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Nicole Seifert: Frauen Literatur.

Nicole Seifert: Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2021. 224 S.; geb.; EUR (A) 18.50; ISBN: 978-3-462-00236-2.

Wenn es um das gesellschaftliche Ungleichgewicht der Geschlechter geht, bildet der Literaturbetrieb keine Ausnahme: Das belegt etwa das Forschungsprojekt #frauenzählen der verbandsübergreifenden AG Diversität, in dem die Sichtbarkeit von Autorinnen in den Medien und im Literaturbetrieb untersucht wird. Die Pilotstudie von 2018 zeigt, dass zwei Drittel der in deutschen Medien veröffentlichten Rezensionen Bücher von Männern behandeln. Das ungleiche Verhältnis zugunsten männlicher Autoren setzt sich auch in den Verlagsprogrammen fort, wie die Literaturwissenschaftlerin, Übersetzerin und Autorin Nicole Seifert für das vorliegende Sachbuch im Weiteren recherchiert hat, wobei der Anteil an Frauen in den ausgewählten Programmen sinke, „[j]e höher das literarische Prestige“ des Verlags ist (vgl. S. 36). „Frauenliteratur“ – durch die spezifische Bezeichnung des Allgemeinen beraubt, worauf der Titel hinweist – beziehungsweise von Frauen verfasste Literatur, wird noch viel zu oft aus der sogenannten Hochliteratur verdrängt.

Seiferts Buch berichtet über Misogynie im Literaturbetrieb und plädiert zugleich für mehr Diversität in den Bücherregalen. Das Buch richtet sich an ein breites Publikum und beleuchtet seine Themen auf vielfältige Weise: In neun Kapiteln erzählt Seifert unter „knackig“ formulierten Überschriften von ihren persönlichen Lektüreerfahrungen, arrangiert literaturwissenschaftliches mit historischem Knowhow, wertet Studien aus und unternimmt Exkurse in die Geschichte des weiblichen Schreibens, um zum Beispiel dessen erschwerte Produktionsbedingungen quer durch die Jahrhunderte aufzuzeigen (vgl. S. 65ff). Sie bespricht, wie sehr der männliche Blick auf die Welt Frauen als Lesende und als Autorinnen prägt (vgl. S. 56ff) und entschlüsselt immer wieder patriarchale Machtmechanismen, um zu erörtern, wie Literatur von Frauen in verschiedenen Kontexten des Literaturbetriebes abgewertet und verdrängt wurde und wird. Dabei greift sie auch auf Fallbeispiele außerhalb der deutschsprachigen Literaturlandschaft – vor allem aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum – zurück. Zitiert wird nicht aus den Originalen, sondern aus deutschsprachigen Übersetzungen. Obwohl im Fließtext im Weiteren auf Fußnoten verzichtet wird, ist der Text mit Bezugnahmen auf relevante Fachliteratur, Erhebungen, Wortmeldungen zum Thema von Akteur:innen aus dem Literaturbetrieb und auf wissenschaftliche Arbeiten unterfüttert, die in einem umfangreichen Quellennachweis ausgewiesen sind.

Lesehistorie

Unter der Kapitelüberschrift „Kleine persönliche Lesehistorie“ schildert sie, wie ein stetes Überangebot an von männlichen Autoren verfasster Lektüre, etwa im Schulunterricht, an den Universitäten und im öffentlichen Literaturgeschehen, immer mehr den Wunsch in ihr weckte, mehr Bücher von Frauen zu lesen. Ein persönliches Projekt war geboren: Fortan wollte sie eine Zeitlang nur noch zu Literatur von Frauen und darüber hinaus zu Büchern von Schriftsteller:innen, die nicht „weiß, cis oder heterosexuell“ sind, greifen, um „ganz bewusst nach[zu]holen, was mir entgangen war.“ (S. 29).

Ein Überblick, wie sich Misogynie nicht nur in den Bildungseinrichtungen, sondern insbesondere in den Bereichen Literaturkritik, Kanonisierung und Literaturgeschichtsschreibung zeigt, folgt. Immer sichtbarer wird in dazu vertiefenden Kapiteln gemacht, wie in der Verzahnung dieser Bereiche eine Abwertung weiblichen Schreibens geschieht und dieses zum Teil aus dem kulturellen Gedächtnis verschwindet, worauf in der Folge beispielhaft eingegangen wird.

