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Leseprobe: Peter Handke - "Die morawische Nacht."

In der folgenden Nacht ließ der an den Baum gebundene Esel einen Eulenruf hören, und eine Eule antwortete mit einem Eselsstöhnen. Am nächsten Morgen, was stand da in der Zeitung? Nichts, und wieder nichts. Tags darauf stieg jemand auf eine Leiter aus Strohhalmen, und sie hielt, und am Abend desselben Tages drückte jemand auf eine Klinge, und die Tür ging auf. Ein paar Tage später spielte jemand auf einer Maultrommel "Der Tod und das Mädchen" und jemand schüttelte beim Weinen den Kopf. Und eines Nachts wurden alle Katzen grün, (...)
(S. 268)

Genug im Abseits. Schluss mit dem Alleingehen. Im-Stich-Lasser! Der Verräter, das bist du, die Verräter, das seid ihr. Bist mir ein Wilder. Aber ein veralteter, verkommener. All deine falschen Ekstasen. Da siehst du mal wieder, wohin sie führen: in ein Schneeloch, in die Schneeblindheit. Zurück in die Sphäre der Lebenden, der Heutigen, der Augenpaare. Ich werde dich nicht retten, ich nicht. Aber ich habe auch keine Lust, deinem poetischen Sterben in Weiß und Blau hier zuzuschauen, tagelang. Auf mit dir, du Tiefland-Trottel.
(S. 374)

"Denn schwer war die Seele, so viel schwerer als die angeblich einundzwanzig Gramm, immer wieder eine Last. Eine Seele zu haben hieß Mitleiden, Zögern, Nichtweiterwissen, Sprachlossein, Stammeln, das erlösende Wort suchen und – wie bei mir seinerzeit der tägliche Fall – es nicht finden, nicht und abermals nicht. Die Seele loszusein: keine Probleme mehr. Vor allem keine Sprach- und Schreibprobleme. (...) Wir sind inzwischen Alleininhaber der Worte und Sätze und füllen damit die Zeitungen gleichwie die Bücher."
(S. 440-441)

"Auf sein Schiff hatte der Autor uns geladen mit einem 'Kommt, her mit euch, ich muss euch eine traurige Geschichte erzählen!' Eine traurige Geschichte? Man würde sehen."
(S. 560-561)


© 2008 Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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