Hannover: Wehrhahn Verlag 2021 (= Æsthetische Eigenzeiten 20). 304 S. u. 14 Abb., EUR 30,40 (A). ISBN: 978-3-86525-838-0

Michaël Fœssel: Nach dem Ende der Welt. Kritik der apokalyptischen Vernunft. Übers. aus dem Französischen von Brita Pohl. Wien: Turia + Kant 2019. 309 S.; EUR 29,00 (A). ISBN: 978-3-85132-936-0


1.

Studien, die sich in systematischer Absicht der Analyse von Endzeitphänomenen zuwenden, erweisen sich in der Regel so gut, als wie sie auch noch nach unabsehbaren Katastrophen gewinnbringend zu lesen sind. Ist der Historiker nach dem bekannten Ausspruch von Friedrich Schlegel ein „rückwärts gekehrter Prophet“, so lässt sich gerade über das Vorhaben, Geschichte von den Reden und Erzählungen vom Weltende her zu denken, zumindest erahnen, was die Zukunft bringen wird. Denn allen Niedergängen, Um- und Aufbrüchen zum Trotz wird es doch im Grunde immer so (absolut verkehrt) bleiben, wie es immer schon war. Es kommt unweigerlich zum Tragen, was der Doyen der deutschen Begriffsgeschichte Reinhart Koselleck als „Wiederholungsstruktur“ bezeichnet hat (siehe den konzisen Beitrag von Johannes Rohbeck über „Fristen der Verantwortung für zukünftige Generationen“, S. 139–158), oder was mit Jacques Derrida überhaupt als Signatur des Apokalyptischen aufgefasst werden kann: „Das Ende ist nah, doch die Apokalypse ist von langer Dauer.“ Der Moment eines (schockhaften wie heilsamen) Aussetzens ist permanent möglich, doch bleibt die utopische „Front“ (Ernst Bloch) in der Regel von Systemzwängen und traditionellen Plattitüden verstellt. Die Öffnung hin auf eine andere Zukunft scheint allein durch progressive „Reversionen“ sozialer Ordnungen – also über Reformen anstatt über Revolutionen – möglich zu sein (S. 156).

Im vorliegenden Fall erweist sich der von Urs Büttner und Steffen Richter herausgegebene Band „Endzeiten. Apokalypse – Eschatologie – Risiko“ vor dem Hintergrund der Covid-Pandemie als ein sehr gutes Rüstzeug für eine Orientierung in den gegenwärtigen und vergangenen Reden vom Ende der Welt „as we know it“. Dies liegt vornehmlich daran, dass sich der Band am Diskurs um den Klimawandel und das „Anthropozän“ ausrichtet und damit dem höchst aktuellen Vorhaben nachgeht, mit Fokus auf die Mensch-Naturverhältnisse „Fragen an neue Arten des Weltuntergangs und eine Steigerung der menschlichen Handlungsmacht schärfer zu stellen“ (S. 11). Dies soll gerade auch mit Blick in die Vergangenheit gelingen, indem „allgemein Diskursmuster des Sprechens vom Ende und deren Wandel systematisch auszuarbeiten“ sind (S. 13).

Der Frage nach dem Status quo des gegenwärtigen Sprechens vom Ende und danach, was angesichts der alltäglichen Katastrophenmeldungen überhaupt noch zu erhoffen ist, wird nach der sehr guten und präzise formulierten Einleitung der Herausgeber im Band zweiteilig nachgegangen. Den Anfang machen „Theorien des Endens“ mit Beiträgen von Alexander Loichinger und Bruno Latour (die beide auf ihre Weise für eine Aktualisierung urchristlicher Endzeitlehren plädieren), Simon Probst, Clive Hamilton und eben Johannes Rohbeck. In den unterschiedlichen Deutungen des Posthistoire sowie des Trans- und Posthumanismus kommt es dabei – was bei apokalyptischen Themen regelmäßig vorkommt und zurecht häufig beklagt wird – doch zu einigen historischen Engführungen und Unschärfen in der Begriffsverwendung (im Übrigen schon in der Einleitung mit der Unentschiedenheit zwischen Apokalypse/Apokalyptik).

Wünscht man sich so zwischen den theoretischen Ansätzen recht bald die Einführung einer philosophisch- oder historisch-kritischen Perspektive, erhält man dann im zweiten Teil des Bandes mehr Boden unter den Füßen („Bildliches, literarisches und filmisches Erzählen vom Ende“). Aufbereitet findet sich ein diverses Feld an Beiträgen über Albrecht Dürers Holzschnitte zur Johannes-Offenbarung (Oliver Jehle), die literarische Kritik an den frühindustrialisierten Prozessen der Flurbereinigung bei Wilhelm Raabe (Tanja von Hoorn), Übertrittszenarien in der viktorianischen Literatur (Elmar Schenkel), die frühe Vorwegnahme anthropozänischer Thematiken bei Alfred Döblin (Steffen Richter), Hermann Brochs „Kritik apokalyptischen Denkens“ (Maximilian Bergengruen), apokalyptische Fiktionen des Anthropozäns in den Filmen Melancholia und Die Wand (Rune Delfs und Mirjam Gebauer) sowie abschließend eine Interpretation von Planet of the Apes als apokalyptische „Speculative Fiction“ (Mira Shah). Auch wenn die einzelnen Themen weitgehend nebeneinanderstehen und unterschiedliche Schwerpunkte setzen, sollen die Beiträge „Apokalyptik, Eschatologie und Risiko … als Deutungsoptionen aufeinander beziehen“ (S. 38) und geben auch einen guten Einblick, wie ästhetische Verfahren, Endzeitnarrationen und naturwissenschaftliche Plausibilisierungen im modernen Katastrophendiskurs ineinandergreifen.

