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Christine Riccabona: Erika Danneberg.

Schriftstellerin – Psychoanalytikerin – Friedensaktivistin.
Innsbruck: Innsbruck University Press 2022;
221 S.; brosch.; EUR (A) 23.90;
ISBN: 978-3-99106-066-6.

Das Leben Erika Dannebergs (1922–2007), deren Name unlängst durch die Ausschreibung eines Essayistik-Preises wieder in Erinnerung gerufen worden ist, war brüchig in seiner Ausrichtung und zugleich doch kontinuierlich in den Bestrebungen und Sehnsüchten. Die biographische Brüchigkeit hatte mehrere Väter: widrige soziale und wirtschaftliche Umstände, die politischen Turbulenzen des 20. Jahrhunderts, auch fehlende Vorbilder und mangelnde Anleitung. Ihr Streben und Sehnen bezog sich zwar beharrlich auf das Schreiben, ebenso aber auf ihr politisches Gewissen: Haltung, Solidarität. Eine Art Generalbass, der all dies unterlegte, bildete ein offenbar ausgeprägtes persönliches Bedürfnis nach Zugehörigkeit.

Dieses Bedürfnis ließ sie wohl, als junge Erwachsene, der „autoritäre[n] väterfigur“ (Zitat Elfriede Gerstl) Hermann Hakel verfallen, es stand expressis verbis hinter der mit diesem Unbequemen verbundenen Konversion zum Judentum und dezidiert auch hinter ihren späten politischen Abenteuern als Mitglied des Bundesvorstands der KPÖ und als Brigadistin des nicaraguanischen Sandinismus. Künstlerischem Egoismus und literarischem Reüssieren war solches Bedürfnis wahrscheinlich eher ab- als zuträglich.

Der Nachlass der Schriftstellerin, Psychotherapeutin und Lehranalytikerin, Politikerin und Friedensaktivistin Erika Danneberg liegt seit 2016 im Brenner-Archiv der Universität Innsbruck. Die Germanistin Christine Riccabona hat den 100. Geburtstag der Autorin zum Anlass eines dokumentarischen Bandes genommen. Es ist der Versuch, anhand der reichen Nachlassmaterialien eine kontextualisierende Biographie zu zeichnen, gegliedert in fünf Kapitel, die in chronologischer Ordnung durch Dannebergs Leben führen. Sie werden – was eine angenehm abwechslungsreiche, auch hübsch gestaltete Zusammenstellung ergibt – von teils nachgedruckten, teils bislang unveröffentlichten Textproben begleitet; nicht durchgehend literarischen, so ist gleich hinzuzufügen.

Was das Schriftstellerische in Dannebergs Leben betrifft, könnte man dieses auf die Formel zu bringen versuchen, dass die äußeren Möglichkeiten dem vorhandenen Potenzial nicht gerecht geworden sind. Der Weg der Autorin ist gezeichnet von Fragment gebliebenen Projekten, Karriereunterbrechungen – zuerst durch das Psychologiestudium, später den Zwang zu Erwerbsarbeit (journalistische Tätigkeiten, Lektoratsarbeit, Übersetzungen) –, Selbstzweifeln, Heimatlosigkeit. Von Hans Weigel wurde sie früh gefördert, im Kreis um ihn ging sie aber nicht auf. Ihre Abneigung gegenüber dem Literaturbetrieb ist vielen ihrer Texte und Stellungnahmen abzulesen.

Die ersten literarischen Schritte setzte Danneberg bemerkenswert früh: Ihr Debütgedicht, das den Verlust Wiens als Heimat beklagt und auch als verklausulierte, hochriskante Systemkritik verstanden werden kann (was zu den späteren Widerstandshandlungen passt), erschien 1942 im Neuen Wiener Tagblatt. Nach dem Krieg folgten weitere Beiträge und Teilnahmen an Lesungen. Frühe Prosatexte und Gedichte, wie sie 2001 in dem Band Manchmal auch Verse … versammelt wurden, zeigen ebenso ein herausragendes Talent wie manche im vorliegenden Buch zitierte Tagebucheintragung. Andreas Okopenko notierte 1950 nach einem Radiobeitrag anerkennend: „Danneberg schreibt kristallklar, das ist das Schöne.“

