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Uwe Baur: Literarisches System in Österreich 1933/1938–1945

Zensur und Förderung - Literarische Vereine - Anthologien. Wien u.a.: Böhlau 2021; 478 Seiten; geb.; EUR 65,00; ISBN 978-3-205-21234-8

Uwe Baur, emeritierter Grazer Germanistik-Ordinarius, ist seit vielen Jahren gemeinsam mit Karin Gradwohl-Schlacher dabei, das literarische Feld Österreichs während der NS-Herrschaft systematisch in seinen Grundstrukturen zu analysieren und in Bestandsaufnahmen darzustellen. Nun hat Baur den fünften Band dieses wichtigen Unternehmens publiziert, der sich dem „Literarischen System in Österreich 1933/1938–1945“ widmet. „Literarisches System“ meint die „Lenkungsfaktoren“ Zensur und Förderung, literarische Vereine sowie Anthologien.

Es gehört zu den Leistungen des Bandes, die Jahre vor dem „Anschluss“ miteinzubeziehen und damit vor Augen zu führen, wie intensiv und minutiös die österreichischen Nationalsozialisten während des Austrofaschismus „Vorarbeiten“ der In- und Exklusion geleistet haben und welche deutschen Aktionen und Initiativen zwischen 1933 und 1938 Einfluss auf den Literaturbetrieb der „Ostmark“ hatten. Zensur und Förderung geschah in erster Linie über Listen: Baurs Publikation ist zur Hälfte ein Buch der Listen. Der Autor fasst diesen Umstand zu Beginn seiner Einleitung in das Bonmot: „Der Weg in die nationalsozialistische Mediendiktatur war listenreich gepflastert“. Es gab offizielle Listen wie die „Vorschlagsliste für Dichterlesungen“ des „Werbe- und Beratungsamts für das deutsche Schrifttum“, halboffizielle wie die berühmte „Gottbegnadeten-Liste“ sowie interne Listen, der Einladungen und Empfehlungen zugrunde gelegt wurden – und natürlich vielerlei schwarze Listen, auf denen Literaturfunktionäre (und solche, die sich dazu berufen fühlten) jene zu exkludierenden Schriftstellerinnen und Schriftsteller nannten, die sie dem „Deutschtum“ nicht zurechneten.

Uwe Baur führt da etwa eine „Liste der zu fördernden bzw. der abzulehnenden Schriftsteller“ an, die 1935 in Graz erstellt wurde. Mit dieser Liste sei ein Mitarbeiter des „Volksbunds für das Deutschtum im Ausland“ an den Herausgeber der „Deutschen Rundschau“, Rudolf Pechel, herangetreten, um zu erreichen, dass keiner der Genannten „mehr in deutschen Zeitschriften und Zeitungen schreiben kann“  (30) bzw. klar sei, wer zu den „unbedingt zu fördernden Schriftstellern“ zähle. Die Liste sei, so Baur, „mit hoher Wahrscheinlichkeit“  (31) in Graz von zwei Germanisten verfasst worden, die sich der „Kulturgemeinschaft“ zurechneten, dem österreichischen Ableger der „Nationalsozialistischen Kulturgemeinde“ Alfred Rosenbergs. Über den „Volksbund für das Deutschtum im Ausland“ in Berlin, den der Kärntner „Volkstum“-Politiker Hans Steinacher leitete, versuchten nun die selbsternannten Literaturzensoren Einfluss zu nehmen auf Redaktionen und so ihre eigene Position im NS-Staat zu festigen (oder erst zu finden). Diese Grazer Liste aus dem Jahr 1935 erzählt von der Perfidie der kleinen Rädchen in der Maschinerie der NS-Kulturpolitik; sie zeigt, wie früh immer dieselben Namen als förderungswürdig aufgezählt wurden (von Bruno Brehm über Maria Grengg, Paula Grogger und Max Mell bis zu Josef Weinheber); sie führt vor Augen, dass 1935 katholisch-konservative Autoren wie Rudolf Henz oder Friedrich Schreyvogl noch auf dieser Negativliste zu finden waren, weil sie „gegenüber den Methoden der österr. Regierung keinerlei Rückgrat gezeigt haben“ (30) – beide konnten jedoch bekanntlich ab 1938 sehr gut ihr Auslangen finden im NS-Staat; und Baur erzählt auch die Überlieferungsgeschichte: Rudolf Pechel, einer der Adressaten dieser „listenmäßige[n] Denunzierung und Empfehlung österreichischer Schriftsteller für den deutschen Buchmarkt“ (31), war ein konservativer Oppositioneller im NS-Staat und bot sie 1957 Friedrich Torberg zur Verwendung im „Forvm“ an – der Germanist Karl Müller fand sie schließlich im Nachlass Torbergs.

