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Peter Handke: Leben ohne Poesie.

Gedichte.
Hrsg. von Ulla Berkéwicz.
Frankfurt/M.: Suhrkamp TB, 2007.
240 S.; brosch.; EUR 14,-.
ISBN 978-3-518-45921-8.

Link zur Leseprobe

Er sei kein Lyriker, sagt er. Die dennoch entstandenen Verse nennt er selbst "Gelegenheitsgedichte". Wenn man Prosa ernst nähme, erklärt Peter Handke in einem Gespräch mit Herbert Gamper, sei sie "genau so schwierig und genau so ein Prozeß wie das Gedichteschreiben." Viele Textpassagen lesen sich deshalb fast wie Gedichte ohne Zeilenfall. In seiner Lyrik widerum finden sich oft seitenlange sogenannte Erzähl- oder Prosagedichte. Diese, so scheint es manchmal, sind gerade da am besten, wo sie der Prosa am nächsten kommen. Eins ist jedoch klar: Handkes Lyrik ist notwendig im Kontext der Prosa und Theaterstücke zu lesen.

Die Gedichte Peter Handkes sind jetzt neu erschienen. "Leben ohne Poesie" heißt der Band. Er enthält in angegebener Reihenfolge: "Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt" von 1969, die Gedichte aus "Das Ende des Flanierens" von 1977, durchmischt mit den Versen der fünf Notizbücher aus einem Zeitraum von 1977 bis 2005, das "Gedicht an die Dauer" von 1986 und die drei Langgedichte aus dem 1974 erschienenen Band "Als das Wünschen noch geholfen hat".

Mitte zwanzig ist Peter Handke, als 1969 sein erster Lyrikband "Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt" erscheint. Neben den in der Tradition des objet trouvé stehenden Gedichten enthält der Band überwiegend Texte in der Nachfolge der Sprechstücke und des ein Jahr zuvor erschienenen "Kaspar". Der Titel "Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt" kann als Formel zum Werkverständnis Peter Handkes gelesen werden. Drei Lesarten können als Schlüssel für Handkes literarische Verfahren und für sein poetologisches Programm dienen.
Zum einen: Im Wechsel von innen und außen geht es in erster Linie um einen Wahrnehmungsprozeß. Entscheidend dabei ist der Blickwechsel. Jene spezifische Doppel-Perspektive, die gleichzeitig sowohl auf die Welt als auch auf das Ich, auf das Subjektive und das Objektive, das Konkrete und das Abstrakte ausgerichtet ist. Ziel ist die von selbstreflexiver Erkenntnis ausgehende Erkundung von intersubjektiv gültigen Sinnzusammenhängen.
Die zweite Lesart: Die Formulierung "Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt" bezieht immer den Widerspruch mit ein. Die These fordert die Antithese und das Setzen den Gegensatz. Sowie beim Schreiben auch nur der Ansatz eines Begriffs auftauche, so der Autor in seiner Büchner-Preis-Rede, "weiche ich – wenn ich noch kann – aus in eine andere Richtung, in eine andere Landschaft, in der es noch keine Erleichterungen und Totalitätsansprüche durch Begriffe gibt."
Die dritte Verständnisebene: Die Formel von der "Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt" postuliert eine Art erkenntnistheoretischen Dreisprung: Es handelt sich um eine Bewegung, welche zwingend eine Gegenbewegung fordert und so fort. Das heißt, bei Handkes literarischen Verfahren handelt es sich um einen nie endenden Prozess. Nicht zufällig tauchen in Handkes poetischer Terminologie immer wieder Schlüsselwörter der Bewegung wie gehen, fließen oder mäandern auf.

Ein entscheidender biografischer und literarischer Umbruchsprozess findet für Handke im Zeitraum zwischen 1972 und 1974 statt. Über Monate schreibt er nichts als das Prosagedicht "Leben ohne Poesie". Für Handke ist es ein lähmender Moment des Stillstands, der Schreibkrise, des drohenden Sprachverlusts. 1973 zieht er von Kronberg bei Frankfurt nach Paris und findet dort mit dem 1975 erscheinenden Text "Die Stunde der wahren Empfindung" seine literarische Stimme wieder. Übersehene Alltagsdinge werden dort zu verrätselten Zeichen für eine wieder als sinnvoll erlebte und beschreibbar gewordene Welt. Das Buch "Als das Wünschen noch geholfen hat" erscheint ein Jahr zuvor. Die darin enthaltenen Gedichte spiegeln die existenzielle Schwellenerfahrung wider. In einem Gespräch mit Heinz Ludwig Arnold 1975 in Paris bestätigt Handke, daß die "Stunde der wahren Empfindung" die Erzählung zu den Gedichten sei. Sein neues Hauptanliegen: Wie kann man das Glück darstellbar machen? Ebenso plötzlich und unerwartet, wie er sich einstellt, kann der neu gewonnene Sinn, "das zwei-einige poetische Weltgefühl (...) zwischen zwei Schritten" aber auch wieder verloren gehen."

