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Eva Maria Gintsberg: Herr Klein.


Leseprobe:

Die Wahrheit war, dass ich jeden Abend an meinem Küchentisch saß, die rotweißkarierte Plastiktischdecke Karo für Karo in feine Streifen schnitt und mir Geschichten ausdachte. Wenn ich damit fertig war, kaufte ich eine neue. – Ja. Ich dachte mir ständig Geschichten aus, um nicht allein in diesem Allerweltskanal unterzugehen. Mein Leben war halb gelogen, halb erfunden, halb wahr. So trat ich in Herrn Kleins Leben. Ich spazierte eines Tages über eine Allee, durch einen Park, in einen Garten, stand plötzlich vor einem Haus, einer Tür, die ohne mein Zutun aufsprang. Rotkäppchen vor Herrn Kleins Villa, mit dem Unterschied, dass Herr Klein nicht der böse Wolf war. Es war wie eine Einladung, ein Geschenk des Himmels. Ich dachte nicht darüber nach, was mich erwarten könnte, war aufgeregt, hoffte, endlich die richtige Abzweigung gefunden zu haben, wo man gleichgestimmt vor dem Badezimmerspiegel im geliehenen Pyjama rauf- und runtergurgelte, löchrige Strumpfhosen hübsch fand und über Kanaldeckel Liebeslieder bis ans andere Ende der Stadt verschickte.
Und als ich zum ersten Mal dieses Haus betrat, war ich enttäuscht, denn Herr Klein hätte mein Vater sein können. Bestimmt besser als mein eigener, doch er war kein Jungspund, mit dem man eine Liebesgeschichte hätte anfangen wollen. Aber Herr Klein tat so, als hätte er mich erwartet. Also tat ich auch so. War es Zufall, Berechnung oder spielte er mit?
Ich lernte Friedrich, den Hasen im Goldfischglas, kennen. Herr Klein, der ständig hinter dieser Bücherwand verschwand. Oskar, der Postkarten schrieb und sich nach seinem Sturz in Luft aufgelöst hatte. Seine Mutter, die ein unstetes Leben führte, vor Überraschungsbesuchen nicht zurückschreckte und diese regenbemantelte Dame mit Hund, die in fremden Gärten herumspazierte. Ich glaubte, ein Geheimnis entdeckt zu haben, stolperte zwischen diesen Zufälligkeiten herum, die meiner Ansicht nach keine waren, doch keiner ließ sich in die Karten schauen. Auch ich nicht. Nichts konnte ich, konnte man mir beweisen. Alles nur ausgedachtes Geschwätz? Aber etwas hatte ich entdeckt. Bücher, eine ganze Stadt von Büchern.

(S. 125-126)
 

© 2021 edition himmel bei Limbus, Innsbruck
 

 

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