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Eric Hobsbawm: Gefährliche Zeiten.

Ein Leben im 20. Jahrhundert.
Aus dem Englischen von Udo Rennert.
München, Wien: Hanser, 2003.
480 S.; 16 Abb; geb; Eur[A] 25,60.
ISBN 3-446-20375-3.

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"leicht schräg zum Universum" - Hobsbawms 20. Jahrhundert

"Interesting Times" (2002), zu deutsch "Gefährliche Zeiten", heißt die Autobiographie des außergewöhnlichen marxistischen Historikers Eric Hobsbawm, die lange B-Seite, wie der Jazz-Liebhaber schreibt, zu seiner Darstellung des "kurzen 20. Jahrhunderts", die unter dem Titel "Zeitalter der Extreme" zu Recht berühmt worden ist.

Mit dieser Welt- und nun auch Lebensgeschichte liegt eine der faszinierendsten Einladungen vor, dieses Jahrhundert in seiner Schäbigkeit und Attraktion zu besichtigen. Geleitet von einem alten, radikalen, weisen Linken, der sich den Teufel schert, das öffentlich geforderte - von manchen Altlinken auch exhibitionistisch übergestreifte - Büßerhemd unter allgemeiner Häme der Besserwisser auszustellen. Dafür ist ihm die Sache zu wichtig, die eigene Person aber nicht wichtiger als die Welt: Narzißtische Inszenierungsmanöver, Ich-Blähungen, Bettgeflüster und rechthaberische Rhetorik sind Fehlanzeigen in diesem Buch; das eigene Ich tritt insgesamt zurück in die vielfältigen Kontexte, die Hobsbawm intelligent und anschaulich, mitunter sarkastisch charakterisiert.
Nicht nur weil sie befreundet waren: Eine methodische Verwandtschaft mit Bourdieus autobiographischem Selbstversuch ist unverkennbar, wenngleich Hobsbawm sich mehr Platz läßt für empirisch gesättigte Milieuskizzen.

Die Tugend dieses Intellektuellen, Argumente (erneut) zu prüfen, warum er so und nicht anders gedacht hat und denkt, beschert dem interessierten Leser eine welthaltige Geschichte der kommunistischen Intellektuellen im 20. Jahrhundert und differenzierte Erklärungen dafür, warum der Kommunismus die Besten aus Hobsbawms Generation angezogen hat, zuletzt aber auch: warum er, der 1936 in England in die KP eingetreten ist - trotz allem - rund fünfzig Jahre in dieser Partei geblieben ist. Bei der Rekonstruktion der schweren Krise der Partei im Gefolge von 1956 gibt Hobsbawm jetzt als Historiker und als Autobiograph eine Erklärung für seinen Verbleib in der Partei (der ihn im übrigen nicht abhielt, zu Ausgetretenen wie E. P. Thompson, Raymond Williams und den jungen New Leftists intensiven Kontakt zu behalten). Historisch-politisch rechnet sich Hobsbawm zur Ära der antifaschistischen Einheits- und Volksfront, was noch heute sein strategisches politisches Denken bestimme; emotional gehöre er aber zu der Generation, "die eine fast unzerreißbare Nabelschnur mit der Hoffnung auf die Weltrevolution und ihrer Heimat, der Oktoberrevolution, verband". Zum persönlichen Gefühl, wenn man so will, zu seiner sympathischen "Bockigkeit", gehört der Stolz, nicht ohne, sondern trotz KP-Mitgliedschaft akademische Karriere zu machen, nicht zuletzt auch in den USA.

Das ist ungefähr in der Hälfte dieser Autobiographie nachzulesen, die insbesondere für den mitteleuropäischen Leser mit bewegenden Abschnitten über die Kindheit im von der Inflation gebeutelten Wien der zwanziger Jahre beginnt (Hobsbawms Mutter, Nelly Grün, war Wienerin und heiratete 1915 in Zürich den Engländer Percy Hobsbaum, den sie noch vor dem Krieg in Ägypten kennengelernt hatte; Eric kam 1917 im ägyptischen Alexandria zur Welt und wurde - fehlerhaft - als Hobsbawm für diese Welt registriert). Wien verläßt er als Vollwaise, um mit dem Onkel im Spätsommer 1931 nach Berlin zu ziehen. Mit großer Emphase beschreibt Hobsbawm die beiden Berliner Jahre zur Zeit der Weltwirtschaftskrise und des Aufstiegs der Nationalsozialisten, die Einfärbung der Welt in Braun und Rot, als "die beiden entscheidendsten Jahre" seines Lebens. Sie "machten einen lebenslangen Kommunisten aus mir oder zumindest einen Mann, dessen Leben ohne das politische Projekt, dem er sich als Schuljunge verschrieben hatte, seinen Charakter und seine Bedeutung verlieren würde, auch wenn das Projekt nachweislich gescheitert ist".

Mit der beruflich-akademischen Etablierung und der Wiederverheiratung (nach einer gescheiterten ersten Ehe heiratet Hobsbawm 1962 die aus Wien stammende Marlene Schwarz) lockert sich die chronologisch-lineare Verknüpfung zugunsten einer räumlich strukturierten Erfahrungsorganisation. Die wahrhaft weltumspannenden Aktivität (vor allem Spanien, Italien, Frankreich, Lateinamerika) und der bürgerlich-akademische Lebensstil (mit Landsitz in Wales, zugleich ein Schreibort der Autobiographie) kommen der Vorliebe für Entdramatisierung und der politisch-sozialgeschichtlichen Skizze entgegen: Beschreibung und Argumentation statt Erzählung. Die niemals trivialen Diagnosen zur politischen und ökonomischen Situation in den sechziger Jahren - 1968 wird sehr distanziert zurechtgerückt - oder zur englischen Historiographie, die von Hobsbawms Mitbegründung der Zeitschrift "Past & Present" (1952) bis zu seiner Affiliation mit der französischen "Annales"-Schule reicht, zeigen ein erzählerisch ausgeblaßtes Ich als Verknüpfungsfigur einer Sozialgeschichte des Intellektuellen im 20. Jahrhundert, der dieses Interesse wie die Geschichte der Intellektuellen nachhaltig bestimmt hat.

Was die universitären Institutionen angeht, ist diese Autobiographie - bei aller Kritik - ein Dokument für die wissenschaftliche Vielfalt, das skurrile Durcheinander der unterschiedlichsten Lebensstile, die Toleranz und das kreative Ausprobieren neuer Fragestellungen und ihrer kollegialen Erprobung in lokalen wie internationalen Zusammenhängen. Auch das also ein Abschied vom kurzen 20. Jahrhundert - mit was für einen lapidaren letzten Satz: "Von selbst wird die Welt nicht besser".

Karl Wagner
15. Oktober 2003

Ungekürzte Fassung des zuerst in: Falter, Nr. 41, 08. 10. 2003, erschienenen Texts.

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