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Stefanie Holzer: Gumping. Eine Chronik.

Wien: Deuticke, 1994 (2004).
160 S.; geb.; Eur 14,90.
ISBN 3-216-30063-3.

Link zur Leseprobe

Orte namens Gumping gibt es in mehreren österreichischen Bundesländern. Einer davon ist in Oberösterreich, wo die heute in Innsbruck lebende Schriftstellerin Stefanie Holzer ihre Kindheit verbrachte. Dass sie über natürlich erworbene Kenntnisse der Region verfügt, ist daher wahrscheinlich.
Holzers Dorfchronik, die erstmals 1994 erschienen ist und nach genau zehn Jahren neu aufgelegt wurde, könnte zum Teil auf Recherche beruhen, denn die Figuren und Geschichten wirken nicht erfunden, sondern sehr lebendig.
Ob dieses Buch als realistisches Porträt eines der wirklichen Gumpings anzusehen ist, kann von Ortsunkundigen nicht seriös erörtert werden und ist auch nur für die Bewohner von Interesse. Gumping dient hier vor allem als Beispiel für das "Leben am Land" und dieses wiederum steht für die Mühsal, Vergeblichkeit und doch immer auch Ertragbarkeit der menschlichen Existenz.

Die Autorin beginnt ihr Buch in der Vogelperspektive, indem sie sich dem Dorf als Gesamterscheinung zunächst von außen nähert, um dann ausgewählte Ziele direkt anzusteuern und in Augenschein zu nehmen. Nach allgemeinen Auskünften zur geografischen Lage, Geschichte und Architektur des Dorfes und ein wenig Einwohnerstatistik wendet sie sich einer Reihe von Familiengeschichten zu. Jede Chronik schöpft aus einer endlosen Flut von Ereignissen und ist mit dem Problem der Auswahl konfrontiert. Holzer entschied sich für eine Struktur der Assoziation und zeigt dabei immer wieder auch die Grenzen des Erzählens und der Information auf - allein schon, weil jede Lebensgeschichte immer mit unzähligen anderen verknüpft ist und sich deshalb permanent neue Stoffe und Handlungsstränge auftun.
Die Chronistin legt sich zudem auf drei Familien fest, die sie stellvertretend vorführt. Alle drei stammen aus sogenannt "einfachen Verhältnissen" und demonstrieren unter anderem die Schwierigkeiten einer post-bäuerlichen Lebenswelt. Die Zwänge der Tradition lassen bekanntlich nach, auch am Land, das führt jedoch ebenso wenig automatisch zu Glück, Erfolg und Selbstverwirklichung wie das Leben innerhalb der alten Regeln. Hinzu kommen Gefahren, die sich weitgehend der persönlichen Kontrolle entziehen, wie Krankheit oder Wirtschaftskrisen. Vieles von dem, was den Charakteren zustößt, ist eigentlich nicht lustig - wird aber mit der Intention präsentiert, die Leser mögen ihren Humor nicht verlieren.

Denn egal, ob es um erfreuliche, tragische, skurrile oder witzige Ereignisse geht, die Erzählung bleibt von sachlicher Distanz geprägt. Die Charaktere werden wie Exponate im Dienst der Wissenschaft aus- und bloßgestellt, einschließlich ihrer Handlungen, Ansichten und ihres Sprachgebrauchs (Dialekt und Umgangssprache.)
Eines der Grundprinzipien dieser Prosa ist die Ironie, mit der sich die Autorin zugleich ein Sicherheitsnetz einhängt. Die Mittelbarkeit des Erzählens ist durch die ironische Pointierung und Hinweise auf eine Ich-Erzählerin zwar äußerst präsent, zugleich allerdings schließt der spöttische Unterton eindeutige Stellungnahmen aus. Jede Interpretation ist möglich.
Ein zweites Grundprinzip ist die mündliche (und in ihrer Kreativität eigentlich hochliterarische) Kommunikationsform des Tratsches. Vermutungen, Vorurteile und Gerüchte treiben das Erzählen voran und stehen klarerweise oft in Kontrast zum "wirklichen" Geschehen.

Der Umgang mit Klischees ist in diesem Buch daher komplex: Einerseits nämlich sind stereotype Meinungen und Formulierungen im Tratsch essentiell und somit Gegenstand der Darstellung; nicht auszuschließen ist ferner die Möglichkeit, dass Klischees sich bewahrheiten und auf diese Weise ebenfalls zum Erzählgegenstand werden. Andererseits jedoch sind auch die Literaten des kühlen Blicks - eine Tradition, die sich den Normierungen von Empathie, Parteilichkeit und Sinnstiftung verweigern will - nicht vor inflationären rhetorischen Kunstgriffen gefeit.
Stereotyp - und illusorisch - ist auch der in diesem Buch mitschwingende Wunsch der "fortschrittlichen Stadtbevölkerung", das Land möge sich für die einen als idyllisches Museum erhalten und für die anderen eine ewig schaurige Atmosphäre dumpfer Rückständigkeit abgegeben; die einen könnten bei gelegentlichen Landpartien dann ihr Bedürfnis nach rustikaler Überlieferung ausleben und die anderen sich gerettet fühlen.

Christine Rigler
3. Jänner 2005

Originalbeitrag

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