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Erich Hackl: Als ob ein Engel.

Erzählung nach dem Leben.
Zürich: Diogenes, 2007.
170 S.; geb.; OU; EUR 18.40.
ISBN 978-3-257-06595-4.

Link zur Leseprobe

Über die Frage, welche Funktionen Literatur haben kann oder soll, lässt sich im Literaturbetrieb trefflich streiten. Für den 1954 in Steyr geborenen Erich Hackl ist die Antwort klar: Sein Leben, seine Literatur hat er der Aufgabe gewidmet, die Schicksale vergessener politisch engagierter Personen oder Opfer totalitärer Regime zu recherchieren und sie für den Leser, die Nachwelt zu bewahren. Schreiben gegen das Vergessen, gegen das Verdrängen, gegen das Verharmlosen. Obwohl Hackl als Erzähler hinter seine Figuren zurücktritt, nüchtern berichtet und sich jeden Kommentars enthält, ist er ein eminent politischer Autor. Er hält Distanz, ohne distanziert zu sein, trotzdem wird auf jeder Seite seine politische Grundhaltung, die er mit seinen Figuren teilt, sichtbar.

In seinem neuen Buch "Als ob ein Engel", das er als "Erzählung nach dem Leben" charakterisiert, erzählt Hackl die Geschichte der argentinischen Studentin Gisela (Gisi) Tenenbaum. Diese ist am 8. April 1977 im Alter von 22 Jahren das letzte Mal mit Gewissheit lebend gesehen worden. Seitdem ist sie verschwunden. Ob und wie sie von den Schergen der argentinischen Militärdiktatur entführt, gefoltert, getötet wurde, bleibt im Dunkeln. Die Umstände ihres Verschwindens kann auch Hackl nicht klären, aber er hat Gisis Lebensweg, der über politisches Engagement zum aussichtslosen Untergrundkampf gegen die Diktatur führte, penibel nachgezeichnet.

Gisi wuchs in einer politisch engagierten Familie auf. Ihre Mutter Helga Markstein wurde 1930 in Wien geboren, die Mutter war Jüdin, der Vater Sozialist. 1939 gelang der Familie die Flucht nach Südamerika. Auch Gisis Vater Willi wurde in Wien geboren und flüchtete vor den Nazis nach Argentinien. Helga und Willi lernten sich in Buenos Aires kennen, 1951 heirateten sie, ein Jahr später zogen sie in die argentinische Provinzstadt Mendoza. 1953 kommt Heidi auf die Welt, 1955 Gisi, 1960 Mónica.

Die Familie lebt in bescheidenen, doch soliden, durchaus harmonischen Verhältnissen in Mendoza. Nach der Geburt ihrer beiden ersten Töchter beschließen die Eltern, Medizin zu studieren. Willi studiert vormittags, Helga nachmittags, nebenher arbeiten sie und kümmern sich um die drei Kinder. 1973 beenden sie gemeinsam ihr Studium, der Vater arbeitet fortan als praktischer Arzt, die Mutter als Gynäkologin. Politik spielt in der Familie eine große Rolle. Gisi übernimmt schon als Kind gern Verantwortung für andere, während ihre ältere Schwester Heidi einen ganz anderen Charakter hat, die beiden streiten sich häufig. Heidi sagt über den Vater: "Das bißchen Streit hat meinen Vater allerdings auf die Palme gebracht. Streiten über große Themen, über Politik, Gesellschaft, Geschichte, hat er akzeptiert. Aber zu Hause sollte Eintracht herrschen. Ich hab auch wirklich nie erlebt, daß sich meine Eltern gestritten haben. Das wurde uns später zum Problem, Mónica und mir, in unseren Ehen, daß wir sie an der unserer Eltern maßen und für schlecht befanden."

Gisi wird von den Zeitzeugen, die Hackl aufgesucht hat, als allseits beliebte, überaus intelligente, überdurchschnittlich sportliche und attraktive Gerechtigkeitsfanatikerin beschrieben. In der Schule hat sie die besten Noten, ihre Freizeit widmet sie dem Schwimmen, sie gewinnt viele Wettbewerbe, ihr Spitzname ist La Pescadito, kleiner Fisch. Auch an der Technischen Universität ist sie eine der Besten. "Angenommen, Gisi würde noch leben. Dann wäre sie eine erstklassige Wissenschaftlerin. Eine Spezialistin auf ihrem Gebiet und ein wunderbarer Mensch. Sie war nicht naiv. Es ist nicht so, daß sie ungewollt in die Sache hineingerutscht wäre. Sie wußte sehr genau, was sie riskierte. Es war ihr ein Anliegen, und es tut weh, akzeptieren zu müssen, daß sie mit dem Leben bezahlt hat." Ab 1974 studiert sie an der Universidad Tecnológica Elektrotechnik. Dort engagiert sie sich politisch, wird Mitglied der Peronistischen Jugend. Dann spitzen sich die politischen Zustände in Argentinien dramatisch zu. Im August 1975 schließt sie sich gegen den Willen ihrer pazifistischen Eltern den Montoneros, der peronistischen Guerilla an. "Müßig zu fragen, was sie im August 1975 bewogen hat, sich den Montoneros anzuschließen. Der Übergang von der Peronistischen Jugend zur peronistischen Guerilla war fließend, es gab keine ideologischen Gegensätze, und die wesentlichen Differenzen - die zwischen politischen und militärischen Strukturen, zwischen Waffenverzicht und Waffengewalt - verloren im selben Ausmaß an Bedeutung, in dem die Gesellschaft als Ganzes sich militarisierte.", schreibt Hackl.

Gisi soll, so Hackls Recherchen, nicht an militärischen Aktionen beteiligt gewesen sein, doch war allen Montoneros die Bereitschaft zu töten gemein. Die entscheidende Frage des Buchs, ob der bewaffnete Kampf gegen ein gewalttätiges Regime gerechtfertigt ist, quält Gisis Familie, ihre Freunde und natürlich auch den Leser. Gisis Familie fragt sich, warum sie weitergemacht hat, als die politische Situation offensichtlich aussichtslos war. Im Februar 1976 muss Gisi untertauchen, am 8. April, einem Karfreitag, wird sie zum letzten Mal gesehen.

"Im selben Moment, in dem sie verschwunden ist, hat Gisi sich in ein Tabu verwandelt.", sagt ihr Schwager. In der Familie herrscht Schweigen, auch die Trauer hat keinen Platz gefunden, weil es keine Gewissheit über ihr Schicksal gibt. Hat sich ihr politischer Einsatz gelohnt? Die Schlussworte überlässt Hackl Gisis Mutter: "Und immer sag ich mir, das war ihr Weg. Das ist kein Trost, aber."

 

Peter Landerl
12. November 2007

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