eine Frage der Kriterien und der Auswahl“

Wenig Raum bekommen Autorinnen etwa in bekannten Überblickswerken der Literaturgeschichtsschreibung, wie Seifert aufzeigt, obwohl es genügend Schriftstellerinnen auch schon in den vergangenen Jahrhunderten gegeben habe: Es sei jedoch „eine Frage der Kriterien und der Auswahl“ (S. 62), was für wichtig erachtet wird. In populären Bemühungen, einen allgemeinen, zeitgemäßen Kanon zu erstellen, werden – auch wenn es feministische Gegenentwürfe gibt – ebenso nach wie vor sehr wenige Autor:innen berücksichtigt. Ein geschichtlicher Exkurs zeigt auf, wie einem erfolgreichen, literarischen Werk aus der Feder einer Frau die Möglichkeit, eine Rolle im Kanon zu spielen, von Anfang an verschlossen blieb. Dazu werden die Rezeptionsgeschichten der Romane Theodor Fontanes Effi Briest und Gabriele Reuters Aus guter Familie beleuchtet, die beide 1895 erschienen sind. Während Effi Briest bekanntlich zum Klassiker avancierte, geriet Gabriele Reuters Buch in Vergessenheit. Erst in den Zweitausendern wurde der Text von der Literaturwissenschaft wiederentdeckt und ist nun zumindest einem kleinen Fachpublikum bekannt. Einer Untersuchung von Renate von Heydebrand und Simone Winko folgend wird aufgezeigt, dass Reuters Roman in der zeitgenössischen Kritik zwar nicht abgewertet wurde, die Kritiken zu diesem jedoch kürzer waren als jene zu Effi Briest. Außerdem wurde das Buch in Sammelbesprechungen als „Frauenliteratur“ abgehandelt. Damit sei „die entscheidende Weiche für die weitere literaturhistorische Einordnung gestellt“ worden: „Nicht das Übersehen weiblicher Traditionslinien, sondern die kategoriale Abtrennung der weiblichen Schreibproduktion von der männlichen literarischen Tradition bringt die Autorin ins Abseits. Weniger Raum, schlechte Platzierung und die Markierung als 'von einer Frau, über Frauen, für Frauen' innerhalb der Literaturkritik“ (S. 90) habe ihre Marginalisierung ausgemacht.

Verrisse als „Inbegriff der Misogynie“

Eine unsachgemäße literaturkritische Praxis, der sich besonders erfolgreiche Autorinnen und Bücher von Frauen, in denen „spezifisch weibliche Lebensumstände“ oder „gesellschaftliche Missstände“ (S. 143) vorkommen, ausgesetzt sehen, zählt bis heute zu einem gängigen Verfahren, um Literatur von Frauen abzuqualifizieren. Beispielhaft erörtert wird hier etwa Marcel Reich-Ranickis abwertende Besprechung von Marlene Streeruwitz' Debütroman Verführungen (1996) in einer Folge des Literarischen Quartetts, die Etikettierung „Fräuleinwunder-Literatur“ für aufstrebende Autorinnen um die Jahrtausendwende oder die gehäufte wie unprofessionelle Negativkritik, der sich Karen Köhler in Bezug auf ihren Roman Miroloi (2019) ausgesetzt sah (vgl. S. 138ff). Zu den Merkmalen misogyner Kritik kann gezählt werden, dass häufig Außerliterarisches in die Rezensionen mit einbezogen wird (wobei etwa die äußere Erscheinung einer Autorin kommentiert wird) und es oft so scheint, als ob den aburteilenden Kritikern Traditionslinien weiblichen Schreibens nicht bekannt wären. Themen, die Frauen betreffen, wie Sorgearbeit und Mutterschaft, werden als „trivial“ abgekanzelt. Letzteres wird bei Seifert als in der Geschichte fortlaufendes Phänomen der Abwertung der Literatur von Frauen dargestellt – „[d]er Ausschluss von weiblichen Texten aus der Sphäre der 'hohen Literatur' […] über die Abqualifizierung der Themen“ (S. 141). Innovative Formen weiblichen Schreibens würden außerdem nicht als solche rezipiert; sondern den Texten stattdessen ihre ästhetische Qualität abgesprochen. Die persönlichen Angriffe werden schließlich als politisch enttarnt: Frauen innerhalb einer patriarchalen Gesellschaftsordnung systematisch zum Schweigen zu bringen bezeichnet Seifert als „Inbegriff der Misogynie“ (S. 146).

