logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

Mai
Mo Di Mi Do Fr Sa So
18 29 30 01 02 03 04 05
19 06 07 08 09 10 11 12
20 13 14 15 16 17 18 19
21 20 21 22 23 24 25 26
22 27 28 29 30 31 01 02

FÖRDERGEBER

  BMUKK

  Wien Kultur

JAHRESSPONSOR

  paperblanks
kopfgrafik mitte

Erich Hackl: Die Hochzeit von Auschwitz. Eine Begebenheit.

Zürich: Diogenes Verlag AG, 2002.
185 S., geb., EUR 17.40.
ISBN 3-257-06324-5.

Es ist eine Art Traum, eine ferne Erinnerung mit der die spanische Schwägerin ihren Bericht über den Wiener Rudi Friemel beginnt. Sie ist sich unsicher, ob sie überhaupt erzählen soll, ob ihr wirklich jemand zuhört. Sie weiß, dass es zu spät ist, Einbildung und Wirklichkeit auseinanderhalten zu können. Erich Hackl nimmt damit von vorneherein jeden Anspruch auf die Wahrheit zurück, schon im Motto von Sergio Atzeni , das er dem "Eine Begebenheit" genannten Text voranstellt, bekennt er die Möglichkeit, dass manches ausgeschmückt, über manchen Tatsachen der Schleier des Erinnerns liegt und Berichte wie Schlussfolgerungen "verzerrt, verwandelt, verdichtet" sein können. Es ist freilich diese unprätentiöse Nüchternheit, die andererseits das Unerhörte der Begebenheit exemplarisch macht.

Erich Hackl harmonisiert nicht, macht die Vielstimmigkeit seiner Quellen und mitunter auch ihre Widersprüchlichkeit deutlich. Die Stimmen der Söhne, der Schwägerin, von Spanienkämpfern aber auch eines ehemaligen Staatspolizisten werden vernehmbar. Behutsam packt der Erzähler die "Archivbox" aus, liest Dokumente und Bilder. Er fördert die Geschichte einer Liebe zutage, die stark wie im Märchen und grausam wie in einer antiken Tragödie ist. Der Österreicher Rudi Friemel war nach Spanien gekommen, um mit den internationalen Brigaden gegen Franco zu kämpfen, und lernt im Frühjahr 1938 in einer Kampfpause am Ebro unter den Mujeres Antifascitstas Margarita Ferrer kennen. Bei der Verabschiedung, nachdem plötzlich ein Befehl zum Einsatz gekommen war, umarmt er auch deren Schwester und gesteht ihr, dass er sich in Margarita verliebt habe.

Friemel war in Wien bereits verheiratet, hatte einen Sohn. Vom Vater der Spanierin wurde er vor die Tür gesetzt. Komplizierte Verhältnisse in einer zerrütteten Zeit. Trotz aller Hindernisse kommt das Paar wieder zusammen. Marga wird schwanger. Nur kurz dürfen sie zusammen sein, denn mit der Flucht vor den siegreichen Franco-Truppen beginnt eine Odyssee der Trennung durch verschiedene Lager und Gefängnisse. Rudi wird zuletzt nach Auschwitz gebracht, Marga wird in Deutschland als Zwangsarbeiterin festgehalten.

Am 18. März 1944 um 11 Uhr wurden auf dem Standesamt Auschwitz Häftling Nr. 25173, der Mechaniker Rudi Friemel, und die Spanierin Margarita Ferrer getraut. Die Schwägerin erinnert sich an das Hochzeitsfoto: "Ein Paar schöner als im Kino. Margarita hat ein trauriges Gesicht, voll Kummer, aber er lächelt."

Rudi Friemel wurde am 30. Dezember wegen versuchter Flucht aus dem Konzentrationslager in seinem Hochzeitshemd, "das mit Rosen bestickt war", am Galgen, der vor einem Christbaum stand, mit vier anderen Männern erhängt. Marga und ihr Kind haben den Krieg überlebt.

Erich Hackl beendet seinen Bericht mit der lapidaren Feststellung eines Lager-Überlebenden: "Wer in Auschwitz war, hat für den Rest seines Lebens eine Hornhaut auf der Seele." Ich denke, dass diese Geschichte von einer großen Liebe, gerade diese "Hornhaut" vermeiden helfen kann. Genauso wie die Hochzeit von Auschwitz nicht folgenlos geblieben ist. Am Tag der Hochzeit stand für zwei, die spätnachts über die Lagerstraße zu ihrem Block gingen der Entschluss fest, dass sie fliehen würden. Die Hochzeit war für sie der unwiderlegbare Beweis ihrer Existenz.

Rudi Friemel sei, so meint seine Schwägerin einmal, besessen gewesen vom Wunsch, Österreich vom Faschismus zu befreien. Trotz aller widersprüchlichen Erinnerungen scheint es glaubhaft, dass Rudi Friemel diesen Wunsch auch gelebt hat. Das sei die einzig mögliche und glaubwürdige Haltung, meint Erich Hackl in einer Rede zum Thema "Schreiben gegen den Faschismus - einst und heute". Er zitiert da zur Untermauerung aus dem Gedicht "Landmeer" von Guntram Vesper
"Wir dürfen unser/Leben/nicht beschreiben, wie wir es/gelebt haben/sondern müssen es/so leben/wie wir es erzählen werden: /Mitleid/Trauer und Empörung."
"Die Hochzeit von Auschwitz" hilft, die Bedeutung dieser Verse zu erfassen.

Helmut Sturm
20. November 2002

Originalbeitrag

Suche in den Webseiten  
Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Österreichischer Schriftsteller/innenverband - "Tore statt Grenzen"

Mi, 22.05.2013, 19.00 Uhr Lesungen Reet Kudu, geb. in Tartu/Estland, lebt in Tallin; studierte...


Ausstellung
Hanno Millesi Neo-Geo

04.04.2013–27.06.2013 Bildnerische Arbeiten gehören seit Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit...


Tipps
flugschrift

flugschrift Nr.4 - gestaltet von der Autorin und Fotografin Petra Coronato - ist ab sofort im...


BÜCHERFLOHMARKT

Noch bis 29. Mai 2013 findet im Foyer des Literaturhauses, Seidengasse 13, 1070 Wien,  ein...