logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   
Facebook Literaturhaus Wien Instagram Literaturhaus Wien

FÖRDERGEBER

Bundeskanzleramt

Wien Kultur

PARTNER/INNEN

Netzwerk Literaturhaeuser

mitSprache

arte Kulturpartner

traduki

Incentives

Bindewerk

kopfgrafik mitte

Ursula Knoll: Lektionen in dunkler Materie

Roman.
Wien: Edition Atelier 2022.
248 Seiten, geb.; 22 Euro.
ISBN: 978-3-99065-068-4.

Ursula Knoll

Leseprobe

Fünf Frauen packt die Wut. Ursula Knoll hat ihnen dafür eine gelungene literarische Form gegeben. Dabei ist der Roman "Lektionen in dunkler Materie" von einer Gegenwärtigkeit, die sich – das lässt sich recht gefahrlos behaupten – als haltbar erweisen wird.

Die fünf Frauen könnten kaum unterschiedlicher sein, ebenso wie die jeweiligen Gründe und Ursachen für ihre Wut, und sogar der jewilige Zeitpunkt, an dem sie sich im Roman ihren Weg brechen wird. Und trotzdem ist in diesem Roman auf faszinierende Weise alles miteinander verknüpft und verbunden. Die Wuthandlung entsteht aus diesem Beziehungsgefüge und wirkt wieder darauf zurück. Bei Knoll wird die Wut fallweise zum Katalysator, indem bestehendem Unrecht zumindest der Kampf angesagt wird, auch wenn es sich dadurch nicht gleich besiegen lässt. Mit dumpfer Wutbürgerei hat das alles jedenfalls nichts zu tun.

Es finden sich naheliegende Charaktere, wie die Aktivistin Milka, die gegen die Arbeitsbedingungen der Erntearbeiter*innen kämpft, oder Eszter, die per ausgeklügeltem Internethandel betrügerische Konzerne zur Strecke bringen will. Oder es sind einfach nur die Öffnungszeiten des Kindergartens, die letztlich das Fass zum Überlaufen bringen, wie im Falle von Heide. Etwas weniger auf den ersten Blick nachvollziehbare Trägerinnen des gerechten Zorns sind die Sachbearbeiterin am Bundesamt für Fremdenwesen und die Astronautin Katalin, aber gerade sie geraten zu Glücksfällen für die Wandlungen und Überraschungen des Romans.

Dabei bedient sich der Roman häufiger Perspektivenwechsel: Dialogreiche Passagen weichen der zurückgenommenen Darstellung von Familienhistorie, auktoriale Teile stehen neben direkter Figurensicht, die sogar – und dies ist die große Ausnahme in einem sonst konsequent auf die Sicht von Frauen festgelegten Werk – von einem Buben im Kindergartenalter stammen kann. Bei all dem meidet Knoll die Metapher wie der Teufel das Weihwasser (also genau das jetzt macht sie nicht). Sie gibt der gesprochenen Sprache vor jeder lyrischen Versuchung auf jeden Fall den Vortritt. Vielen Dank zum Beispiel für das schöne Wort "nachdackeln". Bei allem Vergnügen wäre dem Text trotzdem an manchen Stellen ein strikteres Lektorat zu wünschen gewesen. Nicht immer wird das Potential voll ausgeschöpft. Doch die Probleme, denen sich der Roman stellt, sind zu brennend, um ihn auf Grund der einen oder anderen unfertigen Formulierung einfach wieder zurück ins Regal zu stellen.

Seien es der bürokratische oder alltägliche Rassismus, der kaum mehr überzeichnet werden kann und nicht trotzdem noch Realität abbildet, oder die häufig als langweilig abgetane und dennoch zentrale Frage, wo denn das Geld ist, "Lektionen in dunkler Materie" scheut nicht den Gang dorthin, wo Literatur von einigen Stimmen mittlerweile schon abgeraten wird, hinzugehen. Da ist es auch kein Wunder, wenn die Figuren im Roman alle in der einen oder anderen Weise genervt sind. Hat eins noch Gefühle, geht das heute wohl kaum mehr anders.

Knoll legt eine Literatur vor, die durchaus das Etikett 'engagiert' verdient, umso mehr, als sie auch die Möglichkeit des Scheiterns integriert. Der Akt, der aus der Wut geboren wird, kann zerstörerisch oder zukunftweisend sein, einfach egal ist er auf keinen Fall.

Holger Englerth, 08. 03. 2022

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser/innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Exil gestern und heute. Forschung, Literatur und die blinden Flecken

Mo, 28.11.2022, 19.00 Uhr Podiumsdiskussion Was verbindet, was trennt die historische und die...

Nahaufnahme – Österreichische Autor:innen im Gespräch: Lisa Spalt

Di, 29.11.2022, 19.00 Uhr Lesung & Gespräch Die Reihe Nahaufnahme widmet sich dem Schreiben...

Ausstellung
"Ah! THOMAS BERNHARD. Den kenn ich. – Schreibt der jetzt für Sie?"
Nicolas Mahler zeichnet Artmann, Bernhard, Jelinek, Musil & Joyce

17.09. bis 14.12.2022 Er ist der erste, der im renommierten deutschen Literaturverlag Suhrkamp...

Tipp
OUT NOW : flugschrift Nr. 41 Chris Zintzen : Zen, Riverrun, usw.

flugschrift #41 des Autors/Literaturwissenschafters Chris Zintzen spricht über das, was wir auf der...

INCENTIVES - AUSTRIAN LITERATURE IN TRANSLATION

Buchtipps zu Kaska Bryla, Doron Rabinovici und Sabine Scholl auf Deutsch, Englisch, Französisch,...