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Lina Hofstädter: Hungrige Tage.

Wien: Milena Verlag, 2002.
379 S., EUR 19.90.
ISBN 3-85286-105-5.

Link zur Leseprobe

Marion, genannt Molly, versucht ihrer Fresssucht auf den Grund zu kommen. Verschiedene Versuche an Gewicht zu verlieren waren bislang zwecklos. Ein neuer Ansatz ist jetzt eine Psychotherapie, die nicht nur die Symptome behandelt, sondern die Ursache finden will. Die erste Aufgabe, die Marion in der Therapie gestellt wird, ist den Beginn der unbändigen Lust am Essen zu finden. Marion, 1952 geboren, ist eine typische Frau ihrer Zeit. Aufgewachsen ist sie als Halbwaise bei einer sprachlosen und frustrierten Mutter, die den Lebensunterhalt mit Bügeln und Putzen verdient und dem Kind weitere Schulbildung verweigert, denn ein Mädchen braucht das nicht. Marions späterer Freundeskreis besteht aus linksintellektuellen Studenten, die sich zur Revolution berufen fühlen. Es sind die 70er Jahre, die Zeit des Aufbegehrens gegen Althergebrachtes, die Elterngeneration und die kapitalistische Gesellschaft insgesamt. Marion selbst ist interessiert, doch nicht wirklich überzeugt, dass die linksradikale Politik der Studenten der richtige Weg ist. Aus echter Überzeugung allerdings resultiert ihre Revolte gegen die Mutter und schon deshalb schließt sie sich den Studenten an.

Jahrzehnte später, 1989, nimmt sie sich ihre alten Tagebücher vor und lässt die Vergangenheit Revue passieren. Wird sie den auslösenden Faktor für ihre Fresssucht hier finden? Stück für Stück fallen ihr wieder Dinge ein, die sie nicht notiert hatte und Stück für Stück erkennt sie, dass sie benutzt und ausgenutzt wurde, findet aber auch eine Erklärung für die harte Mutter, mit der sie in ewigem Kampf gelegen hatte. Sie erkennt traumatische Erlebnisse, so tief verdrängt, dass sie deren Existenz nicht einmal ahnte.
Allerdings reicht das Erkennen nicht aus und Marion muss auch 20 Jahre später wieder feststellen, wie man versucht sie auszunutzen. Glücklicherweise wird es ihr rechtzeitig klar und sie kann das Schlimmste verhindern.
Zeitgleich mit dem Wühlen Marions in ihrer Vergangenheit erlebt Deutschland seine politische Wende. Und so wie die Mauer fällt, die die BRD und die DDR voneinander trennt, so fällt auch die Mauer in Marions Gefühlswelt. Nur so kann sie bereit sein, ein neues Leben zu beginnen, ein freies und selbstbestimmtes Leben. Die politischen Begleitumstände sowohl der 70er Jahre als auch 1989 sind im Roman symbolisch zu verstehen und machen ihn nicht zu einem historischen Zeitbild. Doch als Symbole taugen beide Zeitabschnitte, denn Marion befindet sich an einem Wendepunkt ihres Lebens und muss sich neu orientieren.

Lina Hofstädter hat einen Frauenroman geschrieben. Bei diesem Begriff regt sich bei dem einen oder anderen wahrscheinlich der Widerspruch. Doch der Begriff "Frauenroman" ist hier in positivem Sinn und ganz wörtlich zu verstehen. Es ist ein Roman über die Gefühlswelt und das Erleben einer Frau, dargestellt aus ihrer eigenen Perspektive. Der negative Beigeschmack des Wortes "Frauenroman" verliert sich, wenn man Unterscheidungen trifft. Für Hofstädters Roman sind weder die Kategorien der Romane aus der Zeit der Frauenbewegung noch die heutigen Erzeugnisse à la Hera Lind anzusetzen. Für erstere waren Frauen schlicht und einfach die besseren Menschen und so tauchten Männer nur negativ besetzt oder gar nicht auf. In den letzten Jahren verkauften sich dann die immer gleich anmutenden Romane der letzteren Kategorie, in denen Frau sich mit Beziehungs- und Erziehungsproblemen herumschlägt, die jedoch mit der Realität herzlich wenig zu tun haben. Nein, Hofstädter hat einen Frauenroman im besten Sinn geschrieben, der glaubhaft aus dem Leben ihrer Protagonistin berichtet und zudem noch gut lesbar ist!

Wir Frauen wissen, wie es ist, mit sich selbst im Clinch zu liegen, wie schwer es fällt, die eigenen Gefühle kennenzulernen und zu akzeptieren und noch schwerer, sie auch ins tägliche Leben zu transportieren. Wer dies einmal nachempfinden will, wer wissen will, wie schnell wir uns täuschen lassen, wie wir immer wieder nach Harmonie und Romantik suchen, wie wir Ungutes in uns hineinfressen, dem sei - ob Mann oder Frau - dieser Roman empfohlen.

 

Eva Magin-Pelich
13. Jänner 2003

Originalbeitrag

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