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Brigitta Schmidt-Lauber / Manuel Liebig (Hrsg.): Begriffe der Gegenwart.

Ein kulturwissenschaftliches Glossar, Wien/Köln: Böhlau Verlag, 2022. 312 Seiten; geb.; EUR (A) 31.00; ISBN 978-3-205-21272-0

„Sprache stellt Welt hier“ – so beginnt dieses Buch, das sich vorgenommen hat, die Wirkmächtigkeit von Wörtern und Begriffen in unserem Alltag in Form eines alphabetisch aufgebauten Glossars zu untersuchen. Es geht also, so Mitherausgeberin Brigitta Schmidt-Lauber, um die Analyse von Praxiskategorien und -konzepten „im gesellschaftlichen und politischen Diskurs der Gegenwart“ (S. 11) – anvisiert wird der deutschsprachige Kontext und die deutsche Sprache, die (man denke nur an race/Rasse) andere Konnotationsfelder aufruft als etwa das Englische –, wobei vor allem „ausgewählte Begriffe zur Thematisierung gesellschaftlicher Fremd- und Selbstverständigung“ in den Blick genommen werden (S. 11). Zur Verdeutlichung seien diese gleich genannt: Angst, Asyl, Brauch, Demokratie, Deutsch, Einheimisch, Ethnisch, Europa, Fluchthilfe, Flüchtling, Gemeinschaft, Geschlecht/Gender, Globalisierung, Heimat, Identität, Integration, Islam, Kultur, Kulturelles Erbe, Migration, Migrationshintergrund, Moderne, Nationalstaat, Populismus, Rassismus, Sicherheit, Tradition, Verwandtschaft, Volk, Volkskultur, Werte, Willkommenskultur – 32 kurze Beiträge zu Begriffen und Konzepten aus der Feder von 36 Autor*innen „aus der Perspektive der Europäischen Ethnologie bzw. der Empirischen Kulturwissenschaft“, aber auch „aus der Ethnologie bzw. Kultur- und Sozialanthropologie – der ehemaligen 'Völkerkunde' –, der Geschichtswissenschaft, der Politikwissenschaft, Soziologie oder Philosophie“ (S. 15).

Kritik an der Auswahl von Lemmata in einem Handbuch, einem Glossar oder einem Lexikon hat immer etwas Wohlfeiles an sich, dies noch mehr dann, wenn der Band so wunderbar gelungen ist wie der vorliegende und die Beiträge durchwegs lesenswert und belesen, informativ, differenziert und ausgewogen sind. Einige Lemmata wie Gesellschaft, Politik, Postmoderne oder Kapitalismus vermisst man aber doch ein wenig, zumal diese Begriffe gerade angesichts von Debatten um Klimawandel, Artensterben oder Pandemien – und wie man dagegen vorgehen könne – eine zentrale Rolle in gesellschaftspolitischen Debatten spielen. Dies den Herausgeber*innen zum Vorwurf zu machen, wäre aber völlig verkehrt, zumal auch der Platz in einem Buch immer begrenzt ist.

Die Autor*innen zeigen jeweils auf, wie Sprache wertet, wie sie sich verändert und wie sie in gesellschaftspolitischen Debatten eingesetzt wird. Zielpublikum des Bandes ist dabei aber nicht, so Schmidt-Lauber, die akademische Peergroup, sondern „Interessierte jenseits der engeren akademischen Grenzen, um Bedeutungsdimensionen selbstverständlichen Vokabulars aufzuzeigen“. Gedacht ist „an ein breites Publikum, an Multiplikator*innen wie Journalist*innen oder Lehrer*innen, an Wissbegierige, die sich eine eigene Meinung bilden wollen wie Schüler*innen und Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen, sowie allgemein an politisch, sozial und kulturell interessierte Leser*innen, die den gesellschaftlichen Wortgebrauch reflektieren und ihr Begriffsverständnis schärfen wollen“ (S. 12). (Vielen Beiträger*innen gelingt die Anpassung an die Zielgruppe auch, einige andere bleiben dem akademischen Sprachgebrauch allerdings ein wenig zu stark verhaftet.) „Das Glossar möchte sensibilisieren, genau hinzuschauen, wie Begriffe wann und von wem verwendet werden und was sie transportieren, und so zu einem differenzierten, historisch versierten Umgang mit Worten anzuregen. Denn die Bedeutung eines Begriffs ergibt sich weniger aus einer vermeintlich verbindlichen Definition als aus seinem Gebrauch.“ (S. 16)