Dieser dauernde Wechsel von Verzweiflung und Zuversicht, ernüchternder Realität und emphatischer Utopie bleibt das hervorstechende Charaktermerkmal von Handkes mäanderndem Schreiben – auch in den 1977 zum ersten Mal in einem Lyrikband erscheinenden Gedichten unter dem Titel "Das Ende des Flanierens". Das Glück kennt keine Dauer, immer wieder bricht der neu gewonnene Zusammenhang zu bedrohlichen Einzelheiten auseinander.

Im neu herausgegebenen Sammelband "Leben ohne Poesie" sind die Gedichte vom "Ende des Flanierens" "gemixt", so der Ausdruck Peter Handkes, mit Versen aus den 1977 bis 2005 erschienenen Notizbüchern und Journalen. Verstärkt ist er hier auf Gegenstände, Situationen und Verhaltensweisen aus, so der Germanist Peter Pütz, deren komponiertes Zeichenensemble jeweils zum Suchbild für noch nicht besetztes und tief bedrohtes Dasein wird.
Auch im 1986 erschienenen Langgedicht und vierten Teil des Bandes, dem "Gedicht an die Dauer", geht Handkes literarische Suche nach einem intersubjektiv gültigen Moment weiter. In dem fünfundfünzig Seiten langen poetischen Text sucht er jene immer wieder von Handke beschriebenen Schlüssel-Orte auf, wo er dem Glück für eine kurze Weile Dauer verleihen konnte.

Den Abschluss des Gedichtbandes "Leben ohne Poesie" bildet aber nicht das 1986 veröffentlichte "Gedicht an die Dauer" und auch nicht die im Zeitraum von 1977 bis 2005 erschienenen Verse aus "Das Ende des Flanierens" und aus den Journalen. Der vierte und letzte Teil des Buchs besteht aus den drei 1974 in "Als das Wünschen noch geholfen hat" veröffentlichten Langgedichten aus der Zeit des Umbruchs und des Umzugs von Kronberg nach Paris. Diese sind außerdem nicht in ihrer ursprünglichen Reihenfolge angeordnet. Das zeitlich zuerst, noch in Deutschland entstandene Gedicht "Leben ohne Poesie" steht nun am Schluss. Mit "Leben ohne Poesie" ist der vierte Teil und der komplette Gedichtband überschrieben.
Diese exponierte Positionierung kann kein Zufall sein. Das Gedicht markiert den Zeitpunkt vor einem radikalen Neuanfang. Im Moment absoluter Sprachlosigkeit gelingt es dem Schriftsteller-Ich, sich selbst aus dem Nichts heraus neu zu erfinden. Diese existenziellen Schwellenzustände sind Augenblicke höchster Gefährdung, bergen aber andererseits größtes poetisches Potenzial – für den Schriftsteller die entscheidenden Momente. Da, wo nichts mehr hilft und nichts anderes mehr gilt, so Peter Handke in seiner Büchner-Preis-Rede, "als das hoffnungsbestimmte poetische Denken, das die Welt immer wieder neu anfangen läßt, wenn ich sie in meiner Verstocktheit schon für versiegelt hielt, und es ist auch der Grund des Selbstbewußtseins, mit dem ich schreibe."

Handke wird es wohl so gewollt haben: die spartanische Neuausgabe seiner Gedichte mit kargen editorischen Anmerkungen, ohne Anhang, Kommentar, ergänzendes Vor- oder Nachwort – ein Understatement, das dem Autor ansonsten gar nicht eigen ist. Vielleicht möchte er seine Lyrik nicht überbewertet wissen. Eine Poesie, der oft die Bodenhaftung fehlt, das prosaische Gegengewicht der langsamen, mäandernden Erzählung.

 

Michaela Schmitz
18. Dezember 2007

Originalbeitrag

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