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Anne Marie Pircher: Iris und Pupille

Roman.
Innsbruck: Edition Laurin, 2022.
312 Seiten; geb.; EUR 25,00.
ISBN 978-3-903539-09-9.
(2. Auflage als Taschenbuch)

Anne Marie Pircher

Leseprobe

Warum will die Schnecke ein größeres Haus?, fragt das Kind Maria, die ihre Heimat Südtirol verlassen hat und nun als Au-pair-Mädchen in den USA lebt. Jetzt beantwortet die junge Frau die Fragen von Kindern fremder Eltern, während die eigenen in Maria so manche Leerstelle hinterlassen haben. Eine Kluft, die sich auftut zwischen Eltern und ihren Kindern, spätestens, wenn deren Wünsche und Vorstellungen vom eigenen Leben sich nicht mehr mit jenen von Mutter und Vater decken. »Ich hatte Angst vor einer Zukunft, die meinem Vater gehörte. Ich konnte mir nicht vorstellen, jemals frei von ihm zu sein«, äußert die Ich-Erzählerin Maria ihre Verzagtheit, fehle es ihr, dem »Lichtmädchen«, wie sie von Vater immer genannt wurde, aus eigenem Empfinden »an Mut, an Geld, an Zuversicht, an Können«.

Es ist die Geschichte einer Überwindung, die Anne Maria Pircher in ihrem Roman Iris und Pupille erzählt. Über den Wolken am Himmel über Grönland ist es kalt, »ich schlage die Augen auf und schließe sie wieder«; am Weg nach Amerika, ist es »das Grün seiner Augen«, das Maria an ihren Vater denken lässt, an seine Erwartungen, seine Geste, als Maria von ihren Plänen berichtet, wegzugehen. Die Hand, die ausholt, um einmal mehr jene Hilflosigkeit zu kaschieren, die schließlich zu ihrer eigenen wird, kommt ihr in den Sinn. Zwischen Vater und Tochter spielt sich ein Zittern ab, ein Zerreißen eines Stoffes, das man nur hört, blickt man durch die kleinen Einstichlöcher hindurch, die das Vernähen wunder Stellen oft hinterlassen. Es ist das Geräusch der Latenz, das in Pirchers Roman zutage tritt, auch dann, wenn sie an einigen der hier zahlreich vorhandenen Figuren nur flüchtig vorbeimanövriert, an reisenden Gestalten, die viel schemenhafter – in so mancher Passage auch gewollt-klischeehaft – bleiben, als es vielleicht jemand tun würde, der gekommen ist, um zu bleiben. Auch Maria muss ihren Platz erst finden, um anderen einen solchen in ihrem Leben einzuräumen – das Coming-of-Age-Muster wird deutlich erkennbar, ein Muster, das noch damit beschäftigt ist, seine Grundstruktur herauszubilden. Die Zeitweilig- und Willkürlichkeit von Freundschaften, das eher kurze Andauern von Männerbekanntschaften, Liebesgezwitscher, das wohl von zuckriger Romantik, weniger aber von nachhaltiger Beständigkeit zeugt. Doch die literarische Beschreibung von Marias Beziehungen wirkt authentisch, tritt die Protagonistin ja gerade erst ein in eine Welt der Erwachsenen, wie sie sich nennen, eine Welt, die selbst nicht allzu selten an Festigkeit vermissen lässt. Und auch die Figur einer Schwester schwebt durch den (Nicht-)Ort der Erinnerung: eine vage Vorstellung, eine Verknüpfung mit Kindheitsverortung, eine Unsicherheit, verbunden mit der selbst empfundenen Ungenügsamkeit.

»Ich werde, sagte ich am Ende, dennoch fortgehen. Stunden später hat die Mutter«, die im Garten eine Trauerweide gepflanzt hat, »die schweren Vorhänge zugezogen und sich ins Bett gelegt. Hat sich ein Tuch mit Kölnischwasser auf die Stirn gedrückt und leise gestöhnt«. Auch ihren haltlosen Armen und passiven Zwängen entflieht Maria und stemmt sich gegen die Hilflosigkeit, die man ihr aufoktroyiert hat und aus deren Klammergriff sie sich befreien will.

Bruce Springsteens Promised Land ertönt und mit ihm die Achtziger, das Madonna’sche und Phil Collin’sche Hintergrundrauschen in einem Amerika, dessen High- und Freeways in dieser Zeit lange vor Make America Great Again für die unbegrenzt-großartigen Möglichkeiten stehen, deren dunkel gefärbte Kehrseite Maria begegnet, als der anfängliche L. A.-Venice-Beach-Glitter zu Boden gefallen ist.

Take me home, Country Roads – eine Drastik macht sich bemerkbar: Die Heimat kann erst gefunden werden, wenn man sie zuvor überwunden hat. In dem US-amerikanischen Kinderbuch, in dem die Schnecke nach einem größeren Haus verlangt, verhält es sich am Schluss ähnlich wie in Marias Leben. Mit weniger Gewicht, das auf der Seele lastet, ist die Welt leichter auf den Schultern zu (er)tragen.

Rezension von: Evelyn Bubich, 05. 09. 2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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