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Elias Hirschl: Salonfähig.

Roman.
Wien: Zsolnay Verlag, 2021.
256 S.; geb.; Euro 22,70 (A).
ISBN 978-3-552-07248-0.

Elias Hirschl

Leseprobe

"Gute Mimik ist wie Make-up, das die hässlichen Stellen überdeckt"

Die "Ich"-Figur in Elias Hirschls neuem Roman ist gar nicht so einfach zu fassen. Ein paar Anhaltspunkte, womit wir es hier zu tun haben, werden zwar anfangs geliefert. Inwiefern ist aber der namenlose Ich-Erzähler ein "Austrian Psycho", so Hirschls eigene Worte? Es bahnt sich leise an, man ahnt es ab jenem Moment, als er seine unzähligen Haustürschlösser akribisch versperrt, sich leicht hinkend zu seinem Auto begibt und zu einer Versammlung der Mitte-Partei losdüst. Auf dieser Autofahrt bekommen Hirschls Leser*innen einen Einblick in die gruselige Gedankenwelt dieses Junge-Mitte-Funktionärs, oder besser noch, dieses "designierten Trizegeneralsekretärs der JM-Fraktion des sechzehnten Wiener Gemeindebezirks". Als stolzes Rädchen im Getriebe bereitet sich der Protagonist auf die Zusammenkunft mit seinen Parteikollegen vor, übt im Auto Lachen, Blicke, Mimik, versucht, sich menschlich zu geben, um zu vermeiden, dass die Leute Angst vor ihm bekommen – denn das ist ihm in der Vergangenheit bereits einige Male passiert. In der Rhetorik, bei NLP-Seminaren und Pick-up Artists fühlt er sich aufgehoben, das gibt Halt. Akribisch trainiert er, wie Normalsein geht, wie menschliches Verhalten funktioniert, wirklich flüssig und von alleine hat das bei ihm noch nie geklappt, wie man erfährt. Kein Wunder also, dass er sich an sein großes Vorbild hält, sich ein Idol auserkoren hat, von dem er sich all das abschauen kann. Seinen großen Helden, Julius Varga, Spitzenkandidat seiner Partei (man steht kurz vor der Wahl), kopiert er bis ins Genaueste, möchte am liebsten eins werden mit ihm, in seine Haut schlüpfen, verschmelzen. Und dann teilen er und Julius auch noch das hinkende Bein: "Ich sehe die Verletzung, die wir beide teilen, als eine tiefe, wahrhaftige Verbindung zwischen uns, als eine Art Seelenverwandtschaft." Die Beziehung zwischen dem Protagonisten und Varga bleibt jedoch einseitig, auch mit Fortschreiten des Romans wird der Ich-Erzähler beharrlich von ihm ignoriert.

Ein bisschen wie dieses alte Kinderspiel mutet das viele "Julius sagt" an, nur dass er eben nicht Simon heißt. Julius sagt jede Menge: Dass Tagebuchführen etwa einen positiven Effekt auf das Gedächtnis habe, oder dass gute Mimik wie Make-up sei, das die hässlichen Stellen überdeckt, ohne dass man sieht, dass es die hässlichen Stellen überdeckt. Woraufhin der Ich-Erzähler im Auto feststellt: "Ich lache wie eine regelmäßig gewartete Rolltreppe": Ein selten treffender Vergleich.

"Wir haben im Westen eine ganz wunderbare Terrorkultur!"

Taktlosigkeit und Grenzüberschreitungen stehen in "Salonfähig" an der Tagesordnung, immer haarscharf an der Geschmacklosigkeit vorbei kitzelt Hirschl den bitterbösen Humor aus dem eigentlich so tristen Plot. Wenn etwa der Protagonist sich für seine zwanzig Cent-Spende an einen Bettler regelmäßig mit einer Sachertorte belohnt, oder, noch gefährlicher an der Grenze des Geschmacks anstreifend, wenn "Shoah" zum Stichwort für ein Trinkspiel wird. Folgerichtig hat der Ich-Erzähler auch große Probleme mit der sogenannten Frauenwelt, Ex-Freundinnen haben ihm bereits vorgeworfen, er behandle sie wie ein Objekt. Dabei habe er sich doch immer und immer wieder eingetrichtert, Frauen "in erster Linie als Menschen wahrzunehmen". Manche Dinge lassen sich eben nicht erlernen. 