Die allgemein hohe Qualität des Bandes kann an sich nicht verwundern, ist er doch Teilergebnis des 2013 eingerichteten sechsjährigen DFG-Schwerpunktprogrammes „Ästhetische Eigenzeiten. Zeit und Darstellung in der polychronen Moderne“, das sich in zahlreichen Teilprojekten aus den Geistes- und Sozialwissenschaften den unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Bewertungszusammenhängen moderner Zeitlichkeiten widmete. Überraschend mag nur sein, dass sich erst Band 20 der Reihe dem Thema Endzeit zuwendet, zumal die „Apokalypse“ im 20. Jahrhundert gerade im deutschen geisteswissenschaftlichen Diskurs Angelpunkt zentraler philosophischer Debatten war und auch in der Aufklärungs- und Säkularisierungsfrage von einiger Bedeutung ist. Das lässt sich durchaus positiv als Abkehr von der Fixierung auf teleologische, auf Ursprung und Ziel aufbauende Geschichtskonzepte sehen und als wünschenswerte Öffnung hin zu Detailanalysen unterschiedlicher Zeiterfahrung und Zeitreflexion.

Und doch könnte man gerade im Rahmen eines Projektes zu „Ästhetischen Eigenzeiten“ und „Risiko“ in der Analyse des Sprechens vom Ende schon ein, zwei notwendige (Selbst-)Reflexionsschritte weiter sein. Mit der Einbettung in den „Anthropozän“-Diskurs werden der „Apokalypse“ nämlich jene Stacheln gezogen, ohne die sie zu einem leeren Repräsentationsbegriff wird, und gerade jene spannungsgeladenen Momente vernachlässigt, die ihre Bildgewalt ausmacht: die Konflikte mit der chronologischen Zeit, mit mehr oder weniger verschleierter hegemonialer Machtausübung, mit elitärer Repräsentationsform, mit hierarchischer Diskursdisziplin, mit tabuisierten existenziellen Fragen … Hat sich nicht gerade in jüngster Zeit eine Sprach- und Fassungslosigkeit sowie auch Phantasielosigkeit gegenüber jenen Themen gezeigt, bei denen man noch vor ein, zwei Generationen künstlerisch wie theoretisch viel weiter schien? Wäre es nicht angebracht, wenigstens die Philologie gegenüber den naturwissenschaftlichen Leitansprüchen wieder selbstbewusster als Lehre über das Aushalten von Spannungen zu positionieren? Und wäre es nicht etwa auch an der Zeit – jetzt auch als Solidaritätsbekundung den jüngeren Generationen gegenüber –, Zukunftsperspektiven nach radikalen Bottom-up-Prinzipien zu entwerfen und umzusetzen, anstatt immer nur darauf hinzuweisen, dass sich das Gattungssubjekt „Mensch“ in eine Sackgasse manövriert hat? Wären nicht das die eigentlichen (riskanten) Themen einer aktuellen „Apokalypse“-Rezeption?

 

2.

Insofern soll dem Band eine (darin auch zitierte) „Kritik der apokalyptischen Vernunft“ zur Seite gestellt werden, wie sie der französische Philosoph Michaël Fœssel unter dem Titel „Après la fin du monde“/„Nach dem Ende der Welt“ 2012 resp. 2019 in der gelungenen Übersetzung von Brita Pohl veröffentlichte. Ihm zeigt sich allgemein das Denken vom Ende der Welt als ein Missverständnis, da sich der diffuse „Welt“-Begriff lediglich als konsensuale Metapher und „Wahrnehmungsglaube“ (Maurice Merleau-Ponty) zwischen verschiedensten Milieus und Wissensbereichen etabliert habe, ohne in realiter verankert zu sein. Auszugehen sei vielmehr seit gut zweihundert Jahren von einem Weltverlust, von einem Akosmismus, schließlich von einer „Erfahrungsarmut“ (Walter Benjamin), bei der sich das Individuum in diskursive, mediale, technisch-industrielle Ordnungen gestellt sieht, in denen ihm die Fähigkeit abhandenkommt, seine Handlungen in Narration zu übersetzen und sich in signifikanter Weise auf die Welt zu beziehen. Man könne davon ausgehen, dass mit dem Verlust des Vertrauens in den Kosmos „die Neuzeit aus einer Katastrophe entstanden ist“ (50f.) und die Moderne von einer Furcht zur nächsten taumle. Der ständige Alarmismus und Katastrophismus sei aber „von seinen ersten konterrevolutionären Erscheinungen bis zu seinen zeitgenössischen ökologischen Ausdrucksformen fast immer antimodernistisch“ gewesen, ohne bei der pauschalen Fortschrittskritik zu hinterfragen, „ob das Ende der Welt als Kosmos oder als abgeschlossene Natur nicht eine Gelegenheit ist, ein neues Denken und neue Praktiken hervorzubringen.“ (13f.) Dem Weltverlust nicht mit der Suspendierung aller Hoffnung, sondern mit einer Aktualisierung der aufklärerischen und emanzipatorischen Kräfte zu entgegnen, hat sich Fœssel – erfolgreich und sehr lesenswert – zum Ziel gesetzt.