Wissenschaften sind, so Mitherausgeber Manuel Liebig, bei solchen Unternehmungen nicht neutral – und generell sei jede Wissensproduktion politisch und gestalte gesellschaftliche Verhältnisse mit, auch wenn man sich dessen nicht bewusst sein mag –, bilden doch „die von der Wissenschaft aufgebrachten und in Texten verhandelten Kategorien, Themensetzungen und Begriffe eine sprachliche Grundlage zur Fassung gesellschaftlicher Phänomene“ (S. 17). Diese Tatsache sowie die den Band leitende Vorstellung, dass Sprache Wirklichkeit herstellt, verpflichte Wissenschaftler*innen, ihre Verantwortung ernst zu nehmen und ihre eigene Tätigkeit als Gestaltung gesellschaftlicher Zustände und Praktiken zu verstehen. Dies bedeute in den von Liebig zitierten Worten von Jenny Illing und Ingo Schneider, „dass wir uns nicht mit den Gegebenheiten abfinden und diese lediglich analysieren, sondern an einer Verbesserung der Verhältnisse zu arbeiten bereit sein müssen“ (S. 18). Es gelte also, gezielt „in gesellschaftliche Diskurse“ einzugreifen (S. 20). Wenn man diesen Anspruch teilt, klingt allerdings die Klage darüber – hier bezieht sich Liebig auf einen Text von Timo Heimerdinger und Marion Näser-Lather –, dass zunehmend „von Universitäten eine Begründung ihrer Aktivitäten gegenüber der Gesellschaft gefordert werde“ (S. 19), ein wenig widersprüchlich.

Die Lemmata bewegen sich auf unterschiedlichen Ebenen, von „Grundbegriffen für das soziale und kulturelle Leben“ über „Epochenbezeichnungen“, „wissenschaftliche[n] bzw. politische[n] Kategorien“, „zeittypische[n] Begriffen des öffentlichen Lebens und der wissenschaftlichen Analyse“ bis zu „Konzepte[n] mit besonderer Bedeutungsvielfalt“ (S. 14). Und doch haben sich die Herausgeber*innen entschieden, den Autor*innen im Bewusstsein der damit verbundenen Probleme dieselbe Struktur vorzugeben, die die Beiträge einteilt in „Kurzdefinition“, „Gesellschaftliche Situation“, „Begriffsgeschichte als Gesellschaftsgeschichte“, „Wissenschaftsgeschichte(n)“ und „Ausblick“. Die Entscheidung erweist sich auch als richtig, denn sie erlaubt nicht nur Kohärenz und Vergleichbarkeit zwischen den Begriffen/Konzepten, sondern auch die wichtige Differenzierung in Praxiskategorien des gesellschaftlichen und politischen Diskurses und wissenschaftliche Analysekategorien. Gerade durch diese Einheitlichkeit wird klar, dass „Gesellschaftsgeschichte“ (Praxiskategorie) und „Wissenschaftsgeschichte(n)“ (Analysekategorie) in einem spannungsreichen und ambivalenten sowie jeweils ganz unterschiedlichen Verhältnis zueinanderstehen.