Die Liebschaft und dann Ehe (1949–1958) mit Hermann Hakel, der den sogenannten Hakelkireis um sich scharte und die Zeitschrift Lynkeus verantwortete, begann als Versprechen eines Sprungbretts und mündete jäh in Selbstaufgabe, Aufopferung, Hilfstätigkeiten aller Art: Sie war für ihn „gleichzeitig Sekretärin, Haushälterin, Gastgeberin, Pflegerin und Präsentationsobjekt in der Öffentlichkeit“ (S. 78f.). Danneberg selbst definiert sich im Rückblick einmal als „mittätige Ehefrau eines Schriftstellers“.

Das Ende ihrer literarischen Laufbahn wurde in jenen Jahren besiegelt: Sie steht damals in teils freundschaftlichem Austausch mit Ingeborg Bachmann, Marlen Haushofer, Christine Busta, Vera Ferra-Mikura, Elfriede Gerstl. Während die Kolleginnen aber dichten, veröffentlichen, sich einen Namen machen, reibt sich Danneberg in dienender Zuarbeit auf und verschwindet „mehr und mehr im Schatten Hakels“ (S. 79). Wie belastend die Situation für sie gewesen sein muss, ist zahlreichen Tagebuchnotizen zu entnehmen, in denen sie sich etwa fragt, wie sinnvoll es eigentlich sein kann, sich auf dem Tagesplan zwischen Haushaltserledigungen, Briefeschreiben und Texteabtippen eine Stunde zum Schreiben einzuteilen …

Bereits Ende der 1950er Jahre erfolgte die Abwendung von der Literatur und berufliche Hinwendung zur Psychoanalyse: das Ende der einen, der Beginn einer zweiten Karriere. Der Bruch war nicht total. Eine femme de lettres blieb Danneberg zeitlebens: Das zeigen nicht nur ihre Tagebücher, eine langjährige Liebes- und (wieder:) Arbeitsbeziehung zu Friedrich Polakovics oder die Beteiligung am Arbeitskreis schreibender Frauen, sondern vor allem auch das von 1988 bis 1991 entstandene autobiographische Buch Wie leistet man Widerstand? und mehrere aus der politischen Aktivität erwachsene Buchveröffentlichungen über Nicaragua. Aus germanistischer Sicht wäre es erfreulich gewesen, den Fokus auch in den letzten beiden Kapiteln, über Psychoanalyse und Dannebergs politisches Engagement, stärker auf diesen Gesichtspunkt zu legen.

Denn Dannebergs tragische Schriftstellerlaufbahn scheint letztlich – mit Blick auf die Machtverteilung im Literaturbetrieb der Nachkriegszeit und die Geschlechterverhältnisse – in erster Linie unter dem Aspekt des Ausgebliebenen, des Verweigerten und des Sichverweigerns, also literatursoziologisch interessant. Was von dieser Schriftstellerin überdauern wird, könnten denn auch, außer dem genannten, umfangreichen Erinnerungsbuch, vor allem wohl ihre kritischen Kommentare zum Literaturbetrieb sein.

1953 etwa klagt sie in den Neuen Wegen: „Was wir gebraucht hätten und leider nur selten von Älteren erfahren haben, das war: die helfende Kritik einiger älterer Autoren, die sowohl von ihrem Handwerk, als auch vom Menschen etwas verstehen“. Und: „Man ließ uns zuviel vor verschlossenen Türen stehen“.

In einer Rezension zur Werkausgabe Hertha Kräftners prangert sie 1977 an, „eine Frühdemolierte“ sei hier von den Herausgebern „in eine Frühvollendete umgelogen“ worden. Der Literaturbetrieb nehme „ein paar Leben, an deren Untergang in Selbstmord oder resignativem Verstummen er mitgewirkt hat, großmütig in Kauf“.

Eine Frühdemolierte, keine Frühvollendete, war auch Danneberg. Literarisch war sie untergegangen. Ein gutes Leben scheint ihr, so entnimmt man dem Rest dieser biographischen Abhandlung, immerhin dennoch geglückt zu sein.

Stefan Winterstein (20.6.2022)

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