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Ernst Hinterberger: Ein Abschied. Lebenserinnerungen.

Wien: Ueberreuter 2002.
144 S., geb., m. Abb., EUR 17.90.
ISBN: 3-8000-3905-2.

Link zur Leseprobe

Es gibt keinen Weg / Nur Träume / Und Träume von Träumen. Diese Weisheit eines Zen-Meisters setzt Ernst Hinterberger vor sein neues Buch Ein Abschied, das soeben im Wiener Ueberreuter Verlag erschienen ist.

Ein Abschied ist ein sehr dunkles, sehr trauriges Buch eines alt und müde gewordenen Schriftstellers, der nach dem überraschenden Tod seiner Frau resigniert hat: Wenn ich heute in den Spiegel schaue, sehe ich einen alten, stumpfen und verdrossenen, voll geschorenen Mann, dessen schmallippiger, nach unten verzogener Mund andeutet, dass er schon lange nicht mehr in befreiendem Lachen verzogen war, und dessen abwesender Blick zeigt, dass er im Großen und Ganzen mit der Welt nichts mehr zu tun haben will.

Der Tod kam plötzlich. Hinterbergers Frau Greti wird kurz vor Weihnachten ins Krankenhaus eingeliefert. Hinterberger besucht sie am nächsten Tag: [...] fand sie ganz munter, küsste sie, wie wir es immer machten, auf Mund und Wange, ging zu den Schwestern auf den Gang, um mir eine Vase für die mitgebrachten Blumen zu erbitten, und hoffte, dass sie ein bisschen Freude an ihnen haben würde; ich bin, was Blumen angeht, recht ungeschickt, vergesse meist meiner Frau welche heimzubringen und wenn, dann die falschen - diesmal hatte ich aber dunkelrote Rosen, die, wie ich hoffte, bestimmt das Richtige sein würden. Als ich ins Krankenzimmer zurückkam, aß meine Frau nicht mehr. Sie saß irgendwie steif auf dem Bett, hatte die Augen aufgerissen, klagte über plötzliche und kaum auszuhaltende Rückenschmerzen und begann zu schreien. Ich lief auf den Gang hinaus, alarmierte die Schwestern, von denen sofort zwei da waren - und als wir ins Krankenzimmer kamen, lag meine Frau bereits regungslos auf dem Boden.

Das Buch ist beklemmend, weil Hinterberger nichts ausspart, nichts beschönigt, Tod und Leben schonungslos und nüchtern beschreibt.
Er kramt nach dem Tod seiner Frau eine Nacht lang in alten Fotos und erinnert sich an früher: an die schweren Nachkriegsjahre, das erste Verliebtsein auf einem Donauschiff, an die kargen Fabriksjahre, spätere erste Erfolge als Schriftsteller, an die Sommer im Gänsehäufel, die langen Sonntagsspaziergänge, an erste Urlaubsreisen ins Ausland. Immer wieder erzählt er von seiner geliebten Greti und man ahnt als Leser, wie groß die Liebe zu seiner Frau wirklich gewesen ist. Er breitet sein Leben und das seiner Nächsten vor dem Leser aus, gesteht seine Fehler ein, betont aber immer wieder, wie sehr er an seiner Frau gehangen ist.

Hinterberger ist Kulturpessimist, er lebt nur mehr in der Vergangenheit, die natürlich schöner war als die Gegenwart, mit der er nichts mehr anfangen kann. Es sind die typischen Klagen, wie man sie von schlecht gelaunten alten Menschen hört - auf der Straße, im Bus, bei Verwandtschaftstreffen. Als hätte sich die Welt um einen eingetrübt, als gäbe es nur mehr Tod und Krankheit und gescheitertes Leben. Diese Passagen sind manchmal schwer verdaulich. Auch in stilistischer Hinsicht gäbe es einiges auszusetzen - zu viele platte Formulierungen, zu viele Vorurteile - aber das wäre nicht fair und ist nicht Ziel dieser Kritik. Hinterbergers Buch ist zu lesen als ein langer Abschiedsbrief, eine Lebensbeichte an den einzigen Menschen, den er wirklich geliebt hat und den er vor neun Monaten auf sehr schmerzvolle Weise verloren hat. So gelesen offenbart das Buch eine eindringliche Intensität.

 

Peter Landerl
30. September 2002

Originalbeitrag

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