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Christian Steinbacher: Scheibenwischer mit Fransen

Sichtvermerke.
Wien: Czernin Verlag, 2022.
240 Seiten; Hardcover; Euro 25,00.
ISBN: 978-3-7076-0776-5.

Christian Steinbacher

"Sichtvermerke" lautet der Untertitel von Christian Steinbachers neuem Band "Scheibenwischer mit Fransen", und er klingt denkbar schwer. Er deutet formale Strenge und einen ihr unterstellten Ernst an, der sich schon vom Deckel her über das Buch zu legen droht. Dem ist aber glücklicherweise nicht so. Es entfaltet sich eher eine hochpräzise geführte Prosa voll subtilem Witz, ein wenig Absurdität und immer wieder durchscheinender Feinfühligkeit. Es bleibt schön fransig.

"Stürze euch nicht ins Geklärte", riefe unser Glasklarspüler dann zu seinen Sternen. Und Klebeband und Zapfen rüsteten sich für ihre Umdeutung als das Ende der Welt. Und schon flöge alles zusammen ab oder kurvte wie wild durch das All. "Alle fest anhalten bitte!"

Die Form, sie wurde schon angesprochen, ist so eigenwillig wie zentral in Steinbachers Werk. Dreiteilig im Themenkomplex der visuellen Wahrnehmung angelegt, entzieht sich das Buch einer klaren Zuordnung: Weder ist von Erzählungen oder gar einem Roman die Rede, die "Sichtvermerke" sind dichte Prosa. Im zweiten Teil, "Jahreszeiten in Schwarzweiß", verselbstständigen sich Bildbeschreibungen als eigener visuell aufgeladener Kosmos, der sich manchmal zu sich selbst wie die eigene Fußnote verhält. Es handelt sich dabei um Überschreibungen, Annäherungen an Bilder und deren visuelle Erfahrung. Dieser, in gewisser Hinsicht der Hauptteil, besteht aus Beschreibungen von bzw. Sichtvermerken zu den Zeichnungen des niederländischen und in Österreich lebenden und arbeitenden Künstlers Miel Delahaij. In die Bildbeschreibungen schleicht sich ein prominentes Feature ein, Raimond Roussels "La Vue" in einer Übertragung des Autors. "La Vue" ist insofern Stargast in den "Scheibenwischern", als Roussel eine nicht geringe Rolle innerhalb einer literarischen Tradition einnimmt, die das Vermögen des (visuellen) Sinns in der Sprache auslotet, war gleichermaßen prägend für Surrealisten, Oulipo oder den Nouveau Roman. Mit "Für den Truthahn ein Turban" geht den "Jahreszeiten" ein Quartett voraus, das in vier kurzen "Verrenkungen" Schablonen des Betrachtens skizziert und befüllt. Geschlossen wird das Buch von einer "Räuberleiter mit Teufelchen", einer sprachlichen Totalentgrenzung, bei der eine bejahende Antwort auf die im Text auftauchende Frage "Verstehst du das alles?" von der Lust an den Assoziationen verhindert wird. Das Gebiet abzustecken, in das Steinbacher sein Werk einschreibt, scheint wichtig. Dort nämlich, wo sich die Sprache aufhält, ist auch die eigentliche Protagonistin des Werks zu finden. Das Buch, das als Absage an jede Form von Erzählung auftritt, bereitet durch seinen Formenreichtum der Sprache einen Boden, auf dem sie sich dem Visuellen nähert und es dabei gleichzeitig nährt.

Auch wir kennen das, wenn Kinder heulen, die besonders genau die Flächen im Malbuch befüllen wollen, und sie verpassen unweigerlich immer wieder die Grenze, so sehr sie sich auch bemühen.