Madwoman in the attic

Auch wenn Frauen aus literaturwissenschaftlicher Sicht ästhetisch betrachtet nicht „anders“ schreiben als Männer, würden unterschiedliche Erfahrungswelten jedoch andere Themen und Ausdrucksformen mit sich bringen (vgl. S. 105ff). Um dies sichtbar zu machen, werden Traditionslinien innerhalb von Frauen verfasster Literatur, wie das Motiv der „Madwoman in the attic“, das in einem gleichnamigen Werk der amerikanischen Literaturwissenschaftlerinnen Sandra M. Gilbert und Susan Gubar beschrieben wird, aufgezeigt. Das Motiv, das etwa in Charlotte Brontës Klassiker Jane Eyre in Form der vor der Gesellschaft versteckten, wahnsinnigen Ehefrau auftritt, werde bis heute variiert, so in Claire Fullers 2018 erschienenem Roman Bittere Orangen. Trotzdem fehle es in Kröners Motive der Weltliteratur (hier: 2015), und damit in einem deutschsprachigen Standardwerk (vgl. S. 114). Zusammenfassend verortet Seifert zwei Momente, die für Literatur von Frauen charakteristisch seien – eine erzählerische Selbstermächtigung sowie auf die eigene „zurückgedrängte Perspektive“ aufmerksam zu machen beziehungsweise diese aufzuklären (S. 125).

Fadenscheiniges Qualitätsargument

Die Fadenscheinigkeit des „Qualitätsarguments“, das sich als „zentraler Einwand gegen größere Diversität in der Literaturlandschaft und darüber hinaus“ halte, wird von Seifert in einem späteren Kapitel erneut entlarvt (vgl. S. 151). Sie verweist dazu schließlich noch auf anonymisierte Auswahlverfahren von Texten, die sogar schon zu einer Umkehr der Geschlechterverhältnisse bei Finalist:innen und Preisträger:innen von Literaturwettbewerben geführt habe – wie beim Open-Mike-Wettbewerb oder bei den Hamburger Literaturpreisen.

Plädoyer für mehr bleibende Diversität

„Feminismus“ und „Diversität“ dürfen keine Trendthemen bleiben: Darauf plädiert Seifert in ihrem Fazit. Die Veränderungen in Richtung Geschlechtergerechtigkeit und Diversität im Literaturbetrieb werden als langsam beschrieben (S. 166). Die ewige zwei-Drittel-Mehrheit von Männern, wie im Feuilleton oder in den Verlagsprogrammen, zeigen sich als noch nicht überwunden (vgl. S. 165ff.).

Sie ruft Personen, die Schlüsselpositionen im Literaturbetrieb haben genauso wie Leser:innen, dazu auf, mehr Perspektiven als jenen weißer, heterosexueller Männer Raum zu geben. Einiges aufzuarbeiten sieht sie noch im Bereich der Wiederentdeckung „vergessener“ Autorinnen: Zwar wird die Arbeit von kleinen Verlagen, die sich der Literatur von Frauen widmen, hervorgehoben – wie jene von Edition fünf, Aviva oder Dörlemann. Bei der umfassenden Wiederentdeckung von Autor:innen stehe man in den deutschsprachigen Ländern im Vergleich zu Großbritannien und den USA (wo gezielt Werkeditionen „vergessener“ Schriftstellerinnen herausgegeben werden und eine Kanonrevision stattfand) jedoch noch am Anfang (vgl. S. 170). Seifert spricht sich für Quoten, gezielte Fördermaßnahmen und Stipendien für benachteiligte Gruppen im Literaturbetrieb aus. Sie vermittelt, dass es jedoch nicht darum geht, jemanden verantwortlich zu machen, sondern das zu modifizieren, was sie einen „sich selbst erhaltende[n] Kreislauf“ nennt und sie konstatiert: „Gegen strukturelle Probleme helfen nur strukturelle Veränderungen“ (S. 177).

Dem Buch war in den ersten Wochen seit seinem Erscheinen eine gute Resonanz in den Medien beschienen. Es ist somit gelungen, ein breites Publikum zu erreichen und gleichermaßen fundiertes Fachwissen zu vermitteln – dabei sitzt jeder Satz, die Argumentation ist logisch, der Text ist flüssig geschrieben und gut lesbar. Das Buch schafft Lektüreanreize (s. die Leseliste im Anhang) und gibt einen pointierten und an Beispielen reichen Abriss von der Geschichte und den Problemen, denen Schriftstellerinnen sich im Literaturbetrieb ausgesetzt sahen und sehen, wieder. Zugleich fordert das Buch das Lesepublikum auf, ihre oft von männlichen Perspektiven geprägten Lesegewohnheiten zu hinterfragen.

Friederike Schwabel (September 2021)

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