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Peter Henisch: Pepi Prohaska Prophet.

Roman.
St. Pölten, Salzburg: Residenz, 2006.
398 S., geb., Eur 21,90.
ISBN 3-7010-1452-5.

Link zur Leseprobe

Propheten kommen nie so recht aus der Mode. Auch in der Literatur nicht. Da hat bei Paul Auster einer "out of the blue" eine Berufungserfahrung, weigert sich den Auftrag anzunehmen, nennt sich schließlich Willy G. Christmas und macht sich mit seinem Hund Mr. Bone auf die Suche nach Timbuktu. In Franzobels "Wir wollen den Messias jetzt" begegnen uns Schelt- und Drohreden, dass daneben jede Jeremiade verblasst. Propheten sind Außenseiter der Macht, die auf das aufmerksam machen, was die Mächtigen übersehen wollen: Ungerechtigkeit, Lieblosigkeit, Sinnleere.

Peter Henisch hat von seinem Erstling "Baronkarl" (1972) über den "Schwarzen Peter" bis zur "Schwangeren Madonna" immer schon eine besondere Vorliebe für Protagonisten, die am Rande stehen und gleichzeitig das gesellschaftlich Ganze ins Bild setzen. Das Geschichtsbuch muss erst geschrieben werden, das wie die Romane des Wieners eine Historie der Zweiten Republik facettenreich und genau nachzeichnet, vor allem aber das Vergangene lebendig werden lässt. Geschichte erfahrbar und damit verständlich zu machen gelingt Peter Henisch nicht nur mit dem großen Republik-Roman "Schwarzer Peter", sondern ebenso mit dem 1986 erstmals erschienenen "Pepi Prohaska Prophet", der jetzt in einer überarbeiteten und um einen Anhang ergänzten Fassung neu vorliegt.

Gut drei Jahrzehnte österreichischer Geschichte spiegeln sich im Leben von Pepi Prohaska. Sein Freund Engelbert, gescheiterter Ehemann, Lehrer und wenig erfolgreicher Schriftsteller, rekonstruiert aus eigenen Aufzeichnungen und den in einem zurückgelassenen Koffer enthaltenen Schriften Prohaskas dessen Leben von seinem Eintritt in die Volksschule im Herbst 1950 bis zu jenem Besuch des Papstes Johannes Paul II. in Wien, bei dem der Prophet geheimnisvoll verschwindet. Wie wenige beherrscht Henisch das Metier biographischen Erzählens. Da wird nicht nur souverän eine Geschichte gesponnen, da werden Manifeste wie die "Widerlegung der Bergpredigt" und der "Versuch über Österreich" vorgestellt und gleichzeitig bewundert sowie eifersüchtig kritisiert, da gibt es einen köstlich pseudophilosophischen (-theologischen) Briefverkehr pubertierender Buben, eine Faust-Parodie und überall Witz.

Kleinbürgerliches Elternhaus, Schulen, die nicht einmal das Wort "Weltoffenheit" kennen, gescheiterte Beziehungen, Variationen des 68er-Mythos von freier Liebe bis zum politischen Protest bestimmen die Lebensläufe der beiden Protagonisten. Tatsächlich haben wir das Buch einer Generation, der 68er, in Händen. Wogegen es ging, das war das Autoritäre, erinnert sich der Erzähler. Anspielungen auf Zwentendorf, Kreisky und Waluliso geben dem Roman genau wie sprachlicher Duktus und die Wahl der Schauplätze eine unverwechselbar lokale, österreichische Farbe. Aber es geht immer auch um mehr, um Gott und die Welt - ein Thema, das Pepi tatsächlich schon in der Volksschule interessierte. Es wird der "Heilsplan" Gottes mit dieser Welt ebenso ironisch verhandelt wie Blochs "Prinzip Hoffnung" ad absurdum geführt. Was die Unheilsgeschichte dieser Welt aushalten lässt, ist der Abstand, den uns der Humor des Erzählers gewährt. "Pepi Prohaskas Psalmen", im Anhang zusammengestellt, werden ebenso von heiligem Unernst charakterisiert. Es sind wirklich Psalmen: Anklage, Schrei, sogar Preis. Der Ton drängend, ehrlich und verzweifelt heiter: "Gott, jetzt hör zu, / Du gehst uns, verdammt nocheinmal, ab".

Hat im "Schwarzen Peter" die Auseinandersetzung mit der Sprache einen zentralen Platz, wird in "Pepi Prohaska Prophet" der Literaturbetrieb mehrfach zum Thema gemacht. Der Prohaska-Biograph Engelbert ist wie viele österreichische Gegenwartsautoren Writer in Residence in Oberlin/Ohio und besucht mit seinem Freund Pepi die Frankfurter Buchmesse. Was da passiert, sollte man unbedingt durchlesen, wenn man über den Literaturbetrieb schon lange nicht mehr gelacht hat.

Man könnte nostalgisch werden, wenn von Pepi Prohaska berichtet wird, dass er seine Briefe mit der eingängigen Umschreibung für sein Prophetentum als der "Auf die Finger-Klopfer" unterzeichnet. Solch augenzwinkernde Besserwisser könnten wir auch heute gebrauchen und ließen wir uns auch gefallen, schließlich war Prohaska "atypischer Weise ein Prophet, der in seinem Vaterland zur Geltung kam".

 

Helmut Sturm
12. Dezember 2006

Originalbeitrag

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