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Leseprobe: Margit Hahn - "Totreden"

Als ich am Sonntagmorgen aufwache, ist er schon weg. Auch nicht schlecht. Ich sehe sofort nach, ob er meine Geldbörse gestohlen hat. Nein. Ein Sonntag für mich. Ich werde Zuckerstriezel essen - mit sehr viel Marmelade. Er hat eine Nachricht hinterlassen, es wäre besonders schön mit mir gewesen, er könne sich so gut mit mir unterhalten, er wolle mich unbedingt wiedersehen, er müsse jetzt Sport treiben, ich sei sehr müde gewesen, gestern, ob ich nicht ganz gesund sei, ich solle zum Arzt gehen. Und frühstücken tue er sowieso nicht. Aber ich solle nicht vergessen, was ich gestern von ihm über Zucker erfahren habe und mich daran halten, sonst gäbe es keine gemeinsame Zukunft für uns. Ein Paar müsse gemeinsame Überzeugungen haben. Das sei eine Grundvoraussetzung. Er sei eben ein sehr bewusster Mensch, ein positiv Denkender. Ich müsse noch viel lernen. Alles Liebe, Jan. Ruf mich an!
Die Handschrift gefällt mir, geschwungene, gleichmäßige, runde Buchstaben, gut zu lesen.
Und da steht noch ein Satz: P.S.: In unserem Alter ist Sex nicht mehr so wichtig, nicht wahr?
Für mich schon.
Jeder hat so seine Prinzipien, Vorstellungen und Ideale. Ich muss jetzt einmal lange nachdenken. Über meine Zahnpasta und alles andere. Zuerst einmal frühstücken, im Bett die Zeitung lesen, dann masturbieren, ich habe Zeit, und dann Doris anrufen und ihr in aller Ausführlichkeit von Jan erzählen und sie fragen, was sie von der Sache, von Jan, hält. Doris fällt immer etwas ein, etwas Kluges.
(S. 14)

Ich bin geradlinig. Direkt. Mit mir zufrieden. Mein Lebenswandel ist vorbildhaft. Mit meinem Nachnamen war ich unzufrieden. Ich habe mir ein kleines i dazu-gekauft. Und meinen Namen damit unendlich verbessert. Ich mag Auftritte vor Mitarbeitern, ich brauche mich nicht allzu sehr vorzubereiten, ich kann gut frei reden. Ich halte Predigten. Für viele bin ich der Böse, das ist ein Kompliment für mich. Ich bin eben durchsetzungsstark. Ich dulde keinen Widerspruch. Für mich zählt nur Leistung. Ich finde es schade, wenn die Firma die Gelegenheit nicht nutzt, sich von unsympathischen Mitarbeitern zu trennen. Ich weiß, dass ich ein perfekter Geschäftsführer wäre. Als Geschäftsführer muss man zäh sein und gute Argumente haben. Um Geschäftsführer in dem Familienunternehmen, bei dem ich angestellt bin, zu werden, muss ich warten können, geduldig sein. Ich würde die Firma weiterbringen wie kein anderer. Ich hasse es, wenn Fehler nur daher rühren, weil Mitarbeiter nicht ihr Bestes gegeben haben. Ich erwarte mir präzise, abgestimmte Vorbereitung, perfekte Präsentationen. Ausgearbeitete Konzepte. Prozessorientiertes Denken. Ich gebe mich nicht mit Erreichtem zufrieden. Ist etwas geschafft, brauche ich Neues, um motiviert zu bleiben. Wenn es nichts zu entscheiden gibt, ist mir fad. In meinem Büro eigne ich mir Kartentricks an. Häufig stehe ich am Fenster und übe - ausdauernd und zäh. Ich bin ein Vordenker. Ich bin jung, relativ jung. Ich bin sieben Jahre jünger als der derzeitige Geschäftsführer. Ich bin also die Zukunft, die nächste Generation. Die Eigentümerfamilie wird geprägt von einem Patriarchen, diesen zu bewegen ist nicht einfach. Aber ich bin zuversichtlich. Ich suche das Gespräch mit ihm, so oft es geht. Ich versuche, zufällige Begegnungen herbeizuführen. Daher nennt man den Gang vor seinem Büro die Karl-Lumpi-Allee. Das ist natürlich eine Unverschämtheit. Nicht auszudenken, wenn ich noch Lump heißen würde. Karl-Lump-Allee. Sandra hat es mir erzählt. Sie hat dabei gelacht. Aus Ahnungslosigkeit oder Naivität? Ich habe sie beauftragt, sich umzuhören, was über mich geredet wird. War vielleicht ein Fehler. Ich nützte die Gelegenheit, ihr zu sagen, dass ich sie neulich mit Lisa in der Kantine gesehen habe, ich warnte sie vor Gesprächen mit Lisa und sagte ihr, dass ich das nicht gerne sehe. Sie nahm es unwidersprochen zur Kenntnis. Eine feine Röte zog sich über ihr Gesicht, sie senkte den Blick. Daraus schloss ich, dass ihr Lisa Intimes, Vertrauliches erzählt hatte. Außerdem lügt Lisa, schloss ich meine Anweisung.
Vor ein paar Wochen, oder ist es schon ein paar Monate her, egal, hatte ich ein Verhältnis, oder ein Beinahe-Verhältnis mit Lisa. Sie arbeitet in einer anderen Abteilung, hat langes blondes, glattes Haar, sie wirkt androgyn, sie ist dünn, groß, schmal gebaut, trägt nur helle Hosenanzüge, ist Anfang 20. Ich war sofort fasziniert von ihr. Von ihrer Vitalität, der Glätte ihrer Haut, den schönen weißen, gleichmäßigen Zahnreihen. Sie ist nicht älter als meine Assistentin. Ich habe sie beim Sommerfest der Firma kennen gelernt. Sie war mutig. Sie forderte mich zum Tanz auf. Sie war humorvoll, mir zugewandt und aufgekratzt. Ich habe sie eine Woche später in ein Konzert eingeladen, die Karten habe ich bezahlt, den Namen der Musikgruppe habe ich vergessen. Da ich bei der Einladung nicht wissen konnte, wie der Abend enden würde, entschied ich mich für eine frische, neuere Unterhose.
(S. 124f)

© 2006, Skarabaeus Verlag, Innsbruck.

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