Den "Sichtvermerken" zu Miel Delahaijs Bildern wird ein wichtiger Hinweis im letzten Satz des Nachwortes zur Seite gestellt: Die den "Jahreszeiten in Schwarzweiß" zugrundeliegenden Zeichnungen seien auf der Website des Autors einsehbar. Warum das wichtig ist, liegt in der Struktur von Steinbachers Beschreibungen. Immer wieder verweist er auf und springt zwischen einzelnen von Bildteilen hin und her, die auch jeweils zu dritt auftreten. Die Sprache reibt sich an der visuellen Qualität der Zeichnungen: Was leistet sie gegenüber den Bildern Delahaijs? Steinbachers Sätze ziehen sich teilweise, verschränken sich weitläufig ineinander, was die Präzision zuweilen erhöht, ihnen aber die Unmittelbarkeit nimmt. Sie nähern sich den Bildern an und berühren sie doch nie. Aber das ist auch nicht notwendig. In ihnen liegt eine eigene, fransige Qualität, die das Visuelle innerhalb der auf sich selbst beschränkten Schriftsprache freilegt. Steinbacher knüpft dort an, wo Delahaijs Striche enden und franst aus: Seine Assoziationen sind teilweise wild, staunend, unerwartet frisch und gleichzeitig voll Demut vor der Sprache. Die langen Sätze führen den Blick an unbekannte Orte innerhalb des sprachlichen Sichtfeldes. Sie bewegen sich aus eigener Energie einer Wirklichkeit entgegen, die ihre eigene Plotlosigkeit still zelebriert und dankend annimmt.

Also ich mag’s ja, wenn’s wechselt, wenn sich was bildübergreifend (dieselbe Strichlinienführung und so weiter) hervorheben lässt. Kühlerhaube gleich Rückenlehne, Hutze gleich Lenkrad, Bö gleich Windkanal. Nur, so eng gestellt wie hier ist das alles wohl nicht sehr realistisch. Doch schon erträumt er sich Konvoi und Straße kann die Rollen wechseln wie’s gefällt: "Ich bin ein Krokus, he, ich leuchte!" (Und darauf fliegt sogar der Schal.)

Wer mit den Bewegungen von Steinbachers Sprache Schwierigkeiten hat, wird sich mit weiten Teilen von "Scheibenwischer mit Fransen" schwer tun: Aus der Sprache allein gewinnt dieser Text seine Energie. Aber der Rhythmus wird nicht nur vom Autor selbst vorgegeben. In der Fußnote, in der sich die Übertragung von "La Vue" entspinnt, ein zentraler Text von Roussel, der, als lyrisch bemessene Erzählung, im Text ein unerwarteter, wenn auch erfreulicher Einschub ist, bedient Roussel neue Bildfelder, bringt neue Rhythmen in Steinbachers vertrackten und verspielten Kosmos. Die Übertragung gelingt irgendwo in der Nähe von Roussels ursprünglicher Fassung von 1904: Steinbacher drängt ihm die eigene Tonalität nicht auf, hievt den Text nicht in die Gegenwart, was Roussel einen eigenen, in der Fußnote abgeschlossenen Platz zugesteht und ein weiterer Beleg ist für die schönen, unterschiedlichen Formen, die der Sprache hier in fein bemessenen Gebieten große Räume öffnen. Beiden gemein ist ein analytischer, erfassender Blick, der auch die Bewegungen innerhalb des Blickfeldes als Sich-zu-Eigen-machen begreift: Links und Rechts, zum Beispiel, sind wichtige Begriffe ihrer Navigation durch ihre Bilder und Sichtfelder.

Ein Paar besaitet zart in seinem frischen Glück, / Und voll von Illusionen noch, gehalten auf / Wind etwas weiter links es für den Ausverkauf / Des Bogens vor dem Pinsel, der es malen will: / Den Mann mit einem wie gestochenen Profil, / Das weithin glattrasiert sich zeigt, er ist Poseur, / Und als ein solcher er verbreitet das Odeur / Eines Akteurs, der auf der Bühne leichthin nennt / Für Liebe wie für Hass im richtigen Akzent

Diese Koexistenz unterschiedlicher Medien, Tonalitäten, Sprachformen ist die Auszeichnung dieses Buchs. Als ob Steinbacher nicht nur als Autor agierte, sondern auch als jemand, der innerhalb der Sprache respektvoll zusammenführt, was zusammengehört oder passen könnte. Es herrscht ein Bewusstsein in diesem Buch für parallel existierende Räume, der Autor eignet sich nicht an, sondern reiht die eigene Sprache ein ohne zu schmeicheln. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer Reihe spektakulärer Bilder belohnt, die der Wirklichkeit verbunden und doch herrlich fern scheinen.

Rezension von: Julius Handl, 02. 11. 2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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