Einige wahllos herausgegriffene Beispiele für diese Spannung: Ist Brauch ein weit verbreiteter Begriff des gesellschaftlichen Diskurses, so gilt er im „akademischen Bereich […] nicht nur als veraltet und unwissenschaftlich, sondern als missbraucht, als anrüchig“ (S. 45). (Das Problem mit dem Begriff Ritual zu lösen, zieht aber neue Probleme nach sich; vgl. S. 46.) Bei Demokratie verhält es sich anders: „Der Begriff ist fast zur universellen Norm geworden, um dessen Deutungshoheit Wissenschaftler*innen sowie politische Akteur*innen konkurrieren.“ (S. 54) Bei wiederum anderen, etwa bei Deutsch, kann die „wissenschaftliche Fachgeschichte […] großenteils in Korrelation“ zur „allgemeinen Entwicklung gesehen werden“ (S. 60). Und noch einmal anders gestaltet sich die Situation, wenn es Widersprüche und Ambivalenzen innerhalb der wissenschaftlichen und/oder der gesellschaftlichen Begriffsverwendung gibt: So changiert Ethnisch (und dies sowohl in wissenschaftlichen wie in gesellschaftlichen Diskursen) zwischen negativen (Stichworte: soziale Ausgrenzung, Islamophobie etc.) und positiven Konnotationen (Stichworte: Diversität, Vielfalt etc.) (vgl. S. 74f.), bei Migrationshintergrund (S. 195-203) ist es sogar noch widersprüchlicher und komplizierter, weil der Begriff nicht nur als rhetorischer Kampfbegriff im Alltag fungieren kann, sondern weil auch staatliche Behörden, die in den Nationalstaaten der Europäischen Union unterschiedliche Regelungen entwickeln, an den Definitionen und damit an juristischen, sozialen und ökonomischen Konsequenzen in vielfältiger Weise mitwirken.

Es gibt auch Begriffe, die im Laufe ihrer Entwicklung als wissenschaftliche Kategorie ihren Status ändern: So war Identität vor 2000 „als analytisches Konzept forschungsleitend“, „in den vergangenen zwei Jahrzehnten“ hingegen wurde der Begriff „eher als beschreibender Begriff für empirisch vorfindbare Identitätspolitiken verwendet“ (S. 147). Das Konzept (Immaterielles) Kulturelles Erbe wiederum ist im öffentlichen Sprachgebrauch sowie innerhalb der UNESCO nahezu ungebrochen essentialistisch verwendet und positiv konnotiert, die Wissenschaften hingegen sehen den Begriff aus sozialkonstruktivistischer Perspektive und zeigen die vielfältigen Problemen mit ihm auf, die von Kontrollsehnsüchten autoritärer Staaten (S. 183) bis zur Verfestigung von (gesamtgesellschaftlich vielleicht auch unliebsamen) Traditionen reichen kann (S. 184). Bei Populismus ist eine „Trennung zwischen Begriffsgeschichte als Gesellschaftsgeschichte einerseits sowie Wissenschaftsgeschichte(n) andererseits […] besonders schwierig, da der Begriff stark durch sozialwissenschaftliche Gesellschaftsbeobachtungen geprägt wurde“ (S. 225). Und Volk kann man, wie andere Begriffe im Glossar auch, als „Ordnungsbegriff […] verstehen, der […] die Wissensordnungen des bezeichnenden Phänomens miterzeugt“ (S. 271). Gerade der Volksbegriff ist als „Subjekt wie […] Objekt demokratischer Politik […] schillernd“. „Er ist Metapher, Imagination und Phantasma“ gleichermaßen (S. 276), was den Begriff wie das Phänomen – und der entsprechende Beitrag zeigt dies deutlich auf – geradezu zu einem Musterbeispiel für das macht, was auch alle anderen Begriffe in diesem Glossar auszeichnet: Begriffliche Konzepte stellen in einem ungemein komplexen und widersprüchlichen Prozess Wirklichkeiten her und werden ihrerseits durch diskursive und nicht-diskursive Praktiken in sozialen Zusammenhängen (unter anderem der Wissenschaft) erst erzeugt.

Der Rezensent möchte den Band ohne Einschränkungen aufs Wärmste allen anempfehlen, die sich für die Zusammenhänge zwischen Sprache und Welt interessieren. Erbsenzählend, wie er ist, hätte er ja gerne irgendetwas gefunden, was er monieren könnte. Aber mit der Ausnahme eines Tippfehlers ist es ihm nicht gelungen.

Martin Sexl (Januar 2022)

 

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