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Stefanie Holzer: In 80 Tagen um Österreich.

Ein Reisebuch.
Wien: Mandelbaum, 2003.
272 S.; geb; Eur[A] 15,80.
ISBN 3-85476-099-x.

Link zur Leseprobe

Auf insgesamt vier Reisen, die von 1999 bis 2002 stattfinden, erkunden Stefanie Holzer und ihr Begleiter Walter Klier die Alpenrepublik. Ausgangspunkt ist dabei jeweils Innsbruck, wobei die Landeshauptstädte wohlweislich umfahren werden, denn immerhin soll der Leser mit hinlänglich bekannten Fakten nicht gelangweilt werden. Abgesehen davon wäre bei der Fülle an Kulturgütern ein Folgeband zu veranschlagen gewesen. Stattdessen weitet das Paar seine Route über die österreichischen Grenzen aus und unternimmt auch Abstecher in die Nachbarländer. Auf der dergestalt eingelösten Umrundung werden Regionen vorgestellt, die trotz ihrer geografischen Nähe zu Österreich vielen Landsleuten Terra incognita sein dürften.

Die erste Etappe führt die Autorin zunächst ins Salzkammergut, wo sie St. Wolfgang ihre Reverenz erweist. Vom "Weißen Rössl" enttäuscht, nimmt sie den Pacher-Altar in der Kirche in Augenschein. Ein touristisches Muss, das Stefanie Holzer einer detailreichen Beschreibung unterzieht. Dabei erfahren wir von den "Heiligen Georg und Michael", eine Klassifizierung, über die sich der Erzengel nicht freuen wird.

Sei es, wie es ist, die Reise muss weiter gehen. Bad Ischl oder Hallstatt bleiben angesichts des dicht gedrängten Programms auf der Strecke. Dafür erreichen die beiden bald die Steiermark, die bei Tirolern augenscheinlich ein Geheimtipp geworden ist. Wer also nicht wie Hinz und Kunz seinen Wein südlich des Brenners kaufen will, unternimmt eine Spritztour in Schwarzeneggers Heimat. Das Stift Rein in der Nähe von Graz hat übrigens eine Besonderheit vorzuweisen: einen Pförtner-Bruder, der Frauen nette Komplimente macht. Sollte das der Anfang einer Trendwende in der katholischen Kirche sein? Stefanie Holzer hat sich jedenfalls nicht beklagt. Weniger angetan war sie von einer "Pension an der Ortseinfahrt zu Riegersburg". Dort herrscht nämlich im Gegensatz zum Stift Rein namentlich in den Nachtstunden reger Autoverkehr. Wer um der Stille willen das Land aufsucht, sollte sich bei der Wahl seiner Unterkunft allerdings vor Durchzugsstraßen in Acht nehmen. Überhaupt scheint das Auffinden eines ruhigen Quartiers die schwierigste Angelegenheit auf dieser Reise zu sein. Gerade in Hotels haben Betten bestenfalls dekorativen Charakter, weil nächtliche Animation, die aus allen Räumen und Richtungen kommen mag, den Schlaf mitunter gründlich vertreibt.

Im Burgenland stellt die Autorin zweierlei Besonderheiten fest. Erstens werde dort zwischen Milch und Kaffeeobers unterschieden, und zweitens hätten Autowerkstätten samstags, sonntags und montags geschlossen: "Da sage einmal einer, dass Österreich keine Überraschungen zu bieten hat!"

Dazu bedarf es einer Erklärung. Unweit von Güssing verliert der Wagen, in dem sich Stefanie Holzer und Walter Klier befinden, den Auspufftopf. Als der Pannenhelfer den Fall inspiziert, vertröstet er die beiden auf die nächste Woche. Größere Kalamitäten ereignen sich auf der insgesamt ereignislosen Österreichrundfahrt nicht. Es sei denn, man hält nächtliche Begegnungen mit Gelsen oder Meditationen über den Zustand der sanitären Anlagen für erwähnenswert.

Stefanie Holzer, die sich des selbst verliehenen Titels eines "Don Quijote der Gastronomie" rühmt, bringt uns dieses unbegreifliche Land, an dem sich schon Größen wie Robert Menasse oder Gerhard Roth die Zähne ausgebissen haben, zumindest aus kulinarischer Perspektive näher.

Die zweite Reise führt in den hohen Norden Österreichs. Unterwegs streift sie "Heiligenblut, das so malerisch wie sonst kein Ort auf der Welt" liegt - eine Bemerkung, die nur nachvollziehbar ist, wenn man über lokale Bausünden gnädig hinwegsieht. Nachgerade ins Schwärmen gerät sie beim Anblick des Hochgebirges auf der Glocknerstraße. Genauso gut könnte man diesen Eingriff in die Landschaft als ökologische Katastrophe bezeichnen. Aber mit solchen Überlegungen hält sich die eilige Reisende nicht auf, denn schon stehen das Inn- und Mühlviertel auf dem Programm. Einschlägige Informationen, die sorgfältig ausgewählt werden, erlauben es dem Leser, seine heimatkundlichen Kenntnisse aufzufrischen oder zu erweitern. Diese angenehme Balance macht die Lektüre in diesem Punkt zu einem Vergnügen. Man begreift den einzigartigen Reichtum Österreichs an Kirchen und Klöstern, und es fällt einem bei aller Skepsis gegenüber den Institutionen des Glaubens schwer, nicht für dieses Erbe dankbar zu sein.