Baur macht klar, dass man mit schwarzen und weißen Listen nicht nur versuchte, die Redaktionen zu beeinflussen, sondern auch auf ökonomisch unmittelbar wirksame Aktivitäten einwirken wollte: Österreichische Autorinnen und Autoren waren vom deutschen Buchmarkt abhängig, daher war eine Einflussnahme auf den Buchverkauf und die damit meist zusammenhängenden Einladungen zu Dichtertreffen und Lesereisen am effektivsten. Österreichische Netzwerke im „Deutschen Reich“ arbeiteten ab 1933 beständig daran, die österreichischen Autorinnen und Autoren der weißen Listen in den neuen nationalsozialistischen Kanon zu integrieren. Baur schreibt davon, dass die Kanonisierung für die „Ostmark“ mit der „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ – das wesentliche Dokument der Reichsschrifttumskammer – im Jahr 1939 abgeschlossen gewesen sei.

Schnelle und effiziente Arbeit unmittelbar nach dem „Anschluss“ lieferte auch eine spezielle Kommission der Wiener Gauleitung, die sämtliche Vereine des Landes erfasste. Auf dieser Erfassung fußt Baurs Bestandsaufnahme der literarischen Vereine und Gruppen von der „Adalbert-Stifter-Gesellschaft“ bis zum „Zweckverband für Kulturpflege in Niederdonau“. Dass nach 1938 nur solche Vereine den „zivilgesellschaftlichen Spielraum für literarisches Handeln“ (97) ausreizen durften, die sich ideologisch legitimen Schriftstellern verschrieben haben (Goethe, Stifter, Grillparzer, Rosegger), ist klar. Es kam aber auch zu Neugründungen: 1942 wurde die Ebner-Eschenbach-Gesellschaft gegründet, die sich dem Zweck der „kulturellen Mitarbeit im völkischen Sinne durch die Pflege deutschen Geistesgutes“ (158) verschrieb und nur weibliche Mitglieder hatte. Da Baur auch die vor 1938 in Österreich gegründeten Vereine inkludiert, kann man einige skurrile, kurzlebige Institutionen kennenlernen, etwa den „Bund unbekannter Schriftsteller“ (1933) oder den „Verein akademisch gebildeter Schriftsteller und Dichter in Wien“ (1937–1939).

Schließlich wertet Baur das im „Dritten Reich“ besonders beliebte Publikationsformat der Anthologie aus. Die Florilegien dienten der Propaganda und Legitimation und demonstrierten den neuen Kanon, waren daher von stereotyper Einheitlichkeit: 1933 kam es zu einer Anhäufung von „Machtergreifungsanthologien“ (vgl. 274), 1938 zu „Anschluss-Anthologien“. Baur hat aus den Hunderten eingesehen Büchern 239 in seinen Band aufgenommen, von „Aus reinem Quell“ bis „Zur guten Stunde“. Er stellt auch ein Ranking der österreichischen Beiträgerinnen und Beiträger zur Verfügung: bei den Anthologien von 1938 bis 1945 führt, wenig überraschend, Josef Weinheber mit Abstand (48 Beiträge).

In seiner Detailgenauigkeit und Umfänglichkeit, mit seiner Transparenz der Quellen ist auch der fünfte Band der Reihe „Literatur in Österreich 1938–1945“ eine von nun an unverzichtbare Quelle für Literaturhistoriker*innen und Literatursoziolog*innen.

Wolfgang Straub (08.11.2021)

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