Geradezu besessen sind die Figuren außerdem von Terroranschlägen. Parteikollege Karl Voigt bringt es im Roman auf den Punkt: "Durch die Übersättigung kann man sich gar nicht mehr entscheiden, für welchen Anschlag man Mitgefühl aufbringen soll." Wohl auch der Grund für das Faszinosum "Anschläge", sie sind das Extrembeispiel für Empathie, an ihnen arbeitet der Protagonist sich ab, bewundert Walter Horn beim scheinbar unberührten Berichten unzähliger Gräueltaten in den Zehn-Uhr-Nachrichten – ein Bild unserer Zeit. Auch eine kleine Spitze lässt sich Hirschl nicht nehmen. Geschätzter Autor der Parteileute ist Thomas Glavinic, anders als Armin Wolf nicht durch ein Pseudonym undeutlich gemacht.

"Anstatt eine völlig neue Geschichte zu erfinden, nehmen Sie am besten einfach eine bereits existierende und tauschen lediglich ein paar Dinge aus."

Die Emotionslosigkeit spiegelt sich auch in Hirschls Sprache wider, die trotz der Ich-Perspektive immer distanziert wirkt. Klug gebaute Dialoge verdeutlichen das Wesen der von ihm porträtierten Partei und ihrer Funktionäre, oft wird komplett aneinander vorbeigeredet, niemand geht auf den anderen ein – und dennoch scheinen alle zufrieden, solange sie zumindest zum Schein ein Gespräch führen. Solange da ein Gegenüber ist, dem man ungezwungen von seinen Abgründen erzählen kann, ist alles gut.

Der vielseitige Elias Hirschl weiß seine Fähigkeiten einzusetzen, als Musiker, Slam Poet und Autor ist er mit einem exzellenten Rhythmus- und Taktgefühl gesegnet. Es wirkt ein wenig, als hätte er ein Gedankenexperiment zu Ende gebracht, dem die Frage vorangestellt war: Wie sieht die Innenwelt der Oberflächlichen aus? Und wie lässt sich von dieser Unmenschlichkeit schreiben, die seit Jahrzehnten die österreichische Regierung prägt? Herausgekommen ist zwar keine Erklärung dafür, sondern eher ein Gruselkabinett: Der Unterhaltungsfaktor könnte jedoch höher nicht sein.

Dass Hirschl mit "Salonfähig" eine Satire auf die österreichische Regierung geschrieben hat, ist fast müßig zu notieren. Unverkennbar inspiriert von der Schwarz/Türkis-Blauen Regierung, die zu seinen Schreibanfängen noch im Amt war, gelingt ihm das Bild einer vorgeblich politischen Mitte, die schon lange weit nach rechts abgedriftet ist. So absurd Hirschl seinen Roman konstruiert, so extrem er seinen Protagonisten als emotionslose weiße Leinwand darstellt: Nichts davon scheint der Realität wirklich fern zu sein. Angesichts der aktuellen politischen Lage kommt "Salonfähig" bestimmt für eine ganze Weile nicht aus der Mode, während das Grundkonzept von Empathie in der Regierung schon lange aus der Mode gekommen scheint, wie zur Zeit am Beispiel Afghanistan ersichtlich wird. "Salonfähig" ist ein kurzweiliger Roman, den zu schreiben dem Autor sichtlich Spaß gemacht hat.

Katia Schwingshandl, 23. 08. 2021

Ein Interview unserer Rezensentin mit Elias Hirschl lesen Sie aktuell in der Zeitschrift Buchkultur: https://www.buchkultur.net/wienliteratur/

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser/innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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