Wenngleich die Flüchtigkeit der Begegnung mit den diversen Landstrichen zwangsläufig eine gewisse Oberflächlichkeit in der Beobachtung nach sich zieht, gelingen Stefanie Holzer doch immer wieder Aperçus, die das Wesentliche geistreich festhalten. So etwa, wenn sie notiert, "der Hügel ist die Mühlviertler Entsprechung zur russischen Werst".

Anderseits entgeht dem reisenden Paar eine zentrale Erfahrung Österreichs, die nur über das Erlebnis der Natur stattfinden kann. Dazu bedürfte es freilich einer anderen Art des Reisens. Wessen Hauptsorge allerdings einer bequemen Unterkunft gilt und wer sich obendrein des banalsten aller Verkehrsmittel, nämlich des Autos, bedient, der vermag lediglich ein Werk wie In 80 Tagen um Österreich hervorzubringen. Freilich, man muss der Konzeption dieses Buches, das als kulinarischer Kunst- und Kulturführer angelegt ist, Rechnung tragen. Aber wer nicht gewillt ist, abseits zu gehen, muss mit dem Alltäglichen vorlieb nehmen. Nostalgisch erinnert man sich Kyselaks oder Seumes und bedauert, dass aus dem Vorwort kein Buch geworden ist. Dort berichtet Stefanie Holzer nämlich von ihrer Reise durch Österreich per Austria-Ticket, die sie als Jugendliche in den siebziger Jahren unternahm und die mehr potenziellen Erzählstoff enthält als die folgenden Kapitel. Wenn Reisen nicht ein Verlassen gewohnten, weil absolut sicheren Terrains darstellt, dann bleibt es die gelungene Verlängerung des Alltäglichen. Wo sich Reisen also auf das Verkosten von fremden Speisen reduziert, also als maximales Risiko ein kulinarisches eingegangen wird, bleibt das Nichtreisen als authentischer Zustand zurück. Vielleicht rührt daher die zähe Floskel "nicht wirklich", die von der Autorin strapaziert wird und dem Rezipienten die Frage aufdrängt, was denn nun tatsächlich "wirklich" ist. Womit es der durchaus geistreichen Stefanie Holzer gelungen ist, ihr Reisebuch pointiert zu charakterisieren.

Bedauerlicherweise machen auch die folgende dritte und vierte Reise die Enttäuschung nicht wett. Immerhin: Der Ton wird etwas kritischer, zumal wenn es sich um die irreversible Vernichtung gewachsener Kulturlandschaften handelt, die mangelnder Raumplanung und dem ziellosen Wuchern von Gewerbe und Industrie zu danken sind.

Aber selbst Geduldige wie Stefanie Holzer werden der standardisierten EU-Einheitslandschaft schließlich müde. Insofern erstaunt es nicht, dass hinter dem Seebergsattel, nämlich drüben im Slowenischen, die Notizen beim Anblick kleinteiliger Bodenbewirtschaftung wehmütig gefärbt werden: "Die Bauernhöfe der Gegend sind so, wie sie bei uns in den 1960er Jahren waren. Nicht alles ist schlecht daran, mir geht jedenfalls das Herz auf, wenn Weiden mit unterschiedlichen Kühen, die nach Laune im Bach trinken können, bevölkert sind, wenn Felder nicht bis an den Horizont reichen und insbesondere wenn der typische Selbstversorger-Acker mit Erdäpfeln, Kraut, Bohnen, roten Rüben und Karotten nicht weit vom Haus ein appetitliches Bild abgibt."

Was Stefanie Holzer über den Nutzen des Reisens, zumal im westlichen Kontext, denkt, wäre man neugierig zu erfahren. Ein Fazit vielleicht dieser zahllosen Eindrücke und Empfindungen, die sie während ihrer Besichtigungstour gesammelt hat. Allein darüber schweigt sie. Viel lieber zitiert sie aus dem unentbehrlichen DuMont-Reiseführer und ergeht sich in ermüdenden Ausführungen über Gaststätten, Hotels und Speisen, die in saloppem Journalistendeutsch vorgetragen werden. Wer einmal mit Humbert Fink unter dem Arm Spanien bereist hat, weiß wie viel Bildung und Beobachtungsgabe vonnöten sind, um dem Leser eine überlegene Zusammenschau zu bieten. Wo ein Könner seines Genres Wissen verschiedener Disziplinen souverän verknüpft, begnügt sich Stefanie Holzer mit lässigem Geplauder, das die Befindlichkeiten einer Person widerspiegelt, die im Reisen "nicht wirklich" geübt ist.

Walter Wagner
16. Oktober 2003

Originalbeitrag

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