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Friedrich Hahn : Neuherz. Erzählungen.

Weitra: Bibliothek der Provinz, 2002.
78 S., geb.,
ISBN 3-85252-416-4.

Link zur Leseprobe

Die vier Erzählungen in "Neuherz" haben vor allem eines gemeinsam: Sie stehen da, als seien sie angetreten, mit einem leise zähneknirschenden Lächeln eine Antwort auf die Amelie-Poulin-Hysterie zu formulieren, die vor nicht allzulanger Zeit unter sentimentalem Säuseln durchs Land fegte (Der Kinofilm "Die wunderbare Welt der Amelie"). Friedrich Hahn erzählt hier von sehr verschiedenen, auf sehr verschiedene Weisen von Grund auf unmöglichen Beziehungen, und von ebenso verschiedenen, nämlich auf verschiedene Weisen von Grund auf verkorksten Protagonisten. Er tut das in einem ansatzweise heiteren Tonfall, ohne die erwähnten Verkorkstheiten seiner Figuren als billige Slapstick-Steinbrüche zu mißbrauchen, und auch ohne die jeweilige Geschichte weniger ernst zu nehmen, als sie ihren Trägern ist.

Warum dann "Antwort auf die Amelie-Poulin-Hysterie?", mag der Leser stutzen, ist doch auch die Amelie wunderbar verkorkst und wird dennoch von ihrem Regisseur ernst genommen. Nun: "Neuherz" hat einen heiteren Tonfall, ist aber ein Buch, das einen traurig zurückläßt. Nicht "in sentimentaler Verklärung befangen", sondern "traurig". Die Abrundung der Geschichten durch ein Happy-End wird uns sowieso verweigert, und in zwei Fällen auch die Abrundung durch ein Ende, dem die Figuren irgendeinen Sinn abgewinnen können. Die Erzählung als Form, die vor allem von der Entwicklung des Individuums redet, suspendiert sich hier selbst und ganz unspektakulär. Man kann etwa von Robert Neuherz, dem Protagonisten der Titelerzählung, nicht einmal sagen, daß er scheitert. Er tut einem einfach nur schneidend leid - ich gebe jetzt nicht Preis, warum. Das steht im Buch. Daß wir es mit rettungslosem Kitsch zu tun hätten, wo es den Figuren anders erginge, steht gleichwohl auf einem anderen Blatt.

Dabei tut es dem reizvollen Spannungsfeld, welches die Heiterkeit des Erzählers und die Traurigkeit der Geschichten hervorbringen, keinen Abbruch, wenn Friedrich Hahn hin und wieder ins platte Wortspiel driftet oder alltagspsychologische Sprichwörter gleichberechtigt neben konzise Beobachtungen stellt. Er schildert damit nur noch greifbarer den Bewußtseinszustand seiner Figuren. Man mag ihm angesichts mancher Stellen vor allem in "Roman" vielleicht vorwerfen, die Haltung eines allwissenden Erzählers und die falsche Wirtshauskomplizenschaft, in die er den Leser mit Sätzen wie "seinen 110 kg gutmütigkeit waren zweierkisten immer zu stressig." unmerklich zieht, würden schlecht miteinander harmonieren.
Genau darin liegt der eigentliche Pep der Texte, und wiederum kann er am besten erklärt werden, wenn wir Fräulein Amelie zum Vergleich nehmen: Die selbe Komplizenschaft zwischen Erzähler und Kinobesucher besteht auch dort. Doch während Friedrich Hahn sie dazu benutzt, Reibung zu verstärken und das letztlich auf die Katastrophe hin Angelegte in den Lebenssituationen seiner Figuren sichtbarer zu machen, reicht es dem Erzähler in "Amelie", uns die Wohlgeordnetheit der Geschichte so richtig sichtbar vors innere Auge zu führen. "110 kg gutmütigkeit" zum beispiel entpuppen sich als eine wort gewordene barrikade, die die nämliche figur vor sich herführt, um sich nicht "fett" nennen zu müssen.

Hahn spielt mit Abgründen, und er führt sein Spiel in einer alltäglich anmutenden Kunstsprache vor, die ein wenig so klingt, als sei Wolf Haas ins "ernste Fach" gewechselt. Unter den Klippen der "Lebensplanung" klaffen sie auf, diese Abgründe, unter dem scheinbar sicheren Boden des sozialisierten Daseins. Letztlich macht "Neuherz" einen wohl auch traurig, weil der Autor die Absurdität der Tänze, die wir aufführen, um uns nicht alleine zu fühlen, ganz nebenbei, deswegen aber nicht weniger eindringlich schildert.

Es gibt wenige gute Bücher, die ausschließlich von so durch und durch alltäglichen, vorstellbaren Charakteren behaust werden, die einem die Identifikation gleichzeitig so leicht machen und so verleiden. "Neuherz" hätte das Zeug, den Status eines Stefanie-Werger-Ersatzes für bürgerliche und/oder intellektuelle Konsumenten zu erreichen, doch ob das wünschenswert wäre oder viel eher ein Betrug an der "angemessenen Rezeption", sei dem Urteil des Lesers anheimgestellt.

 

Stefan Schmitzer
13. Jänner 2003

Originalbeitrag

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