Um an den Punkt zu gelangen, an dem nicht Mitteln der Expertise, sondern der Weltwiederaneignung aus dem Verlust hinausführen, wird dieser im ersten Teil der Studie recht klassisch ausgehend von der Figur des absoluten Souveräns bei Thomas Hobbes nachgezeichnet, mit einigen Seitenschwenks u. a. zum dem politischen Konzept des Apokalyptischen entgegenstehenden Messianischen. Besonders bedenkenswert ist die auf Pierre Bourdieu aufbauende Argumentation, wonach das Denken in symbolischen „Welt“-Kategorien immer auch ein privilegiertes Vertrauen in Gegenwart und Zukunft voraussetzt, welches eben den Deklassierten fehlt. Insofern spiegelt sich in den Reden vom Ende der Welt immer auch schon das symbolische Kapital derjenigen, die überhaupt einen öffentlichen Status zu verlieren haben – die apokalyptische Vernunft erweist sich damit immer auch grundlegend als system- und erwartungserhaltend, während andere, radikalere oder unschickliche Stimmen ausgeschlossen bleiben müssen. Im philosophischen Diskurs lässt sich das anhand von Immanuel Kants Ausführungen über „Das Ende aller Dinge“ zeigen, in dem vor dem Hintergrund der französischen Revolution und der Terreur das aufklärerische Denken der Gegenwart auf der Probe steht und als Ausweg eine Neutralisierung des Motivs des Weltuntergangs erfolgt.

Nach der genealogischen Herleitung nicht nur über Kant, sondern auch über Max Weber, Hannah Arendt, G. W. F. Hegel und schließlich auch Martin Heidegger wird im zweiten Teil eine philosophische Diagnose des Weltverlustes in der Gegenwart gestellt. Erfrischend auch hier Fœssels essayistischer Stil, der trotz zahlreicher Querverweise und Intermezzi, zuweilen auch mancher Redundanzen doch niemals ermüdend wirkt und immer klar auf sein Ziel hinarbeitet: Argumente zu liefern, um „einen Raum zu errichten, in dem Leben nicht nur geschützt werden müssen, sondern als authentische Anfänge auftauchen können.“ (S. 247) Der zu propagierende Kosmopolitismus ist also nicht esoterisch zu verstehen, sondern in der Auseinandersetzung mit den starren Regulierungs- und Repressionssystemen, wie sie institutionell etwa von NGOs vorgeführt wird: „Ihr Verdienst hat nichts mit Gefühlsduselei zu tun …. Er hat mit dem Kampf zu tun, den diese Organisationen gegen die Gefühllosigkeit gegenüber Rechtsbrüchen führen ….“ (S. 292)

Fœssel hält eine dreifache Verschiebung im Umgang mit dem modernen Katastrophismus für notwendig: das Vorrücken von offenen demokratiepolitischen Perspektiven, anstatt den Wissenschaften alleine die Autorität für einen sukzessiven Kontingenzabbau angesichts der drohenden Zukunft zuzugestehen; die Fokussierung nicht auf „Welt“ und ihr Ende, sondern auf „Leben“ und seine Gestaltung; sowie drittens nicht nur die Notwendigkeit einer Kritik des Denkens an und für sich, sondern der Wiedererlangung all jener durchtechnisierten und -automatisierten Prozesse des Lebendigen, die das Mögliche in der Gegenwart „katastrophisch“ verstellen. „In dieser Hinsicht entspringen die Illusionen der apokalyptischen Vernunft aus der Tatsache, dass sie als ein Ende interpretiert, was ebensogut ein Anfang sein könnte.“ (S. 297) Ein notwendiges Buch über die Begründung von Anfangszeiten.

Christian Zolles (14. Juli 2021)

Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Sehr geehrte Veranstaltungsbesucher:innen!

Wir wünschen Ihnen einen schönen und erholsamen Sommer und freuen uns, wenn wir Sie im September...

Ausstellung
Das IPA/Institut für poetische Alltagsverbesserung präsentiert Youtopia / Plan B

In dystopischen Gesellschaften ist es verpönt, sich positive Entwicklungen vorzustellen. Die...

Tipp
flugschrift Nr. 39 von Herta Müller

In Kooperation mit dem internationalen Literaturfestival Erich Fried Tage erscheint dieser Tage...

INCENTIVES - AUSTRIAN LITERATURE IN TRANSLATION

Buchtipps zu Kaska Bryla, Doron Rabinovici und Sabine Scholl auf Deutsch, Englisch, Französisch,...